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Wer ist schuld an der Hungersnot?

Von Johannes Dieterich. Aktualisiert am 28.07.2011 67 Kommentare

In Ostafrika sind 11 Millionen Menschen auf der Flucht. In Europa fragt man sich, warum.

Hungrig und Durstig: Ein neu im Flüchtlingslager Dadaab angekommenes Kind.

Hungrig und Durstig: Ein neu im Flüchtlingslager Dadaab angekommenes Kind.
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Die Dürre am Horn von Afrika

Die Dürre am Horn von Afrika
Eine lang anhaltende Dürreperiode sorgt in Somalia und umliegenden Ländern für Hungersnot und Flüchtlingsströme. (Juli 2011)

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Da sind sie wieder. Die Bilder von wandelnden Skeletten, die sich durch Sandstürme quälen, verzweifelten Müttern, die ihre sterbenden Kinder am Wegrand liegen lassen, riesigen Kinderaugen, die fassungslos aus hohlwangigen Schädeln starren. Solche Szenen hatte man in diesem Jahrhundert nicht mehr erwartet: Hatten Technologen nicht das Ende altertümlicher Hungersnöte erklärt, und wurde nicht soeben die Renaissance des Aschenputtel-Kontinents ausgerufen?

Vielleicht auch deshalb unterscheidet sich die Reaktion auf die erste Hungersnot der Welt seit einem Vierteljahrhundert: Statt das Portemonnaie zu zücken, erhebt man lieber den Zeigefinger. In einem Reigen an Bezichtigungen werden die Schuldigen für den «Skandal des Jahrhunderts» (so der französische Landwirtschaftsminister Bruno Le Maire) etwa unter den Entwicklungshelfern ausgemacht, die es versäumt hätten, die betroffenen Staaten vor Nahrungsmittel-Engpässen zu bewahren. Oder unter den afrikanischen Politikern, die lediglich an ihrer Selbstbereicherung statt am Gemeinwohl interessiert seien. Oder in den somalischen Islamisten, die mit dem Ziel, einen mittelalterlichen Gottesstaat zu schaffen, über Leichen gingen. Oder aber auch in der sogenannten internationalen Gemeinschaft, die wieder einmal viel zu spät reagiert habe.

Das Pokerspiel der Islamisten

An all diesen Vorwürfen ist etwas dran. Entwicklungshelfer klagen selbst darüber, dass sie für Massnahmen zur Katastrophenverhütung bei den Gebern kaum noch Gelder lockermachen könnten. Dass dem so ist, liegt sowohl an den wegen ihrer Überschuldung zur Sparsamkeit gezwungenen Regierungen – wie an uns Fernsehzuschauern, deren Mitleid erst dann geweckt wird, wenn uns sterbende Kinder anstarren.

Zweifellos zeichnen sich auch viele afrikanische Politiker nicht durch ihr Verantwortungsbewusstsein aus: Kenianische Volksvertreter sind berüchtigt dafür, selbst bei den Ärmsten noch Reibach zu machen. Verhängnisvoll wirkt sich auch das Pokerspiel der somalischen Islamisten um den Zugang der Hilfswerke zu den Dürreopfern aus – obwohl die westliche Pauschalverurteilung der Gottesmänner, die einst von vielen Somaliern als einzige Hoffnung für ihr verheertes Land begrüsst wurden, weder zutrifft noch weiterhilft. Schliesslich ist auch die Kritik an der internationalen Gemeinschaft berechtigt: Keine Krisenregion der Welt hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten weniger Aufmerksamkeit erfahren als das Horn von Afrika.

Der Höhepunkt einer Tragödie

Das Verhalten des Westens gegenüber Somalia wurde vom Gefühl des Beleidigtseins bestimmt – man vermisste die Dankbarkeit. Nachdem die UN-Mission «Restore Hope», die neben Nahrungsmitteln auch politische Stabilität bringen sollte, Anfang der 90er-Jahre gründlich gescheitert war, zog sich der Westen völlig zurück: Das Land wurde raffgierigen Kriegsfürsten, schadenfrohen Nachbarstaaten, feurigen Gottesmännern und gewissenlosen Piraten überlassen.

Die somalische Bevölkerung machte durch, was in anderen Teilen der Welt kein Mensch für möglich halten würde: Der derzeitige Exodus der Skelette ist nur der Höhepunkt einer Tragödie von epischem Ausmass. Im Westen war praktisch unbekannt, dass in Mogadiscio schon vor der Hungersnot ein Häuserkampf wie einst in Stalingrad tobte: Die mörderischen Zustände in dem gescheiterten Staat waren keine Nachricht wert.

Damit steht Somalia auch für ein grundsätzliches Phänomen. Obwohl die Globalisierung wirtschaftlich längst Tatsache ist, somalische Piraten dem Welthandel Schäden in Milliardenhöhe beibringen und somalische Gotteskämpfer den Weltfrieden mit Selbstmordattentaten zu zerstören drohen, pflegen die abgeschriebenen Paragrafen einer Doktorarbeit in der Weltpresse höhere Wellen zu schlagen als eine in den Abgrund stürzende Weltregion.

Der Rand von Tellern, voll mit Knödeln und Specksuppe, scheint so hoch zu sein, dass ein ganzer Kontinent dahinter verschwindet – das kann in Parteizentralen, Medienhäusern oder am Stammtisch geschehen. Den Geldbeutel zu öffnen, ist gewiss eine der Reaktionen, die angesichts der Hungersnot am Horn von Afrika dringend nötig sind.

Die Augen zu öffnen und zu handeln, um solche Katastrophen in der Zeit zu bekämpfen, bevor sie passieren, eine andere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2011, 06:43 Uhr

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67 Kommentare

Walter Rohrer

28.07.2011, 07:58 Uhr
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Also der Westen ist wieder schuldig gesprochen. Mischt er sich ein ist es nicht recht, zieht er sich zurück, ist es nicht recht. Warum kann nicht auch mal der Osten etwas tun, der Orient, China, Russland? Oder der Islam, die islamischen Länder könnten doch auch mal bisschen Solidarität zeigen, mit ihren Brüdern. Antworten


Markus Baumgartner

28.07.2011, 09:45 Uhr
Melden 21 Empfehlung

Wer ist schuld an der Hungersnot?
Da können wir gleichmal beim reichsten Kleinstaat der Welt, beim Vatikan anfangen.
Wer ist gegen Familienplanung, wer ist gegen Aufklärung, wer ist gegen Verhütungsmittel ???
Zudem hat der Vatikan noch die Dreistigkeit, den Aermsten, in der Not noch den letzten Bazen aus der Tasche zu holen. Habe nirgens gelesen, das der Vatikan irgendwie gespendet hat !
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