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«Wir Iraner sind anders als unser Regime»

Von Ahmad Taheri, Teheran. Aktualisiert am 25.06.2009 10 Kommentare

Junge, Alte, Frauen, Männer, Arbeiter, Akademiker – die grüne Bewegung gegen Ahmadinejad und die herrschenden Mullahs umfasst alle Schichten des Iran.

Halten ihrem Kandidaten die Treue: Demonstranten nach der Wahlniederlage Mir Hossein Moussavis.

Halten ihrem Kandidaten die Treue: Demonstranten nach der Wahlniederlage Mir Hossein Moussavis.
Bild: Keystone

Seit zwei Stunden versucht Mashid ihre Tochter Shirin in Teheran zu erreichen. Sie ist voller Sorge. Aus dem Fernsehen weiss sie, was in der Hauptstadt los ist. Endlich nimmt jemand den Hörer ab. Es ist das Kindermädchen. «Shirin ist nicht zu Hause», sagt sie aufgeregt, «sie ist zu den Moussavi-Leuten gegangen.» Im Hintergrund schreien Shirins Zwillinge. Die Mutter ist entsetzt. «Sie geht zur Demonstration?», ruft sie. Als das Fernsehen später berichtet, dass der Marsch der Opposition gewaltlos verlaufen sei, beruhigt sich Mashid. Sie lacht über das ganze Gesicht. Tränen rollen über ihre Wangen.

Vor 30 Jahren auch demonstriert

Mashid ist 63, doch jetzt sieht sie plötzlich viel jünger aus. «Vor dreissig Jahren habe ich auch demonstriert», sagt sie, «gegen den Schah. Shirin war noch ein Baby.» Angst hatte Mashid damals nicht. Es waren Zehntausende, die auf die Strasse gingen. Sie riefen: «Nieder mit dem Schah!» Manche trugen auch Bilder von Ayatollah Khomeini. Mashid ging oft mit Freunden, weil ihr Mann, ein Architekt, arbeiten musste. Sie wohnten in einem besseren Stadtteil von Mashhad, der zweitgrössten Stadt des Iran, in einem schönen Haus mit einem gepflegten Garten. Als Khomeini über den Schah siegte, war Mashid Feuer und Flamme. An diesem Abend im Januar 1979 feierte die Familie mit Freunden den Sieg der islamischen Revolution mit versteckten Restbeständen von Wodka und Whisky. Was die Zukunft bringen würde, kümmerte sie damals nicht. Hauptsache, der Schah war verschwunden.

Mashid lebt noch heute in ihrem Haus. Als ihr Mann vor zwei Jahren an Krebs starb, erbte sie Bargeld und Grundstücke. Die Erbschaft hat Mashid bei einer privaten Bank für fünf Jahre fest angelegt. Von den Zinsen können sie und ihre Kinder sorglos leben.

Strahlende Gesichter

Shirin, ihre älteste Tochter, ist verheiratet und lebt in Teheran. Die junge Familie wohnt in einem alten, gut erhaltenen Viertel im vornehmeren Norden der Hauptstadt. «Shirin ist zu Hause», sagt das Kindermädchen, das die Türe geöffnet hat. Shirin sitzt im Arbeitszimmer vor ihrem Laptop und liest ihre E-Mails. Die Zwillinge machen ihren Mittagsschlaf. Shirin wäre auch heute zur Demonstration gegangen. Aber das Kindermädchen muss seine kranke Mutter besuchen. Früher, bevor die Kinder da waren, arbeitete Shirin als Grafikerin. Ihr Mann hat einen guten Job bei einer Baufirma. Am späteren Nachmittag kommen Freunde, junge Leute mit strahlenden Gesichtern. Sie sind stolz, dass sie den Kampf mit der Staatsmacht aufgenommen haben.

Nach Einbruch der Dunkelheit gehen Shirin und ein paar ihrer Freunde hinüber zu den Nachbarn. Hala und ihr Mann Bahman sind eine Generation älter. Auch sie leben von den Zinsen ihres Vermögens. Sie unterstützen sogar ihren Sohn, der in London Sprachphilosophie studiert.

Grünes Band an der Krawatte

Hala konnte nicht die ganze Zeit bei der Demonstration mitmarschieren. Deshalb setzten sie sich in ein Taxi und kehrten nach Hause zurück. Das Ehepaar hat eine bewegte Geschichte. Unter dem Schah sassen beide als Kommunisten im Gefängnis. Nach zwei Jahren, kurz vor der islamischen Revolution, wurden sie freigelassen. Als Linke waren sie nicht für einen islamischen Staat. Später begann Hala zu malen. Jetzt verkauft sie sogar ihre Bilder. Auch sie haben in der Woche nach dem Wahltag an den Demonstrationen teilgenommen. Bahman liest unentwegt. Er hat eine grosse Bibliothek und ist eine Art Privatgelehrter. Die beiden strahlen Zufriedenheit aus. «Wir haben das Regime herausgefordert, und wir leben trotzdem noch», sagt Bahman. «Wissen Sie, was mich am meisten freut?», sagt Hala. «Dass die Welt sieht, dass die Iraner anders sind als ihr Regime. Niemand wird uns mehr mit ihm gleichsetzen.» Immer mehr Leute kommen in die geräumige Wohnung. Jetzt sind auch ältere Leute dabei, ein Universitätsprofessor und ein Herr in grauem Anzug, der aus Deutschland Kartoffelchips in den Iran einführt und anscheinend rasch zu Geld gekommen ist. An seiner Krawatte trägt er ein grünes Band.

Die Menschen, die in diesen Tagen zu Hunderttausenden in den iranischen Städten demonstrierten, sind nicht alle Freiberufler, Intellektuelle, Akademiker, Studenten und Schüler, die westlich orientiert sind. Auch viele Menschen aus weniger wohlhabenden Schichten sind dabei, Ladenbesitzer, Taxichauffeure, Handwerker und einfache Arbeiter. Ihre Beweggründe sind unterschiedlich, aber sie haben ein gemeinsames Ziel: Ahmadinejad zu verjagen. Was die Gebildeten sagen, ist oft das Gleiche: Sie wollen nicht mehr hinnehmen, dass ihr Land wegen eines «dreisten Populisten» in der Welt geächtet wird.

Warum erst jetzt? Es brauchte eine neue Generation, welche die Bürde der Revolution nicht mehr trägt und die in Filmen, Fernsehen und Internet ein anderes Leben gesehen hat, als ihnen in der islamischen Republik aufgezwungen wird. Ahmadinejad ist die Negation all dessen, was sie sich für ihr Leben erhoffen. Um einen anderen Staat geht es ihnen dabei nicht. Die wenigsten wollen den Gottesstaat aus den Angeln heben. Das hat nicht mit Religiosität zu tun, sondern mit Realismus. «Wer soll ein anderes System auf die Beine stellen?», sagen sie. In weiser Voraussicht haben die Ayatollahs dafür gesorgt, dass keine Partei, keine politische Organisation ausserhalb des Systems besteht. Die Demonstranten, die nachts von den Dächern «Allahu Akbar, Mir Hossein, Allahu Akbar» rufen, wissen, dass sie sich nicht abrupt von der Tradition trennen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2009, 22:50 Uhr

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10 Kommentare

Dominik Hüsler

26.06.2009, 07:37 Uhr
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BRAVO!!! Hut ab vor diesen Menschen die ihre Rechte und Pflichten als Bürger wahrnehmen und alles riskieren. Und wir sind schon froh wenn 30% Wähleranteil erreicht werden und sind dabei ach so stolz auf die vermeintlich älteste Demokratie der Welt... Antworten


Thomas Hirt

26.06.2009, 07:56 Uhr
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"Was die Zukunft bringen würde, kümmerte sie nicht. Hauptsache, der Schah war verschwunden." Viele Iraner der "Schah weg"-Generation schämen sich heute für ihre damalige Dummheit und sind zu feige gegen etwas zu kämpfen, das sie zu verantworten haben. Der Schah war zwar ein Diktator, aber viel fortschrittlicher und weiser als die Mullahs. Es ist gut zu sehen, dass eine neue Generation erwacht ist! Antworten



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