Ausland
«Wir töteten Unschuldige»
Von Christof Münger. Aktualisiert am 15.09.2009 6 Kommentare
«Die Moral unserer Soldaten ist sehr schlecht, weil die Mission unklar ist»: Rick Reyes.
Verluste für Nato-Schutztruppe
Bei Zwischenfällen im Süden Afghanistans sind zwei Nato-Soldaten der Internationalen Schutztruppe (Isaf) getötet worden. Bei einem Angriff auf eine britische Patrouille im Bezirk Babaji der Provinz Helmand sei einer der Soldaten erschossen worden, teilte das Londoner Verteidigungsministerium am Montag mit. Bei der Explosion einer Sprengfalle sei ein weiterer Soldat getötet worden, teilte die Nato mit. Beide Zwischenfälle hätten sich bereits am Sonntag ereignet. Die Nato machte keine Angaben über die Nationalität des in der Sprengfalle getöteten Soldaten. Indes hält der US-Sicherheitsexperte Zbigniew Brzezinski eine Konferenz zu einer neuen Strategie in Afghanistan für eine gute Idee. Er befürchtet, dass die Truppen der Nato in Afghanistan in eine ähnliche Blockade geraten wie die sowjetischen vor 20 Jahren. Brzezinski zählt Afghanistan und Pakistan zu jenen Krisenherden, bei denen «das Bedürfnis» nach einer Strategiereform für die USA am dringendsten sei, wie er am Wochenende in einer Rede anlässlich der Jahresversammlung des Internationalen Instituts für strategische Studien (IISS) sagte. (SDA/AP)
Sie waren als Soldat im Krieg in Afghanistan. Was machten Sie für Erfahrungen?
Es war sehr schwierig zu kämpfen, ohne zu wissen, wer Freund und wer Feind ist. Wir konnten die Taliban nicht lokalisieren. Sie können sich ohne Problem unter die lokale Bevölkerung mischen.
Kann man überhaupt einen unschuldigen Zivilisten von einem Taliban unterscheiden?
Das ist extrem schwierig. Sie tragen keine Uniform, ziehen aber plötzlich eine Waffe und beginnen zu schiessen. Dann weiss man wenigstens, das ist ein Feind. Aber selbst dann ist man nicht sicher. Denn wenn mein Haus beschlagnahmt worden wäre, würde ich auch schiessen. Zudem geraten oft Unschuldige ins Kreuzfeuer. Wir sind als Besatzer in einem Bürgerkrieg zwischen der afghanischen Regierung und dem afghanischen Volk. Das Volk hat keine Stimme, und die Regierung ist korrupt. Umso mehr wird der Widerstand gegen uns zunehmen.
Heute fordern Sie öffentlich, dass die US-Truppen aus Afghanistan abziehen. Was erhalten Sie für Reaktionen?
Vor allem positive, auch von Leuten, die dem Einsatz der US-Truppen nicht so kritisch gegenüberstehen wie ich. Denn es ist schwierig, meine Argumente zu widerlegen. Ich diente freiwillig als Füsilier im Marinekorps und weiss, wie wir uns verhalten haben in Afghanistan. Wir töteten unschuldige Zivilisten, weil die Informationen sehr schlecht waren, die wir von den Nachrichtendiensten erhalten hatten.
Weshalb sind die Informationen schlecht?
Die Nachrichtendienste beschaffen sie sich, indem sie mit Hilfsgütern Zivilisten besuchen. Doch in einem Land, wo es nichts gibt, erzählen die Leute alles, um Lebensmittel und Medikamente zu bekommen. Wenn sie jemanden am Ende der Strasse nicht mochten, erzählten sie uns, er sei ein Terrorist. Und basierend auf dieser Information führten wir unsere militärischen Operationen durch. Deshalb töteten wir viele unschuldige Zivilisten.
Wie reagierten die Zivilisten in Afghanistan auf Ihre Präsenz?
Es war ein grosser Unterschied, ob ich als Soldat oder als Zivilist kam. Als Soldat war es schwierig, weil sich die Leute vor mir fürchteten. Man ist isoliert, es gibt keine Beziehung, keinen Austausch. Und wenn es trotzdem zum Austausch kommt, ist er geprägt von Angst auf beiden Seiten. Und diese Angst hat in einem Krieg oft schlimme Folgen. Meine Erfahrung als Soldat war nicht gut, zeigte mir aber, dass unsere Aussenpolitik nicht funktioniert.
Und als Zivilist?
Als Zivilist war es ganz anders. Die Afghanen kamen auf mich zu und waren freundlich, weil sie wussten, weshalb ich da war.
Weshalb besuchten Sie Afghanistan zivil?
Ich war vergangene Woche in Kabul mit einer US-Delegation, die sich ein Bild von der Lage machen wollte.
Wie waren Ihre Eindrücke?
90 Prozent der Kosten verschlingen die militärischen Operationen. Nur 10 Prozent bleiben für humanitäre Zwecke und den Wiederaufbau übrig. Von diesen 10 Prozent kommen nur etwa 2 bis 3 Prozent bei den Bedürftigen an. Der Rest verschwindet in den Taschen von Zulieferern, Unternehmern und Nichtregierungsorganisationen. Die sind in Afghanistan, um Profit zu machen, nicht, um zu helfen. Es gibt Ausnahmen, aber nur sehr wenige.
Haben die Afghanen Ihnen das erzählt?
Die Zivilisten informierten uns, und die Nichtregierungsorganisationen beschuldigten einander gegenseitig. Jede Gruppe klagt über die andere. Derweil waren die Flüchtlingslager in Kabul überfüllt und in schlechtem Zustand. Ohne fliessendes Wasser, ohne Essen. Ausserhalb der Hauptstadt soll es noch schlimmer sein. Die Vertriebenen erhalten keine Hilfe, weder von der afghanischen Regierung, noch von der Uno oder den US-Truppen. Das zeigt, dass das Problem nicht militärisch ist, sondern politisch. Wir aber unterstützen diese korrupten Elemente in der Regierung von Afghanistan, welche nicht das Gute wollen für ihre Landsleute.
Was müsste sich ändern?
Weniger Militär, mehr Wiederaufbau. Aber der Wiederaufbau muss genau überwacht werden. Zum Beispiel sehen die Pläne für eine Schule auf dem Papier gut aus. Doch wenn sie gebaut ist, stellt man plötzlich fest, dass kein Geld da ist, um die Lehrer zu bezahlen oder Bücher und Hefte zu kaufen. Aber jener Baumeister, der die Schule bauen konnte, hat viel Geld verdient. Das Gebäude aber steht leer.
Was haben Zwischenfälle wie jener in Kunduz für Folgen, wo bei einem Luftangriff der Nato jüngst Dutzende Menschen ums Leben kamen?
Der Vorfall in Kunduz machte noch mehr Zivilisten zu Feinden, obwohl sie eigentlich nichts mit den Taliban zu tun hatten. Doch nun stehen die Taliban in gutem Licht da und haben mehr zu bieten als die US- und Nato-Truppen oder die afghanische Regierung.
Präsident Hamid Karzai scheint aber wieder gewählt zu sein. Was halten Sie davon?
Niemand ist überrascht. Jeder wusste, wie die Wahl ausgehen würde. Es war ein Urnengang voll von Betrug, Manipulation und Bestechung. Und das ist bestätigt. Gewisse Leute wurden mit dem Gewehr bedroht, einen bestimmten Kandidaten zu wählen. Es war keine demokratische Wahl, sondern ein Vorzeigeprojekt für den Westen, um vorzugaukeln, wie erfolgreich die Mission in Afghanistan sei.
Wie ist die Moral bei US-Truppen?
Sehr schlecht, weil das Ziel der Mission nicht klar definiert ist. Unsere Soldaten werden immer wieder von neuem in Afghanistan eingesetzt, obwohl sie längst an psychischen Problemen leiden. Wenn sie nicht im Einsatzgebiet getötet werden, droht ihnen der Tod zu Hause, weil sie psychisch krank sind, aber nicht behandelt werden. Die Selbstmordrate bei den Truppen ist sehr hoch. Die Veteranen können kaum leben mit der Schuld, welche sie wegen unserer Aussenpolitik auf sich nehmen mussten.
Leiden auch Sie an den psychischen Folgen Ihres Einsatzes in Afghanistan?
Ich hatte gewisse Probleme. Mir hat aber geholfen, dass ich öffentlich über alles berichtete. Das war besser, als den Ärger in mich hineinzufressen, und deshalb sehr therapeutisch. Ich ermuntere auch andere Veteranen, ihre Stimme zu erheben. Ich sehe es als meine Verantwortung, über meine Erfahrung zu reden und zu zeigen, was unsere Aussenpolitik angerichtet hat. Und zu sagen, was man tun müsste.
Und das ist Ihrer Meinung nach der Abzug aus Afghanistan.
Ich bin überzeugt, dass die militärische Eskalation in Afghanistan gestoppt werden muss. Zumindest sollten wir beginnen, die Truppen abzubauen. Die Besetzung des Irak und Afghanistans frisst unsere Reserven auf. Unsere Wirtschaft ist bereits am Boden. Wir sollten uns um unsere Probleme zu Hause kümmern, anstatt ständig Militäroperationen zu finanzieren, die nichts bringen und alles nur verschlimmern.
Aber Präsident Barack Obama hat die US-Truppen in Afghanistan aufgestockt.
Ja, leider. Ich glaube, er möchte eigentlich den Rückzug einleiten, hat aber nicht die notwendige Unterstützung dafür. General Stanley McChrystal, der Oberkommandierende der Nato, hat ja bereits eingeräumt, das sich der Erfolg nicht einstellt und die Politik gescheitert ist.
Ist der Westen nicht für das Schicksal von Afghanistan verantwortlich seit der Invasion von 2001?
Nein, in Afghanistan herrscht seit 30 Jahren Krieg. Und unsere Präsenz hat alles noch verschlimmert.
Sie waren auch im Irak. Was ist der Unterschied zwischen den Kriegen in Afghanistan und im Irak?
Die Politik ist dieselbe, wir schickten Truppen. Obwohl das Terrain anders ist, waren die Operationen dieselben. Auch im Irak stehen wir zwischen den Bürgerkriegsparteien und halten eine korrupte Regierung an der Macht.
Fordern Sie auch den Abzug aus dem Irak?
Man sollte die Abzugsstrategie möglichst bald umsetzen. Je eher, desto besser.
Rick Reyes, 29, trat im Jahr 2000 den Marines bei. Er nahm am Krieg in Afghanistan und an der Invasion des Irak teil. 2004 verliess er die Streitkräfte. Heute gehört er zu den «Veterans for Rethinking of Afghanistan», einer US-Stiftung, welche Regierung und Öffentlichkeit über die «Realität des Kriegs» aufklären möchte. 2008 sagte Reyes vor dem amerikanischen Senat aus.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.09.2009, 09:01 Uhr
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6 Kommentare
Sehr guter Beitrag von Rick Reyes. Einer der die Menschen kennt und die Zusammenhänge versteht. Krieg ist heute ein abgekartetes Spiel. Es geht nur um Geld, Macht und Erhaltung der überflüssigen Rüstungsindustrie. Es müssen immer neue Kriege "erfunden/gefunden" werden. Beispiel: Zuerst wird die Taliban mit Waffen ausgerüstet, dann wird sie zum Feind erklärt, und schon ist ein neuer Krieg geboren. Antworten
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