Moskaus Dementi

In und um Libyen mehren sich die Anzeichen, dass Russland militärisch eingreifen könnte.

Mögliche Partner. Russlands Aussenminister Sergei Lawrow (r.) im Gespräch mit Fayiz as-Sarradsch, Chef der von der UNO anerkannten Regierung Libyens.

Mögliche Partner. Russlands Aussenminister Sergei Lawrow (r.) im Gespräch mit Fayiz as-Sarradsch, Chef der von der UNO anerkannten Regierung Libyens. Bild: Keystone

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Nein, es gäbe keine russischen Spezial­einheiten in Sidi Barrani. «Mit solcherlei Enthüllungen aus anonymen Quellen halten bestimmte westliche Medien die Öffentlichkeit schon seit Jahren in Atem.» Igor Konaschenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, ist für vehemente Dementis bekannt. «Besonders häufig werden anonyme Quellen in der Ukraine und dem Baltikum von solchen Visionen heimgesucht.»

Diesmal dementierte General Konaschenkow eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters. Sie hatte Anfang der Woche unter Berufung auf ungenannte amerikanische und ägyptische Beamte und Militärs berichtet, im ägyptischen Luftwaffenstützpunkt Sidi Barrani, etwa 100 Kilometer von der Grenze zu Libyen, seien 22 Soldaten einer russischen Spezialeinheit mit mehreren Drohnen eingetroffen.

Laut Reuters könnte das Erscheinen der russischen Elitekämpfer mit den militärischen Rückschlägen der sogenannten Libyschen Nationalarmee (kurz LNA) unter dem Kommando Chalifa Haftars zusammenhängen. Diese hatte zwischenzeitlich die Kontrolle über mehrere Ölhäfen an islamistische Krieger verloren. Die Reuters-Quellen vermuten, Russland unterstütze Haftar, um den eigenen Einfluss in Libyen wiederherzustellen. Das Land galt unter dem 2011 gestürzten Machthaber Muammar al-Gaddhafi als treuer Verbündeter Moskaus.

Söldner nahe Benghazi im Einsatz

Auch ein Militärsprecher in Kairo dementierte: Auf ägyptischem Boden stehe kein einziger ausländischer Soldat, das sei eine Frage nationaler Souveränität. Und der russische Aussen­minister Sergei Lawrow erklärte, angesichts der chaotischen Sicherheitslage seien jetzt in Libyen nicht einmal russische Diplomaten anwesend. «Es gibt keine libysche Regierung, mit der man verhandeln könnte», sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin.

Er schliesst allerdings nicht aus, das russische Privatsöldner in Libyen aktiv sind. Oleg Krinizyn, Chef der russischen Militärfirma RSB Group, hatte der Moskauer Mediengruppe RBK bestätigt, Experten seiner Firma hätten in der libyschen Hafenstadt Benghazi eine Fabrik entmint. Laut Reuters waren die Söldner 2016 mehrere Monate in dem Gebiet aktiv, das von Haftars LNA gehalten wird. Und im Oktober 2016 veranstalteten ägyptische und russische Fallschirmjäger bei Alexandria ein gemeinsames Manöver. Laut der russischen Zeitung Iswestija verhandelte Russland damals mit Ägypten über die Verpachtung mehrerer militärischer Objekte, darunter die ehemalige sowjetische Luftwaffenbasis Sidi Barrani.

Offiziell hat Ägypten Russland keinen Stützpunkt überlassen. Aber die Moskauer Zeitung Kommersant schreibt unter Berufung auf russische Regierungskreise, russische Geheimdienstler befänden sich ständig in Ägypten, um die Lage in der Region zu beobachten. «All das lässt vermuten, dass sich tatsächlich Militärspezialisten aus Russland in Sidi Barrani aufhalten», sagt der Moskauer Nahostexperte Orchan Dschemil.

Geheime Absprachen mit den USA

Anfang März empfing Sergei Lawrow in Moskau Fayiz as-Sarradsch, den Chef der von der UNO anerkannten Regierung der Nationalen Verständigung. Im Vorjahr hatte dessen Konkurrent Haftar Moskau besucht. Und diesen Januar diskutierte er von Bord des russischen Flugzeugträgers Admiral Kusnezow per Video mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu demonstrativ den Kampf gegen die islamistischen Terroristen. Erst am Montag bat der Sprecher des LNA-Parlaments Russland um Hilfe bei der Militärausbildung. Haftars LNA kontrolliert den Westen Libyens und gilt als kampfkräftigster Gegner des Islamischen Staats und anderer Terrorgruppen. Laut BBC favorisiert Russland Haftar insgeheim als möglichen Partner in Libyen und spekuliert auf den Hafen von Benghazi als neuer Mittelmeerstützpunkt für seine Kriegsflotte.

Allerdings gilt Haftar als Mann der USA, wo er über 20 Jahre im Exil lebte. «Sein gesamtes Business befindet sich dort», sagt Experte Dschemal. «Er wird kaum ohne Zustimmung aus Washington mit den Russen kooperieren.» Das lasse vermuten, dass es im Kampf gegen den islamistischen Terror schon geheime Absprachen zwischen Russland und den USA gebe. Andere Experten vermuten, die Russen wollten in Libyen eine neue Front gegen den islamistischen Terror aufmachen, um US-Präsident Donald Trump doch noch von ihrer Nützlichkeit als Verbündete zu überzeugen.

Jedenfalls erwarten viele Beobachter ein Eingreifen Moskaus in Libyen. Auch – oder gerade weil – es heftig dementiert. So wie bei der Annexion der Krim im März 2014 und im Vorfeld der russischen Bombenangriffe in Syrien seit September 2015. Schon damals häuften sich Meldungen über «grüne Männchen» aus Russland, lange bevor der Kreml deren Einsatz bestätigte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.03.2017, 07:21 Uhr

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