«Wir opfern uns für Gaza»

Aktualisiert am 02.01.2009

Zehntausende Palästinenser haben im Westjordanland nach dem traditionellen Freitagsgebet gegen den israelischen Militäreinsatz im Gazastreifen protestiert.

«Tag des Zorns»: Wütige Demonstranten verbrennen eine israelische Fahne.

«Tag des Zorns»: Wütige Demonstranten verbrennen eine israelische Fahne.
Bild: Keystone

Tot: Hamas-Führer Nisar Rajan.

Tot: Hamas-Führer Nisar Rajan. (Bild: Keystone)

Bildstrecke

Video und Umfrage

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen

Cockpit-Aufnahme während eines israelischen Angriffes. (Quelle: Reuters)


Die israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen stärken vor der Parlamentswahl die gemässigten Parteien in der Knesset. Von der Offensive profitiert besonders die Arbeitspartei von Verteidigungsminister Ehud Barak, wie aus einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage hervorging. Derzeit kämen die gemässigten Parteien der Mitte nach einem Bericht der Zeitung «Haaretz» auf 60 der 120 Sitze im Parlament. Vor Beginn des Angriffe waren es 53. Die Hardliner und religiösen Parteien fielen dagegen von 65 auf 60 Sitze zurück. In der Umfrage sprachen sich 52 Prozent der Befragten dafür aus, die Luftangriffe fortzusetzen statt eine Bodenoffensive zu beginnen oder einer Waffenruhe zuzustimmen.

Allein 3000 Anhänger und Sympathisanten der radikalislamischen Hamas demonstrierten in Ramallah. Die Demonstranten riefen unter anderem: «Wir opfern uns für Gaza» oder verbrannten israelische Flaggen. Es kam zu vereinzelten Zusammenstössen mit Anhängern der rivalisierenden Fatah- Organisation von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

Die Autonomiebehörde hatte zuvor vergeblich nicht autorisierte Demonstrationen verboten. Israel hat das Westjordanland bis in die Nacht auf Sonntag aus Sorge vor Ausschreitungen abgeriegelt, da die Hamas den Freitag zum «Tag des Zorns» ausgerufen hatte.

Die israelische Polizei mobilisierte deswegen am Donnerstag tausende Männer, die während der Solidaritätskundgebungen für Ruhe sorgen sollen. Ein Polizeisprecher sagte, die Polizisten sollten vor allem in Ost-Jerusalem und den benachbarten Ortschaften eingesetzt werden.

Zugang zum Tempelberg haben nach Vorschrift der israelischen Polizei nur arabische Israelis, die älter als 50 sind, und Frauen.

Fast 300 Ausländer reisen aus

Israel erlaubt fast 300 Palästinensern die Ausreise aus dem Gazastreifen. Militärsprecher Peter Lerner erklärte am Donnerstag, Palästinenser im Besitz eines ausländischen Passes könnten über den Grenzübergang Eres das Autonomiegebiet verlassen. Sie seien Staatsbürger unter anderem der USA, Russlands, der Türkei und Kasachstans.

Moschee zerstört

In der Nacht setzte Israel unterdessen seine Luftangriffe gegen Ziele der Hamas fort. Wie israelische Medien unter Berufung auf die Luftwaffe berichteten, griffen Kampffleugzeuge eine Moschee im Flüchtlingslager Dschabalija im Gazastreifen an.

Das Gotteshaus soll als Waffenlager und Versteck für Extremisten gedient haben. Es sei die fünfte Moschee, die seit Beginn der Militäroperation am vergangenen Samstag bombardiert wurde, schrieb der israelische Onelindienst «ynet».

Vor Morgengrauen wurden nach palästinensischen Angaben 15 Häuser militanter Hamas-Mitglieder getroffen. Zuvor hätten die Israelis Bewohner umliegender Häuser entweder telefonisch gewarnt oder eine Rakete zur Warnung abgefeuert, um die Zahl ziviler Opfer zu verringern. Zwölf Menschen wurden nach Krankenhausangaben bei den Angriffen verletzt.

Beschuss wird fortgesetzt

Die israelische Aussenministerin Zipi Livni hatte kurz zuvor noch einmal betont, Israel werde die Militäroffensive im Gazastreifen so lange weiterführen, bis Militante aufhörten, den jüdischen Staat mit Raketen zu beschiessen. Es sei nicht eine Frage eines Zeitplanes, sondern eine Frage der Ziele, sagte Livni am Donnerstag dem israelischen Fernsehen aus Paris.

Man werde die Situation täglich überprüfen. Das israelische Militär habe weitere Ziele im Visier. «Dann wird es einen Punkt geben, an dem wir sehen werden müssen, ob die (radikal-islamische) Hamas es begreift und mit dem Beschuss aufhört», sagte die Aussenministerin weiter.

Hamas-Führer getötet

Bei israelischen Luftangriffen im Gazastreifen sind am Neujahrstag 26 Palästinenser ums Leben gekommen. Allein 19 Tote wurden aus den Trümmern eines Hauses in Dschebalija geborgen, das einem Führungsmitglied der Hamas gehörte. Neben dem Hamas-Funktionär Nisar Rajan kam auch nahezu dessen gesamte Familie ums Leben, darunter alle vier Frauen Rajans und neun seiner zwölf Kinder. Bei weiteren Luftangriffen kamen am Neujahrstag nach palästinensischen Angaben sieben Menschen ums Leben. Damit stieg die Zahl der Todesopfer seit Beginn der Offensive am Samstag auf mehr als 400, unter ihnen mindestens 37 Kinder. Bei palästinensischen Raketenangriffen wurden vier Israelis getötet.

Rajan gehörte zu den fünf Mitgliedern der höchsten Entscheidungsebene der Hamas. Der Professor für islamisches Recht unterhielt auch enge Kontakte zum militärischen Flügel der Hamas. Im Oktober 2001 schickte er einen seiner Söhne in einen Selbstmordanschlag, bei dem zwei jüdische Siedler im Gazastreifen getötet wurden.

Soldaten «warten auf den Befehl zum Reingehen»

Inzwischen hat Israel seine Vorbereitungen für eine Bodenoffensive abgeschlossen. «Die Infanterie, die Artillerie und andere Kräfte sind bereit», sagte Militärsprecherin Avital Leibovich. «Sie sind am Rand des Gazastreifens und warten auf den Befehl zum Reingehen.» Bei einem Treffen mit Bürgermeistern im Süden Israels sagte Ministerpräsident Ehud Olmert, die Regierung scheue nicht davor zurück, ihre gesamte militärische Stärke einzusetzen: «Wir wollen nicht unsere Macht zur Schau stellen, aber wir werden sie anbringen, wenn es nötig werden sollte.»

Die Hamas drohte mit Racheakten gegen israelische Soldaten. «Wir warten auf euch, dass ihr in den Gazastreifen kommt, um euch zu töten oder zu Schalits zu machen», hiess es in einer Erklärung der Hamas unter Anspielung auf den Soldaten Gilad Schalit, der vor zweieinhalb Jahren gefangengenommen wurde. Israel zählte am Donnerstag mehr als 30 Raketenangriffe der Hamas. Dabei wurde ein siebenstöckiges Haus in Aschdod getroffen. Verletzt wurde niemand.

Gespräche zwischen Livni und Sarkozy

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy beriet am Donnerstag mit der israelischen Aussenministerin Zipi Livni in Paris über einen Ausweg aus der jüngsten Krise im Gazastreifen. «Sarkozy versteht die Lage», sagte Livni anschliessend vor Journalisten. Israel verfolge eine «Doppelstrategie», indem man einerseits die gemässigten Palästinenser unterstütze und andererseits die extremistische Hamas militärisch bekämpfe.

«Schon jetzt haben wir Veränderungen bewirkt», sagte Livni. Ob die Luftangriffe ihr Ziel der Schwächung von Hamas erreicht hätten, werde täglich neu bewertet. Sarkozy will am Montag zu weiteren Vermittlungsbemühungen in den Nahen Osten reisen. Er tue dies in enger Abstimmung mit Tschechien, welches von Frankreich die EU- Ratspräsidentschaft übernommen hat, hiess es. Gegenüber ihrem französischen Amtskollegen Bernard Kouchner sagte Livni nach französischen Angaben, ein humanitärer Waffenstillstand im Gazastreifen sei nicht nötig, weil es keine humanitäre Krise gebe.

Türkei führt Gespräche mit Hamas

Ein türkischer Regierungsvertreter hat am Donnerstag in Damaskus mit der Hamas über einen möglichen Waffenstillstand im Gazastreifen gesprochen. Der stellvertretende Leiter der Hamas, Mussa Abu Marsuk, sagte der Nachrichtenagentur AP, seine Organisation habe dabei ihre Bedingungen für eine Waffenruhe genannt. Marsuk nannte eine Aufhebung der Blockade des Gazastreifens durch Israel und die Öffnung der Grenzübergänge.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bestätigte, dass er ein Regierungsmitglied zu einem Treffen mit der Hamas geschickt habe. Erdogan war am Mittwoch selbst zu Gesprächen mit der syrischen Regierung in Damaskus. Am Donnerstag traf er in Sharm-al-Sheik mit dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak zusammen. Anschliessend rief er Israel zu einer Einstellung der Luftangriffe auf den Gazastreifen und die Hamas zu einem Stopp der Raketenangriffe auf.

Der ägyptische Aussenminister Ahmed Abul Gheit kritisierte, dass die Hamas Israel mit den Raketenangriffen einen Grund für die Offensive gegeben habe. Deren Einstellung sei Voraussetzung für jede Waffenstillstandsvereinbarung. (vin/sda/ap)

Erstellt: 02.01.2009, 14:16 Uhr

Ausland

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Ausland

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Informatiker/in EFZ Yousty Lehrstellen Treffpunkt, Dübendorf

Informatiker/in EFZ (Support) Yousty Lehrstellen Treffpunkt, Zürich

Underwriting Governance & Quality Specialist Zurich Insurance Company, Zürich

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

bluebanana.ch