Europas Helden im Terrordrama

Zwei jungen italienischen Polizisten ist es zu verdanken, dass Anis A. auf seiner Flucht gestoppt wurde. Sein Akzent hatte sie misstrauisch gemacht.

Er nahm Amri nicht ab, dass dieser aus Süditalien komme: Der Polizist Cristian Movio, der vom mutmasslichen Attentäter angeschossen wurde, telefoniert im Spital. (23. Dezember 2016) (Bild: Reuters/Italienische Bundespolizei)

Er nahm Amri nicht ab, dass dieser aus Süditalien komme: Der Polizist Cristian Movio, der vom mutmasslichen Attentäter angeschossen wurde, telefoniert im Spital. (23. Dezember 2016) (Bild: Reuters/Italienische Bundespolizei)

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Es ist mitten in der Nacht in Sesto San Giovanni. 25 Minuten braucht man von hier aus mit der Metro nach Mailand. Zwei junge Polizisten schieben in der Nähe des Bahnhofs der 80'000-Einwohner-Stadt Wache. Da fällt Luca Scatà und Christian Movio ein Mann auf. Sie fragen ihn nach seinen Papieren. Dann geht alles ganz schnell: Statt eines Ausweises zieht der Mann eine Pistole, schiesst, die Polizisten feuern zurück. Und töten: den mutmasslichen Attentäter von Berlin.

Anis A. ist tot. In Italien endet das Drama vom Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, bei dem A. einen Lastwagen in eine Menschenmenge gelenkt haben soll. Mindestens 12 Menschen sterben dabei.

Die Sicherheitsbehörden sind in höchster Alarmbereitschaft, ein Steckbrief mit A. Foto: überall. Trotzdem setzt sich der mutmassliche Attentäter unbehelligt mit dem Zug ab, erst nach Frankreich, dann nach Italien. Gestoppt haben ihn die 29 und 36 Jahre alten Polizisten, die nun nicht nur in Italien wie Helden gefeiert werden.

Italiens Präsident lässt Grüsse ausrichten, der Premierminister dankt, der Innenminister ruft die beiden an, der Mailänder Polizeipräsident lobt. Vorbildlich, professionell, pflichtbewusst, mutig hätten sich die beiden verhalten. Scatà, der den entscheidenden Schuss abgibt und A. in den Brustkorb trifft. Movio, der dem Verdächtigen aufgrund seines Akzents nicht abnimmt, dass dieser aus dem süditalienischen Reggio Calabria kommt, auf die Papiere beharrt und schliesslich von dem extrem gefährlichen A. angeschossen wird.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel dankt den Sicherheitsbehörden, Innenminister Thomas de Maizière zeigt sich erleichtert nach der Ausschaltung A. durch die beiden Polizisten. Die Berliner Polizei schreibt auf Twitter «Grazie» an die beiden Poliziotti.

Erst seit neun Monaten im Dienst

«Als wir ihn heute am frühen Morgen am Telefon gehört haben, wusste er noch gar nicht, dass der getötete Mann der Attentäter war», sagt der Vater des 29-Jährigen, Giuseppe Scatà, der Nachrichtenagentur Ansa. «Ich danke Gott, dass Luca am Leben ist. Er ist ein mutiger Junge und hat seine Pflicht getan.» Scatà ist übereinstimmenden Medienberichten zufolge erst seit neun Monaten als Polizist auf Probe im Dienst.

Gab den entscheidenden Schuss ab: Polizist Luca Scatà. Foto: La Repubblica

Dass ihr Sohn Luca einen europaweit gesuchten Terrorverdächtigen getötet hat, bringt Scatàs Mutter zum Nachdenken. «Es berührt einen, wenn man darüber nachdenkt, dass zwei junge Leute so unterschiedliche Wege eingeschlagen haben», sagt sie über Luca und Anis A., die in einem ähnlichen Alter sind.

«Es tut mir leid, dass einer von ihnen tot ist, aber er wusste um das Risiko seines Handelns.» Sie sei immer noch aufgewühlt, habe aber noch nicht mit Luca sprechen können: Er müsse erst noch zu den Ereignissen befragt werden und das gehe vor. «Er war immer stark, erwachsen», sagt sie der Ansa.

Die italienische Polizei veröffentlichte auf Twitter ein Bild der zerschossenen Uniform seines Kollegen Christian Movio.

Christian Movio ist auf dem Weg der Besserung. Ein Projektil aus A.s 22-Kaliber-Pistole traf ihn an der Schulter. Er musste operiert werden, schwebte aber nicht in Lebensgefahr. Fotos zeigen ihn im Spital in Monza nördlich von Mailand mit dem Handy am Ohr.

«Zu Dank verpflichtet»

Laut Mailands Polizeipräsident Antonio de Iesu hätte A. vermutlich erneut zugeschlagen. Dass das nicht passiert ist, ist den beiden Polizisten zu verdanken. «Italien ist ihnen zu Dank verpflichtet», fasst Innenminister Marco Minniti zusammen. Auch wenn noch nicht klar ist, ob der 24-jährige Tunesier ein Komplizennetzwerk hat: Die Sicherheitsbehörden in Italien und Deutschland atmen auf, dass der gesuchte Terrorverdächtige nun nicht mehr morden kann. Die Weihnachtstage stehen bevor und mit ihnen auch grosse Festlichkeiten, wie am Samstag und Sonntag im Petersdom und auf dem Petersplatz in Rom, wo schon im vergangenen Jahr erhöhte Sicherheitsvorkehrungen galten.

In Italien schliesst sich für A. der Kreis zu seiner Vergangenheit in Europa. Dort war er 2011 als Flüchtling angekommen, gab sich als Minderjähriger aus, wurde schliesslich wegen verschiedener Gewalttaten verhaftet und kam ins Gefängnis. Angeblich wollte er am Freitag von Mailand nach Süditalien weiterreisen, berichteten Medien. Dort war er, bevor er das Land verlassen musste und sich auf den Weg nach Deutschland machte. (thu/sda)

Erstellt: 23.12.2016, 17:26 Uhr

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