Sind es Tayyip Erdogans Tote?

Der Berliner Weihnachtsmarkt befand sich noch in der Schockstarre, als Gaffer und Politiker bereits freudig das Schlachtfeld betraten.

Der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.

Der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Bild: Keystone

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Am 19. Dezember 2016 gegen 20 Uhr raste ein tunesischer Terrorist mit einem gestohlenen Lastwagen mitten in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz und ermordete zwölf Menschen.

Die Leichen waren noch warm, noch nicht einmal alle Schwer­verletzten geborgen und in die Krankenhäuser gefahren, da standen schon die ersten hirnlosen Gaffer mit ihren Selfie-Stangen an den Absperrungen und auch die politischen Leichenfledderer betraten freudig das Schlachtfeld. Marcus Pretzell, führender Funktionär der rechtsextremistischen Alternative für Deutschland (AfD), twitterte um 21.15 Uhr: «Es sind Merkels Tote!»

Ausgerechnet diese unsäglichen Worte übernahm Markus Somm in den Titel für seinen Leit­artikel in der Basler Zeitung von Heiligabend 2016. «Dabei ist es einfach wahr», kommentierte er, «es sind Merkels Tote.» Als Bundeskanzlerin trage sie die Verantwortung für die Organe des deutschen Staates. Die offensichtlichen Fehler der deutschen Politik liessen sich ohne Anleihen beim Sprachschatz der radikalen Hassprediger wesentlich glaubwürdiger beschreiben. Zumal in einer Zeitung, die auch in der liberalen Tradition von Albert Oeri und Oskar Reck steht.

Der angesehene Göttinger Historiker Georg August Winkler bringt die berechtigte Kritik an Angela Merkels Asylpolitik ebenso nüchtern wie deutlich auf den Punkt: «Zur deutschen Verantwortung gehört, dass wir uns von der moralischen Selbstüberschätzung verabschieden, die vor allem sich besonders fortschrittlich dünkende Deutsche aller Welt vor Augen geführt haben. Den Gegensatz zwischen edlem Wollen und beschränktem Können aufzuheben, wird auch uns nicht ge­­lingen. Er ist auf tragische Weise unaufhebbar. Der Glaube, wir seien berufen, gegebenenfalls auch im Alleingang, weltweit das Gute, zumindest in Form des Asylrechts, zu verwirklichen, ist ein ­Irrglaube, der nicht zu unserer Lebenslüge ­werden darf.» (FAZ, 30. 9. 2015)

Am 11. 9. 2001 flogen vier Flugzeuge mit Selbstmordattentätern an Bord in die zwei Türme des World Trade Centers (WTC) in New York und töteten über 3000 Menschen. Waren das George W. Bushs Tote? Durch Sprengstoffanschläge auf zwei Moskauer U-Bahn-Stationen starben am 29. März 2010 40 Menschen. Waren das Dmitri Medwedews und Wladimir Putins Tote? Am 13. November 2015 kamen bei den Attentaten in Paris 30 Menschen ums Leben. Im Jahr darauf, am Quatorze Juillet, fuhr ein LKW in die feiernde Menge auf der Promenade des Anglais in Nizza und tötete 86 Menschen. Waren das die Toten von Manuel Valls und François Hollande? Das neue Jahr 2017 war noch keine zwei Stunden alt, da forderte ein Anschlag in Istanbul 39 Tote. ­Insgesamt fielen dem Terror in der Türkei seit Juni 2015 über 400 Menschen zum Opfer. Waren das Recep Tayyip Erdogans Tote?

«Es gehört zum Grundauftrag einer freien Presse», schreibt Der Spiegel in seiner Ausgabe zum 70-Jahr-Jubiläum (1/2017), «Missstände zu thematisieren und durch Kritik die Verbesserung der Lebensverhältnisse zu befördern – die Wut von Mächtigen, die sich getroffen fühlen, gehört dazu.» Es solle aber auch vorkommen, «dass es sich nicht nur die Politik, sondern manchmal auch eine Redaktion im hektischen Tagesgeschäft zu leicht macht und dass Leitartikel zu schnell hin­geschrieben werden».

Der Grat zwischen moralgetränkter Ver­harmlosung und grobschlächtiger Nachrichten- und Skandalproduktion ist zuweilen schmal. Die Absturzgefahr dafür umso grösser. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.01.2017, 16:34 Uhr

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