Ausland

Levrat bei Obama

Eine Analyse von Thomas Ley. Aktualisiert am 26.10.2012 30 Kommentare

Der SP-Präsident ist derzeit verreist. Aber nicht etwa zur Erholung, sondern zur Bildung: Christian Levrat besucht den US-Wahlkampf. Und kommt sich dort vor «wie ein Ethnologe».

1/7 Beeindruckt: Christian Levrat konnte eine Wahlveranstaltung von Barack Obama besuchen. Levrat: «Der Typ strahlt eine unheimliche Energie aus.» (Foto rechts: 23. Oktober 2012)
Keystone/RSR

   

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Eins kann man Christian Levrat nicht absprechen: Der SP-Präsident hat Mut. Wenn es sein muss, begibt er sich mitten in die «Höhle der Tea Party»: «Der gesamte Heerbann des republikanischen Cincinnati ist zusammengekommen», beobachtet er. «Eine Stimmung wie an einem Fussballmatch, Buhrufe, Applaus, wenn Romney mal ein wenig punkten kann.»

Es herrscht Wahlkampf in den Staaten, und Christian Levrat ist mittendrin. Er, Chef einer Partei, die – würde man sie nach Amerika verpflanzen – am äussersten linken Flügel der Demokraten angesiedelt wäre, schaut sich TV-Debatten an. Zusammen mit den rechtesten Rechten der USA. Die Tea Party beschimpft Barack Obama ja gerne als Kommunisten, aber die Schweizer Sozis – das wären dann wirklich Kommunisten. «Überwindung des Kapitalismus?» Dafür würden sie den armen Christian Levrat geteert und gefedert auf einer Eisenbahnschiene aus der Stadt tragen. Wenn sie das SP-Programm gelesen hätten.

«Erholung und Entspannung» mit Romney

Doch die nette junge Frau der ultrakonservativen Basisbewegung, die «seit Wochen ihre Tage in der Anrufzentrale der Republikaner verbringt, um pausenlos die Unentschlossenen anzurufen», steht trotzdem lächelnd hin. Damit der Schweizer Politiker ein Souvenir-Foto machen kann. Auf ihrem T-Shirt, geschrieben mit einigermassen ungelenken Lettern, ein ungewöhnlicher Slogan für das republikanische Team Mitt Romney/Paul Ryan: «Erholung und Entspannung für Amerika».

Zum Entspannen ist Levrat aber nicht über den Grossen Teich geflogen. Er ist «Wahlbeobachter». Auf Einladung von Radio RSR macht er eine einwöchige Tour durch die USA. Begleitet von Philippe Leuba, dem Waadtländer FDP-Staatsrat. Der linke Ständerat aus Freiburg ist also den Rechten aus Ohio nicht allein ausgeliefert. Er habe einen «klar am rechten Rand politisierenden» Landsmann an der Seite, schreibt Levrat. Und es klingt fast ein bisschen erleichtert.

Seine Erfahrungen veröffentlicht der SP-Chef täglich auf seinem Blog auf der SP-Webseite. Bisher erschienen: «Willkommen in Cincinnati!» (im Staat Ohio), «Public Viewing mit der Tea Party», «Das Meeting von Obama» und «Besuch im Hauptquartier von Obama». Levrat kann Englisch, aber er ist doch froh, in Cincinnati ein paar «frankophone Expats» zu finden, «mit denen wir kurz diskutieren konnten». Prompt zeigt sich, dass die Europäer einen «etwas distanzierten» Blickwinkel haben, «weniger emotional als die Sichtweise jener, die schon immer hier gelebt haben».

So bekritzeln die Frankophonen zum Beispiel nicht ihre Oberteile mit Slogans. Und sie sind beide ehemalige Wähler von Nicolas Sarkozy. Trotzdem wählt die eine nun Romney und der andere Obama. «Amüsant» findet das Levrat.

Der «gekippte» Obama

Nach dem Besuch bei der Tea Party treffen Levrat und Leuba Obama persönlich – wenn auch nur aus der Ferne. Immerhin, der SP-Präsident spürt den US-Präsidenten auch so: «Er ist ca. fünfzig Meter entfernt von da, wo ich stehe. Der Typ strahlt eine unheimliche Energie aus. Und offensichtlich ist er jetzt ganz gekippt, jetzt sucht er den Nahkampf mit Romney.» Das «gekippt» bezieht sich wohl darauf, dass Obama in der ersten TV-Debatte bekanntlich eher wenig «unheimliche Energie» zeigte und das seither nachholen muss.

Dass Obama jetzt vor allem auf Romney herumhackt, findet Levrats Reisegefährte schlimm: «Mein Schweizer Kollege Philippe Leuba zeigt sich ganz schockiert», berichtet Levrat mit Vergnügen. «Ich denke eher, dass im Land der negativen Werbung unaufhörliche persönliche Attacken eine effiziente Strategie sind. Bestimmt hat das Kampagnenteam diesen Angriffswinkel in den letzten Tagen mittels Umfragen getestet. Hoffentlich bekommen sie recht!»

Von Tür zu Tür – bald auch bei uns?

Wer weiss, ob Levrat diesen harten Stil in die Schweiz importieren möchte. Ganz sicher beeindruckt ist er von der täglichen unermüdlichen Arbeit der Obama-Anhänger, die von Tür zu Tür gehen, um Wähler zu mobilisieren. «Canvassing» nennt man das. Und Levrat ist Feuer und Flamme, mit leicht frankophoner Zurückhaltung natürlich: «Ich denke, das würde in der Schweiz auch funktionieren», findet er. «Wir sollten es versuchen. Ich weiss, die Widerstände sind gross, viele Aktivisten sind zurückhaltend. Aber ich denke, die Leute wären offen.» Da kommt Arbeit zu auf die sozialdemokratische Basis.

Vier Tage sind vorbei. Drei stehen ihm noch bevor. Dann muss er wieder in die Niederungen der braven Schweizer Politik zurück, wo seine Partei bei den Wahlen im Aargau «nicht vorankommt». Was Levrat auch in den Staaten natürlich mit «leichter Grimasse» zur Kenntnis nehmen musste. Ganz unglücklich wird Christian Levrat über seine baldige Rückkehr trotzdem nicht sein.

Das zeigt sich, als er dem RSR-Reporter von einer Diskussion mit lokalen konservativen Politikern erzählt. «Da waren wir dann schon sehr weit entfernt von der Schweizer Diskussion. Das sind Leute, die den Staat radikal zurückfahren wollen: Abschaffung fast aller Sozialversicherungen, nur eine minimale Krankenversicherung, kein Geld mehr für Bildung und Forschung» – Levrat holt Atem: «Da kam ich mir oft wie ein Ethnologe vor.»

Erstellt: 26.10.2012, 15:51 Uhr

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30 Kommentare

Hans Huber

26.10.2012, 16:18 Uhr
Melden 188 Empfehlung 20

Ich hoffe diese 'Harte Stil' kommt nie in die Schweiz. Diese Persönlichen Angriffe die meist sogar nicht mal wahr sind, gehören in keine Politik. Politik sollte möglichst sachlich und pragmatisch bleiben. Persönliche attacken führen nur dazu das keine Kompromisse mehr gefunden werden können oder gefährden die Zusammenarbeit die Parteimitglieder spätestens im Bundesrat brauchen. Antworten


Richard Hennig

26.10.2012, 16:26 Uhr
Melden 118 Empfehlung 30

Vorsicht meine Herren, nicht nach Texas reisen, sonst droht Ihnen dort als "Wahlbeobachter" der Knast. Antworten



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