Das Jahr des Crossovers

Ob 2016 ein gutes Jahr war? Fragen Sie im Ressort Auto nach, und outen Sie sich als SUV-Fan. Sie erhalten eine positive Antwort.

Sexy für die City: Der 4,2 Meter kurze Q2 rundet Audis SUV-Angebot nach unten ab. Foto: Audi

Sexy für die City: Der 4,2 Meter kurze Q2 rundet Audis SUV-Angebot nach unten ab. Foto: Audi

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Manchmal schäme ich mich fast ein bisschen dafür, Autojournalistin zu sein. Innerhalb der ohnehin nicht sehr angesehenen Berufsgruppe der Journalisten gelten Autojournalisten als das Allerletzte. Weil sie angeblich PR-Texte unreflektiert abschreiben. (Neulich kopierter PR-Text zum aktuellen Nissan GT-R: «570 PS.» Habe ich auf der Rennstrecke aber sehr wohl überprüft!) Weil sie offenbar nur Modelle testen, die sie persönlich reizen. (Neulich kopierter PR-Text, den ich ebenfalls überprüft habe: «90 PS.» Ha!) Weil sie unter Verdacht stehen, von der Industrie bestochen zu werden. (Neulich geprüfter Kontostand: minus.) Und weil sie durch ihre ständigen Pressereisen ein scheinbar entspanntes und glamouröses Jetset-Leben führen. ( Jetzt muss ich definitiv in den Keller zum Lachen!)

Sei es drum, in Momenten wie diesen bin ich stolz darauf, Autojournalistin zu sein. Weil ich Sie, anders als die angeseheneren unter den nicht sehr angesehenen Journalisten nicht mit einem Jahresrückblick voller Krisen, Dramen, schockierender Wahlergebnisse, Promi- Trennungen und toter Musiker in eine Endjahresdepression stürzen muss. Nein, ich lasse Sie dort anknüpfen, wo ich vorhin im Keller aufgehört habe: beim Lachen. Jedenfalls dann, wenn Sie sich über neue SUVs freuen.

Viele Autos in einem

In jeder Klasse, in jeder Preislage und von praktisch jedem bislang noch so SUV-abstinenten Hersteller gab es 2016 eine Premiere: angefangen beim urbanen Audi Q2 über die Neuauflage des VW-Bestsellers Tiguan und seines Bruders Seat Ateca bis hin zum Maserati Levante, Jaguar F-Type und Mercedes GLC Coupé. Leicht rückläufiger Automarkt hin oder her: Die SUVs legten fröhlich zu, denn wo ein praktischer Kombi nur ein Kombi und ein abenteuerlicher Geländewagen nur ein Geländewagen ist, verspricht diese Fahrzeuggattung beides zugleich zu sein. Mehr noch: ein Zugpferd, ein Prestigeobjekt, eine Rennmaschine oder ein City-Flitzer und im Fall des Range Rover Evoque Cabrios sogar eine Sonnenbank.

Und habe ich schon erwähnt, dass Autojournalisten unseriös sind? Als Nichtangesehene unter den ohnehin nicht sehr Angesehenen erlaube ich es mir, die Crossover als eierlegende Wollmilchschweine zu bezeichnen. Beim – Achtung, PR-Text! – «schnellsten, leistungsfähigsten, luxuriösesten und exklusivsten SUV der Welt» setze ich sogar eins obendrauf: Der bis zu 608 PS starke Bentley Bentayga ist quasi ein goldeierlegendes Merinowollmäusemilch-Ibéricoschwein. Dazu passt auch die Feststellung, dass die Hersteller den Markt melken, sich bezüglich der CO2-Grenzwerte aber möglicherweise ein Ei legen. Denn so gewichtsoptimiert, aerodynamisch und effizient die Offroader sein mögen: Gegenüber konventionellen Autos derselben Klasse fallen sie doch meist schwerer und durstiger aus.

Elektrifizierung schreitet voran

Verfallen Sie deswegen aber nicht in eine Endjahresdepression. Unter den SUV-Neuheiten gibt es schliesslich noch das lokal emissionslose Tesla Model X und – günstiger, kompakter – den hybriden Kia Niro. Überhaupt ist in Sachen E-Antriebe 2016 mehr gegangen als erwartet: Die vierte Generation des Öko-Klassikers Toyota Prius kam auf den Markt und wird jetzt vom neuen, etwas gefälligeren Hyundai Ioniq verfolgt, den es zugleich als Hybrid, reines Elektroauto und bald auch als Plug-in-Hybrid gibt. Der BMW i3 erhielt neue Akkus für eine Reichweitenverdoppelung auf 300 Kilometer, der überarbeitete Nissan Leaf bringt es auf 250 Kilometer, und der in den Startlöchern stehende Opel Ampera-e verspricht gar 500 Kilometer. Bis VW die Versäumnisse bei den Stromern aufholt, dürfte es zwar noch ein Weilchen dauern, aber immerhin: Der lange Zeit krisengeschüttelte Konzern aus Wolfsburg hat erst kürzlich 30 neue, kompromisslos auf die E-Mobilität ausgelegte Modelle bis zum Jahr 2025 angekündigt.

Widersprüche im Einklang

Natürlich hatte das Jahr 2016 ebenso viel Traditionelles zu bieten. Auf den Markt kamen unter anderem die zehnte Generation der Businesslimousine Mercedes E-Klasse, die langersehnte Alfa Romeo Giulia, der brandneue Volvo S90 und V90, der eng mit dem Mazda MX-5 verwandte Fiat 124 Spider sowie der neue Panamera, der endlich auch optisch zu begeistern vermag. Doch selbst diese Fahrzeuge üben sich in der Crossover- Disziplin, sofern man das Wort als Vereinbarung von Widersprüchen versteht: Fast alle Neuheiten wollen grösser, aber nicht schwerer geworden sein, stärker, aber nicht durstiger, intelligenter im Sinne von autonomer und komplexer, aber nicht komplizierter.

Nun, wenn es nach mir persönlich geht, kann man es auch bei Folgendem belassen: «Kraftvoll, aber doch elegant. Sportlich, aber doch luxuriös.» So steht es im PR-Text zum eigenwilligen Coupé- Kombi Ferrari GTC4 Lusso, zu dessen Reflexion ich bei 690 PS, 3,4 Sekunden auf Tempo 100 und dem betörenden Klang des 6,3-Liter-V12 leider nicht gekommen bin. Und nun bin ich auch schon wieder ruhig und gehe mich, so wie es sich für eine Autojournalistin gehört, schämen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2016, 15:52 Uhr

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