Neues Fundament für Volvo

Bei der Präsentation des XC 90 in Stockholm machte Konzernchef Hakan Samuelsson deutlich, dass es bei den Schweden um weit mehr als ein neues Modell geht.

Stolzer Volvo-Chef: Hakan Samuelsson präsentierte in Stockholm den neuen Luxus-SUV XC 90, der im Mai ab 69'000 Franken am Start steht. Fotos: Volvo

Stolzer Volvo-Chef: Hakan Samuelsson präsentierte in Stockholm den neuen Luxus-SUV XC 90, der im Mai ab 69'000 Franken am Start steht. Fotos: Volvo

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Für Hakan Samuelsson ist klar: «Jetzt oder nie!» Das «Jetzt» hat der Volvo- Konzernchef diese Woche in Stockholm proklamiert – am Dienstag, 26. August, um 11.21 Uhr, um ganz genau zu sein. Da wurde im Auditorium des Kunst- und Kulturzentrums Artipelag das lange gehütete Geheimnis um das neue Flaggschiff gelüftet und, endlich, das weisse Tuch von jenem Auto gezogen, das für die schwedische Traditionsmarke eine neue Ära begründen soll: der XC 90. Denn Samuelsson sieht im neuen XXLSUV mehr als eine spektakuläre Neuheit, sie ist für ihn vor allem eines: «Das erste sichtbare Ergebnis unserer Zusammenarbeit mit dem neuen, chinesischen Eigentümer Geely.» Genau darauf gründet denn auch die Zuversicht des 63-jährigen Schweden, dass es jetzt nur noch das «Jetzt» gibt – und künftig nie mehr ein «Nie» droht, wie zuletzt unter der Ägide von Ford.

Gefahr ist gebannt

«Sag niemals nie», besagt zwar ein geflügeltes Wort. Doch nach der mit Glanz und Gloria inszenierten Welturaufführung mit dem neuen Flaggschiff der – einem Doppelschlag gleich – Anfang Oktober am Auto- Salon in Paris auch noch die Publikums-Weltpremiere folgen wird, scheint die Gefahr eines «Absturzes» à la Saab definitiv gebannt. Zwar hat sich Volvo in den vier Jahren seit die Geely- Gruppe bei den Schweden eingestiegen ist, mit viel Geld – aber ohne der Traditionsmarke auch nur ansatzweise ihre Eigenständigkeit zu nehmen –, nicht gänzlich neu erfunden. Aber, so sagte es Samuelsson, «der XC 90 ist unser erstes Auto, das auf einer völlig neuen Grundlage aufbaut.» Der Konzernchef spricht dabei primär die frei skalierbare Produktarchitektur an, die sich bei Volvo SPA-Plattform nennt und in etwa dem entspricht, was der VW-Konzern mit seinen modularen Längs- und Querbaukasten bezüglich grösstmöglicher Effizienz zu erreichen sucht. Entwicklungschef Peter Mertens sieht das progressiver. «Bis spätestens 2020 werden alle unsere Modelle auf dieser Plattform stehen», kündigt er an. Und erklärt der Konkurrenz den Tarif: «Für uns ein technischer Quantensprung, der die Konkurrenz längere Zeit beschäftigen dürfte.»

Die grosse Freiheit

Grosse Worte vom Entwicklungschef, die auch beim Chefdesigner gut ankommen. «Die neue Plattform macht alle bisherigen Einschränkungen beim Design, etwa bei Radstand, Überhang, Fahrzeuggesamthöhe und insbesondere der Höhe der Frontpartie, hinfällig», erklärte Thomas Ingenlath in Stockholm. «Das gibt uns mehr Freiheiten, unsere Fahrzeuge mit selbstbewussten Auftritten, dynamischen Proportionen und einer Reihe von markanten Designmerkmalen weiterzuentwickeln.» Das neue Flaggschiff liefert einen ersten Beweis für Ingenlaths Aussage: Der XC 90 wirkt ausgesprochen kraftvoll, fast schon bullig mit seinem hochkant stehenden Kühlergrill, das neu gestaltete Logo bringt das neue Selbstbewusstsein gut zum Ausdruck, das sichelförmig angeordnete Tagfahrlicht vermittelt dem SUV etwas Katzenhaftes, fast schon Asiatisches. Aber in seiner schlichten Silhouette und mit seinen schmalen, schulterhohen Rückleuchten bleibt auch der neuste Volvo ganz Volvo. Ausgelegt ist die zweite Generation des XC 90 als grosszügiger 7-Sitzer mit sehr viel Freiraum selbst in der dritten Reihe. Dort finden sogar zwei Erwachsene ausreichend Platz, sofern sie nicht (viel) grösser als 1,70 Meter sind. Den wahren Luxus des neuen Flaggschiffs geniesst man aber vor allem hinter dem Lenkrad, der Wählhebel der 8-Stufen- Automatik beispielsweise ist aus Kristallglas gefertigt. Und auch das passt ins neue Bild: Eine Kamera im Heck erahnt einen möglichen Auffahrunfall, bevor er überhaupt passiert. Laut Lotta Jakobsson geht Volvo damit auch das Thema Schleudertrauma konkret an. «Wir haben den XC 90 zum sichersten Volvo aller Zeiten gemacht», gibt sich die Expertin überzeugt. Neben der neuen Plattform als zentralem Punkt in Volvos Entwicklungsstrategie – Samuelsson will die jährliche Produktion von heute 420'000 Fahrzeugen bis 2020 auf 800'000 Einheiten steigern –, kommt dem vor Jahresfrist gefällten Entscheid, über die gesamte Palette nur noch auf 4-Zylinder-Motoren zu setzen, grosse Bedeutung zu.

400 PS und 60 Gramm CO2

Nur: Ein zwei Tonnen schwerer, über zwei Meter breiter und (fast) fünf Meter langer SUV mit 4-Zylinder-Motor – kommt das gut? Ja, darf man wohl heute schon prophezeien, obwohl Volvo den XC 90 bislang erst auf eine Bühne hat rollen lassen. Denn unter der Haube des Flaggschiffs wird ein Topaggregat zum Einsatz kommen, das es wirklich in sich hat. Der 2-Liter-Benziner mit Turbo und Kompressoraufladung soll es kombiniert mit einem Elektromotor auf eine Systemleistung von 400 PS bringen, als Plug-in Hybrid aber dennoch nur 60 Gramm CO2 pro Kilometer emitieren. Basis-Diesel wird beim neuen XC 90 ein 190-PS-Motor mit einem Drehmoment von 400 Newtonmeter sein, darüber rangiert ein 225 PS starker, zweiter Selbstzünder. Die Benziner werden zwischen 254 und 320 PS leisten. Mit 69 600 Franken ist der XC 90 kein Schnäppchen, aber in Anbetracht der vielen technischen Feinheiten dürfte das Volvo-Fans nicht abschrecken. Und Zeit zum Sparen bleibt genügend – der XC 90 rollt erst im Mai auf die Strasse. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.08.2014, 08:04 Uhr)

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