Gestreckter Galopp mit 1500 Pferden

Der Bugatti Chiron fährt maximal 420 km/h und kostet über drei Millionen Franken. Eine Fahrt in einem unvergleichlichen Auto, das noch lange im Gedächtnis bleibt.

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Andere Hyper-Sportwagen schauen noch verrückter und verruchter aus. Vor der portugiesischen Idylle wirkt der Bugatti Chiron trotzdem, als sei er nicht von dieser Welt.

Ihr drittes Leben verdankt die Marke Bugatti Ferdinand Piëch. Der einstige VW-Konzernchef hat sich mit dem Vorgänger Veyron einen Traum erfüllt, der jetzt im Chiron weiterlebt, geschaffen nach des Meisters Vorgaben: Superschmale Fugen, millimetergenaue Passungen, beste Materialien, höchste Qualität. Und Leistung satt. Acht Liter Hubraum, 16 Zylinder und insgesamt vier Turbolader schaffen mit 1500 PS und maximal 1600 Newtonmetern einen neuen Superlativ, der bisher mit Leichtflugzeugen und Motorjachten assoziiert wurde.

Mit seinem Allradantrieb kann der Chiron in weniger als 2,5 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h beschleunigen; 6,5 Sekunden später passiert er die 200er-Marke, nochmals 7 Sekunden später ist dieses Auto 300 km/h schnell. Wenn einem Porsche 911 GT3 oder einem Lamborghini Aventador die Luft ausgeht, atmet der Chiron noch zwei- oder dreimal durch. Bis Tempo 380 funktioniert das im Autobahn-Modus, doch für die letzten 40 km/h bis zur Höchstgeschwindigkeit von 420 km/h muss das Gerät mit einem speziellen Schlüssel scharf gestellt werden. Jetzt schmiegt sich der Wagen noch näher an den Asphalt, macht sich der Heckflügel besonders klein, legt der Chiron sozusagen die Ohren an.

Tachoskala bis 500 km/h

Aber so weit ist es noch nicht. Andy Wallace, Le-Mans-Sieger von 1988, steuert durch den Sonntagmorgenverkehr; der Beifahrer beäugt den Innenraum. Es gibt mehr Platz als im Veyron, das Interieur wirkt noch edler, die schmale Mittelkonsole klettert vom Automatik-Wählhebel über vier mehrfach belegbare Drehregler hoch zur Instrumententafel. Das Display wird später eine Spitze von 362 km/h, eine abgerufene Leistung von 1502 PS und eine maximale Querbeschleunigung auf Rennwagenniveau registrieren.

Das Aus- und Einsteigen will geübt sein, und mit dem in die Pedalhöhle ragenden Radkasten muss sich der linke Fuss erst arrangieren. Das Lenkrad will Taste für Taste haptisch erkundet werden, die Skala des Analogtachos reicht bis 500 km/h. Warum weder ein Head-up-Display noch Assistenzsysteme? «Weil der Chiron eine puristische Fahrmaschine ist, die volle Konzentration erfordert und verdient», antwortet Wolfgang Dürheimer, der innerhalb des VW-Konzerns neben Bentley auch für die Marke Bugatti verantwortlich ist.

Stimmt. Ab Tempo 250 zerren selbst beiläufige Biegungen an den Nackenmuskeln, ab 300 verjüngt sich die Spur zu einem trichterförmigen Strich, ab 350 ist das Auto manchmal schneller als das menschliche Auge. Schon der Anfahrschub hat den Kick einer Gummischleuder, das explosive Drehmoment schiebt Gang für Gang an wie die sieben Stufen einer Mondrakete. Kurz nachdem die Vernunft den Mut schachmatt gesetzt hat, wird mit aller Macht gebremst. Der Beissreflex der Karbon-Keramik-Scheiben, die steil himmelwärts gereckte Luftbremse und die vom Reifenexperten Michelin eigens zubereitete Gummimischung erinnern in ihrer Summe an den Gegenschub eines auf kurzer Piste spät gelandeten Airbus. Prüfen Sie vor dem Bremsvorgang den Sitz von Toupet und Brille, schaffen Sie Ordnung in der Magengrube, absolvieren Sie eine Grundausbildung in Relativitätsgeschwindigkeit.

Viel Freude, viel Benzin

Aus 300 km/h beträgt der reine Bremsweg bis zum Stillstand 375 Meter – eine physikalische Grosstat. Noch mehr Überlebensraum sind bei 362 km/h nötig, auch in der Breite, weil die Enge einer einzigen Fahrspur nicht reicht zum Bewältigen der Längsverzögerung. Weil der Chiron nicht rekuperiert, ­produzieren eilige Anhaltevorgänge vor allem heisse Luft. Häufiges Beschleunigen führt dagegen zu feuchten Händen, glänzenden Augen und enormer Freude bei Tankstellenpächtern. Schliesslich vervierfacht der Bugatti den Normverbrauch von 22,5 Litern im Bleifuss-­Modus fast. Anders ausgedrückt: Nach 96 Kilometern war der 100-Liter-Tank nur noch zu einem Drittel gefüllt.

Der Bugatti Chiron ist der Sir unter den Supersportlern, tadellos im Benehmen und vorbildlich in der Haltung. Sein Motor-Koloss kann richtig laut sein, aber er klingt nicht peinlich. Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe reagiert schnell, ist aber kein brachialer Einpeitscher. Das Fahrwerk unterbindet jedes Aufschaukeln, bleibt aber komfortabel. Die Bedienung fördert den Spieltrieb, aber eigentlich hat man in diesem Auto die Augen überall, nur nicht auf Skalen und Displays.

Chiron-Kunden sollten mit Geschwindigkeit umgehen können, brauchen Zugang zu geeigneten Arenen, von den finanziellen Mitteln und Charakterfestigkeit ganz zu schweigen.

Natürlich wäre es schön, solch ein über drei Millionen Franken teures Technologiemanifest sein Eigen nennen zu dürfen. Aber den Erlebnisspeicher im Hinterkopf füllt schon eine einmalige Begegnung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2017, 17:14 Uhr

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