Godzilla schlägt noch einmal zu

Nissan verspricht beim überarbeiteten GT-R feinere Manieren, hat dem vierrädrigen Monster aber keineswegs die Zähne gezogen.

Sämtliche Designretuschen dienen der Aerodynamik. So soll der bis zu 315 km/h schnelle Nissan GT-R bei hohen Tempi mehr Stabilität aufweisen. Foto: Nissan

Sämtliche Designretuschen dienen der Aerodynamik. So soll der bis zu 315 km/h schnelle Nissan GT-R bei hohen Tempi mehr Stabilität aufweisen. Foto: Nissan

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Nissan GT-R den Spitznamen Godzilla trägt. Denn erlangte der Film von 1954 nicht vor allem durch seine krude Machart Kultstatus? Das zerstörerische Ungeheuer gab sich als Stuntman im schweren Anzug zu erkennen, und auch den demolierten Häusern und Zügen war anzusehen, was dahintersteckte: Spielzeug. Umso eindrücklicher, wie der Schwarzweissstreifen dennoch für Beklemmung statt Belustigung sorgen konnte. Dennoch. Oder gerade deshalb. Und so ähnlich verhält es sich auch beim automobilen Godzilla.

Cockpit: Von 27 auf 11 Knöpfe reduziert. Foto: Nissan

Das 2007 lancierte Coupé verströmte null Sex-Appeal. Es wurde – scheinbar unter Ausschluss von Designern – entwickelt, um die Sportwagenwelt zu zerrütten. Rundenzeiten zu pulverisieren. Ja physikalische Gesetze zu brechen. Der Fahrer trug zwar einen 1,7 Tonnen schweren Anzug und hantierte im Cockpit mit Plastikspielzeug, aber niemand lachte. Schon gar nicht, wer einen doppelt so teuren Ferrari oder Porsche fuhr. Und damit soll jetzt Schluss sein? Im August erscheint das aufwendigste Remake der GT-R-Geschichte, und plötzlich ist bei Nissan von Komfort und Kultiviertheit die Rede. Schwer zu sagen, ob das bei den Fans für Beklemmung oder Belustigung sorgt.

Mehr Leistung und Stabilität

Die Vorpremiere findet in Deutschland und Belgien statt. Wie so häufig bei Monster-Epen verläuft die Eingangsszene friedlich. Die «Katsura Orange»- Lackierung glitzert in der Sonne, und das Vogelzwitschern verstummt selbst beim Starten des handmontierten Hightech- Triebwerks nicht. Ruhig und geschmeidig rollt das 4,7-Meter-Ungetüm mit seinen elektrisch verstellbaren Dämpfern im Comfort-Mode dahin. Auch die neue Interieur-Kulisse mit handvernähten Sportsitzen, Nappaüberzogenem Armaturenbrett und vergrössertem Farbdisplay löst das Versprechen von mehr Kultviertheit ein.

Doch das Ganze dient bloss dem Spannungsaufbau. Wozu reisst denn der GT-R sein Maul weiter auf denn je? Nicht etwa, um sich als Krümelmonster mehr Kekse reinschaufeln zu können – eher um den erhöhten Frischluftbedarf des von 550 auf 570 PS aufgeblasenen 3,8-Liter- Biturbos zu stillen. Kein Karosseriedetail wurde zum Spass modifiziert. Die Änderungen an Spoilerlippe, C-Säule und Heckstossfänger dienen dem gesenkten Luftwiderstand, dem erhöhten Abtrieb und somit der verbesserten Stabilität bei hohen Tempi. Wobei wie bis anhin 315 km/h möglich sind und der 0-auf-100-Sprint laut Hersteller 2,7 Sekunden dauert. Ausserdem finden sich in der aufgeräumten Mittelkonsole nach wie vor die Kippschalter für die Getriebe-, Dämpfer- und ESC-Einstellung. Godzilla will damit entfesselt werden. Wenn nicht auf der deutschen Autobahn, dann spätestens im belgischen Spa-Francorchamps.

Verbessert, nicht verharmlost

Als ob die Befahrung einer der berühmtesten Rennstrecken der Welt nicht schon respekteinflössend genug wäre, beginnt es auch noch in Strömen zu regnen. Aber als Held der Geschichte bleibt man natürlich cool und bedenkt, dass der GT-R allradangetrieben ist, durch seine Transaxle-Bauweise über eine gute Balance verfügt und auch technisch überarbeitet wurde. Unter anderem verteilen sich die 637 Nm jetzt über ein breiteres Drehzahlband. Das verfeinerte Getriebe ahnt den gewünschten Gang noch immer nicht so präzis voraus wie die Doppelkuppler anderer, sprich teurerer Supersportwagen, reagiert aber flink auf Schaltwippenbefehle und sorgt für eine gute Kraftübertragung. Was kann da schon passieren, wenn der Belag schmierig ist? Wenn sich die Beschleunigung so anfühlt, als werde man von einem Zug gerammt, der nicht aus der Spielzeugabteilung stammt? Man haarscharf an einer Betonwand vorbeidonnert? Die berühmte Eau-Rouge-Kurve nimmt, als wären dort nicht schon weit talentiertere Piloten verunglückt? Und wenn der V6-Motor ab 3000 Touren so laut aus der neuen Titan-Auspuffanlage brüllt, dass die Anweisungen des streckenkundigen Nebendarstellers fast untergehen? Nichts! Genau darum ist der GT-R ein schreckliches Monster geblieben. Weil er einen das Fürchten lehrt – vor dem eigenen Mut.

V6-Biturbo: Auf 570 PS aufgeblasen. Foto: Nissan

Der Schluss entspricht somit einem Happy End. Der japanische Kultsportler, der bislang 700 Käufer in der Schweiz fand, wurde verbessert, aber nicht verharmlost. Und wer von den Komfort-Zugeständnissen nichts hält, genehmigt sich statt der 119'900-fränkigen Normalversion ab 2017 eben den kompromissloseren Nismo. Allerdings kann die aktuelle Modellpflege nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um das letzte Aufbäumen eines Dinosauriers handelt. Nach neun Baujahren ist die technische Basis allmählich ausgereizt und das hohe Gewicht, das bei der Überarbeitung weiter zugelegt hat, ebenso veraltet wie der Verzicht auf Special Effects wie einen Totwinkelwarner. Umso eindrücklicher, wie der GT-R dennoch für Begeisterung sorgen kann. Dennoch. Oder gerade deshalb.

Nina Vetterli fuhr den neuen Nissan GT-R vom 6.–7. Juni auf Einladung von Nissan Switzerland in Belgien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2016, 15:10 Uhr

Nissan GT-R

Power Racer mit Suchtpotenzial

Kategorie 2-türiges Sportcoupé mit 2+2 Plätzen

Masse Länge 4710 mm,Breite 1895 mm, Höhe 1370 mm, Radstand 2780 mm

Kofferraum 315 Liter

Motor 3,8-Liter-V6-Biturbo mit 570 PS(419 kW)

Fahrleistungen 0 bis 100km/h in 2,7 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 315km/h

Verbrauch 11,8 Liter auf 100 Kilometer
CO2-Ausstoss 275 Gramm pro Kilometer (offizielleWerksangaben)

Preis ab 119'900 Franken

Markteinführung ab August

Infos: www.nissan.ch

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