Das Auto denkt jetzt selbst

Künstliche Intelligenz ist der Schlüssel zum autonomen Fahren. An der Elektronikmesse CES in Las Vegas standen Neuerungen im Bereich der Sprach- und Bilderkennung im Zentrum des Interesses.

Elektrischer Antrieb und volle Vernetzung: Chryslers Mini-Van-Studie Portal Concept. Foto: PD

Elektrischer Antrieb und volle Vernetzung: Chryslers Mini-Van-Studie Portal Concept. Foto: PD

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Kistengrosse Spielkonsolen, riesige Röhrenfernseher, Mobiltelefone wie Hundeknochen: Seit 50 Jahren präsentiert die Consumer Electronics Show, kurz CES, jeweils im Januar in Las Vegas die Neuheiten der Elektronikbranche. Doch seit einigen Jahren kapert die Autoindustrie die Messe für ihre Zwecke. Blosses Blechbiegen war gestern; heute verstehen sich die Autobauer zunehmend als Techkonzerne, die das Automobil mit eigenen Produkten und Dienstleistungen gegen die Begehrlichkeiten der IT-Grössen Google, Apple oder Microsoft verteidigen wollen.

An der Jubiläumsmesse avancieren digitale Assistenten zum Trendthema. Mercedes will ein Helferlein ins Auto bringen, das mehr kann als navigieren und E-Mails vorlesen. «Wie können wir den Kunden Zeit zurückgeben?», fragt Sajjad Khan, Leiter Digital Vehicle & Future Mobility im Daimler-Konzern. «Unsere Antwort ist ein intelligentes System, das auf maschinellem Lernen basiert und sich auf Wunsch die Gewohnheiten des Fahrers merkt.» Von Sommer 2017 an können Mercedes-Fahrer die Google-Home-Dienste zunächst aus den Bereichen Musik, Navigation und Telefonie nutzen. Die Partnerschaft ist nicht exklusiv, andere Hersteller werden die digitalen Assistenten ebenfalls ins Auto bringen.

Möglich wird der Eindruck eines intelligenten Gegenübers durch neuronale Netzwerke mit einer exponentiell gestiegenen Rechenleistung. Doch noch brauchen sie eindeutige Befehle, um ein paar Worthülsen rund um ein klar definiertes Themengebiet zu platzieren. Dass die Sprachausgabe noch immer extrem limitiert ist, scheint kaum jemanden zu stören. «Künstliche Intelligenzen werden fast alles erlernen, was Menschen können – und noch viel mehr», erwartet Jürgen Schmidhuber. Er ist seit 1995 Co-Direktor des Dalle-Molle-Forschungsinstituts für künstliche Intelligenz in Manno TI. «Es wird höchstens noch Jahrzehnte dauern, bis wir wahre künstliche Intelligenz entwickelt haben.»

Im Auto machen die vermeintlich intelligenten Beifahrer erste Fortschritte: Nuance hat im BMW-7er erstmals eine cloudbasierte Spracherkennung realisiert, die einem natürlichen Sprachverstehen nahekommt. Entscheidend ist aber der Übergang vom programmierten zum selbst lernenden System. «Seit 1998 arbeiten wir an einer Bilderkennung für Fussgänger; in Serie gegangen ist das System 2013 als Notbremssystem», sagt Uwe Franke, Leiter Bildverstehen bei Daimler. Bisher versuchte die Kamera hinter der Windschutzscheibe, Muster in Millionen von Bildpunkten zu erkennen: Autos, Fussgänger oder einen Radfahrer. Weil die Rechenleistung und die Zahl der programmierten Objekte beschränkt waren, konnte das System vieles nicht erkennen, was für den Menschen offensichtlich ist.

«Neue Ära der Menschheit»

Der Durchbruch kam mit einem lernenden Algorithmus, der die Leistung der Mustererkennung um zehn Prozent auf 75 Prozent gesteigert hat. Beim Erkennen von Bildinhalten schneidet die selbst lernende Software mittlerweile besser ab als der Durchschnitt menschlicher Probanden. Zumal Verwechslungen meist innerhalb einer Klasse stattfinden: Das System erkennt eine Mauer als Haus, einen Omnibus als Lastwagen, einen Elefanten als Fussgänger. Grotesk-komisch, aber nicht wirklich sicherheitsrelevant.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass lernende Maschinen künftig auch auf unerwartete Ereignisse werden reagieren können. Die intelligenten Systeme lassen viele Teilnehmer der CES bereits von einer «neuen Ära der Menschheit» träumen. So auch Jen-Hsun Huang, den Gründer und Vorstandschef des US-Grafik-Chip-Herstellers Nvidia: «Künstliche Intelligenz wird einen grösseren Einfluss auf unser Leben haben als die Erfindung des Computers, des Internets oder des Mobiltelefons zusammen.»

Ein paar echte, reale Concept-Cars gibt es natürlich dennoch an der CES zu sehen: Chryslers Portal Concept zum Beispiel, ein vollelektrisch angetriebener Mini-Van mit bis zu 400 Kilometer Reichweite, gegenläufigen Schiebetüren und Vollvernetzung. BMWs autonome Studie i inside future, an der ausser den stilisierten BMW-Nieren und dem Lenkrad für den Notfall nichts an aktuelle Modelle erinnert. Oder Toyotas Concept-i mit integrierter künstlicher Intelligenz, die per Leuchtschrift mit dem Fahrer und dem Umfeld kommuniziert.

So futuristisch sie auch ausschauen – sie scheinen alle realistischer als das erste Serienmodell des kalifornisch-chinesischen Start-ups Faraday Future. Das SUV FF 91 soll 1065 PS leisten, in 2,39 Sekunden auf Tempo 100 sprinten, 700 Kilometer mit einer Batterieladung schaffen, und man kann sich jetzt schon eines für 5000 US-Dollar reservieren. Auslieferung? Angeblich ab 2018, aber wenn die Realisierung ähnlich verläuft wie beim Konkurrenten Tesla, dann dürfte dies zur Utopie geraten.

So ganz vom Analogen mag immerhin BMW noch nicht lassen: Im Fond fährt der i inside future eine kleine Bibliothek spazieren. Mit richtigen Büchern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2017, 20:00 Uhr

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