Auto
Ein Auto für 19 Cent pro Minute
Unschlagbar günstig: Weil die Autos nur kurzfristig gemietet werden, kann Daimler tiefe All-inclusive-Preise realisieren.
So viele Smarts stehen nur selten vor dem Ulmer Dom: Im Alltag kann es sogar zu Wartezeiten kommen.
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Wo man hinschaut rund um das Rathaus und das Münster von Ulm, kullern blau-weisse Smarts vorbei. Kein Zufall: Dass fast an jeder Ecke einer der Cityflitzer steht, liegt am Pilotprojekt Car2Go, das Daimler im Herbst in Ulm mit eigenen Mitarbeitern gestartet und Ende März für jedermann geöffnet hat. Seitdem sind im Ulmer Stadtgebiet 200 auffällig beklebte Smart unterwegs, bei denen jeder einsteigen und losfahren kann, der sich auf www.car2go.com angemeldet und in der Projektzentrale am Rathaus registriert hat. Für 19 Cent pro Minute wollen sie eine intelligente Alternative zum eigenen Auto sowie die individuelle Antwort auf den öffentlichen Nahverkehr sein.
Einer der ersten Kunden war der Entwickler Frank Müller, der sich am ersten Tag das kleine Siegel mit dem Car2Go-Chip auf den Führerschein pappen liess und seitdem fast täglich mit dem Zweisitzer die paar Kilometer zu seinem Büro pendelt. «Unter der Woche bleibt mein Auto jetzt stehen», sagt der 30-Jährige mit Blick auf seinen Fiat Seicento, der bisher pro Jahr immerhin 12'000 bis 15'000 Kilometer gelaufen ist. «Nur am Wochenende, wenn wir Freunde oder Verwandte ausserhalb der Stadt besuchen, und natürlich für Ausflüge und die Ferien nehmen wir jetzt noch den eigenen Wagen», berichtet er. Zwar darf er mit dem Smart überall hinfahren, und Projektleiter Robert Henrich erzählt von Kunden, die damit schon nach München oder Leipzig gerollt sind. Doch nur innerhalb des Stadtgebiets kann man die Miete auch wieder beenden, sonst läuft die Uhr und mit ihr der Gebührenzähler weiter.
80 Prozent sind Spontanbuchungen
Doch es ist nicht nur der niedrige All-Inclusive-Preis für Kilometer und Sprit, den Müller an dem Projekt schätzt. Wichtiger noch als die 19 Cent pro Minute ist ihm vor allem die Flexibilität: «Bei schönem Wetter kann ich auch nach Hause laufen.» Und auch die Einkäufe nach Feierabend werden einfacher, weil der Busfahrer anders als der Smart nicht beim Supermarkt gewartet hat. Das Nachsehen haben dabei die Ulmer Verkehrsbetriebe: Die Monatskarte, die sich Müller bisher gekauft hat, «kommt jetzt nicht mehr in Frage». Spontaneität und Unabhängigkeit – das sind die Eigenschaften, die Car2Go vom konventionellen Carsharing oder einem Mietwagen unterscheiden. «Das sind genau die Eigenschaften, die unsere Nutzer schätzen», zitiert Henrich aus der Statistik: Über 80 Prozent der Autos werden spontan und ohne Voranmeldung am Strassenrand gebucht. Und genauso häufig sind die Fahrzeuge «one-way» unterwegs: «Hier einsteigen, dort abstellen, das geht mit keinem anderen Konzept.»
Lange nach einem Wagen suchen müssen die Ulmer nicht. «Bei 200 Smarts haben wir im Schnitt 4 Autos pro Quadratkilometer des Einsatzgebiets. Hochgerechnet auf eine Stadt wie Paris wären das immerhin gegen 15'000 Autos», rechnet Henrich vor. Dennoch denkt er darüber nach, mit steigender Kundenzahl auch die Grösse der Flotte zu erhöhen.
Trotzdem kommt es in der Innenstadt gelegentlich zu Engpässen, weil auf ein gerade abgestelltes Auto gleich mehrere Nutzer zukommen. Dumm, wenn der Wagen dann noch nicht abgemeldet ist oder vom nächsten Kunden per Internet oder Handy bereits reserviert wurde. Allerdings lohnt sich da das Warten, hat Müller gelernt. «Wenn der Fahrer nach 15 Minuten nicht kommt, werden ihm 4 Euro Strafe abgebucht, und der Wagen ist wieder frei.»
Über 200'000 Kilometer im April
So kommt jeder der 200 Smarts auf bis zu 15 Mieteinsätze pro Tag. «Nur in Ausnahmefällen steht ein Auto länger als 24 Stunden, und allein im April hat die Flotte über 200'000 Kilometer zurückgelegt», zitiert Henrich aus der Statistik.
Über mangelnde Nachfrage kann sich Projektleiter Robert Henrich also nicht beklagen: «Wir hatten für das erste Jahr mit etwa 5000 Nutzern kalkuliert. Doch schon jetzt sind 7000 Ulmer dabei.» Und jeden Tag kommen bis zu 200 dazu. «Das geht durch alle Altersschichten», berichtet Henrich: Etwa 30 Prozent der Kunden seien unter 25 Jahre alt, weitere 30 Prozent unter 35 und unter 50, und immerhin jeder Zehnte ist 50 Jahre und älter.
Ab und zu suchen
Die ungeheure Resonanz auf das Projekt kann Henrich nicht nur an den Buchungen und den vielen roten Punkten auf der Ulmer Stadtkarte ablesen, die ständig über seinen Laptop flimmern. Wie engagiert die Teilnehmer sind, sieht er auch in seinem E-Mail-Postfach: «Täglich erreichen uns Hunderte von Nachrichten der Nutzer, die das Projekt kommentieren, Verbesserungsvorschläge abgeben und mitgestalten wollen.» Die Zahl der Parkplätze zum Beispiel ist den Teilnehmern noch zu knapp. Zwar gibt es für die 200 Autos 130 reservierte und kostenlose Stellflächen in den grossen Parkhäusern und am Rand der Fussgängerzonen, sagt Henrich. «Doch gerade in Stosszeiten muss man in der Innenstadt schon ab und zu nach einem freien Platz suchen», klagt Müller. Bald könnte das einfacher werden: «Wir verhandeln mit der Stadt über zusätzliche Stellflächen», so Henrich. «Zudem bieten uns viele Unternehmen vom Kino bis zum Möbelhaus spezielle Parkplätze an, weil sie sich damit profilieren wollen.»
Wenig Probleme bereitet dagegen der Mietprozess: Führerschein an die Scheibe halten, einsteigen, losfahren – viel einfacher geht es kaum. Nur mit dem Smart selber kommen die Ulmer offenbar nicht so gut zurecht. Wie funktioniert die Schaltung? Wie geht der Kofferraum auf? Und wo, bitteschön, ist überhaupt das Zündschloss?
Car2Go: Von Ulm nach Texas
Dennoch gilt den Machern der Smart nach wie vor als das perfekte Auto für Car2Go. Denn die allermeisten Fahrzeuge in Ulm sind tatsächlich nur mit einer Person besetzt, und nur für den Smart lassen sich in der Stadt so viele Kleinstparkplätze ausweisen. Zwar wünscht sich Müller schon ab und zu mal einen Viersitzer, wenn er mit Freunden unterwegs ist, und hin und wieder denken die Kunden zum Sommer hin auch mal an ein Cabrio. «Doch der Reiz von Car2Go ist, dass es so einfach funktioniert», sagt Henrich mit Blick auf den Standardtarif von 19 Cent pro Minute, 9,90 Euro pro Stunde oder 49 Euro am Tag. «Mit unterschiedlichen Autos müssten wir unterschiedliche Tarife einführen und das Konzept unnötig komplizieren.»
Viele der zufriedenen Kunden bringen sich auch mal ungefragt ein: «Kaum war die Website online, wurde sie geknackt», erzählt Henrich von einem Nutzer, der ein Programm zur Anzeige der Positionsdaten der Car2Go-Smarts auf dem Handy geschrieben hat. Wo andere den Anwalt rufen würden, freut sich der Projektleiter über das Engagement der Nutzer. Auch Frank Müller holt gerne sein iPhone hervor, für das er eine ähnliche Applikation geschrieben hat: Einmal die Karte von Google Maps aufgerufen, kann er sofort sehen, wo der nächste freie Smart geparkt ist.
Bald soll das nicht nur in Ulm funktionieren. Denn überall auf der Welt sind die Metropolen hellhörig geworden. Und zumindest eine Stadt hat den Zuschlag auch schon bekommen: Im Herbst startet car2go im texanischen Austin. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.05.2009, 11:46 Uhr
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