«Emotionen komponieren»

Kevin Rice, Designchef von Mazda Europe, über die Einfachheit des neuen CX-5, die Parallelen zum Musikmachen und die Rückkehr der Schönheit in der Autoindustrie.

«Genauso aufregend wie der Vorgänger, aber schlichter»: Designchef Kevin Rice posiert vor dem neuen Mazda CX-5. Foto: Mazda

«Genauso aufregend wie der Vorgänger, aber schlichter»: Designchef Kevin Rice posiert vor dem neuen Mazda CX-5. Foto: Mazda

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Der CX-5 war 2012 der erste Serien- Mazda mit dem sogenannten Kodo- Design. Was hat sich hinsichtlich der zweiten Generation geändert?
Kodo bedeutet auf Englisch übersetzt «Soul of Motion» und war zu Beginn von der Natur, insbesondere von Tieren bei der Beschleunigung inspiriert. Inzwischen ist Kodo zu einer gebändigten, zurückhaltenden Form der Bewegung gereift, was für ein stärkeres Premium-Gefühl sorgt. Nach wie vor geht es aber darum, dem Auto Leben einzuhauchen, damit es nicht bloss ein verbogenes Stück Metall darstellt. Es gibt nur einen Weg, das zu tun: Alle Oberflächen, alle Formen müssen von Hand modelliert werden.

Also mithilfe eines Tonmodells. Gehen aber nicht alle Autohersteller so vor?
Wir sind nicht die Einzigen, die mit Ton arbeiten. Doch normalerweise lautet das Prozedere: Skizze anfertigen, digitalisieren, im Computer bearbeiten und erst fürs Feintuning ein 1:1-Modell erstellen. Bei uns sind es die Modellierer, die Takumi, Meister des Handwerks, die den Designprozess starten. Sie interpretieren ihre Vorstellung des Fahrzeugs als Skulptur, um uns Designern eine Basis zu geben. Aufgrund unserer Skizzen erstellen sie dann ein Modell im Massstab 1:4. So sehen wir, ob wir auf dem richtigen Weg sind, bevor es ans Digitalisieren geht. Anders lassen sich die Kodo-Designs gar nicht realisieren. Die Bewegungen beim Modellieren fliessen direkt in die Formen ein und führen zu lebendigeren Resultaten, als wenn jemand bloss die Computermaus bedient.

Eine grosse Überraschung ist der neue CX-5 aber nicht. Haben Sie den Mut verloren?
Es ist einfacher, neu zu beginnen, als etwas Bestehendes weiterzuentwickeln, und einfacher, Elemente hinzuzufügen als wegzulassen. Wir wollten ein Auto erschaffen, das genauso aufregend ist wie der Vorgänger, aber schlichter daherkommt. Beim bestehenden CX-5 gibt es beispielsweise zwei Seitenlinien, die für Spannung sorgen. Beim neuen erzeugen wir den Eindruck von Beschleunigung mit nur einer, von den Kotflügeln bis zum Heck leicht abfallenden Linie.

Sie sind Direktor des Designstudios in Europa, doch es gibt ja noch Designstudios in den USA und in Japan. Wer war für das Design des neuen CX-5 zuständig?
Bei jedem Projekt arbeiten die Studios zusammen, um sicherzugehen, dass die Interpretation von «Soul of Motion» sowohl in Europa als auch in Japan und den USA funktioniert. Finalisiert wird das Design aber immer in Japan, weil dieses Studio an die Entwicklungsabteilung angebunden ist.

Ist die von Ihnen erwähnte Schlichtheit nicht eher eine europäische Tugend? Japanische Autos wirken oft sehr verspielt.
Die japanische Kultur ist vielfältig, dazu gehören auch Mangas. Wir interessieren uns mehr für die jahrhundertealte, traditionelle Ästhetik mit dem Anspruch, Spannung in der Einfachheit zu suchen. Wir reden hier nicht von Minimalismus, sondern von einem puristischen Ausdruck von Energie. Es gibt kein Geheimnis, wie man so etwas erreicht. Man muss probieren, probieren, probieren, bis man sagt: Stopp, genau so muss es sein!

Wie weit lässt sich das Kodo-Design dennoch treiben, bevor es langweilig wird?
Darüber mache ich mir keine Gedanken, weil Kodo keine Designsprache mit Regeln ist. «Soul of Motion» ist eine langlebige Designphilosophie mit grossem Interpretationsspielraum.

Sie sind nebenher noch Schlagzeuger. Wie kommt das bei Ihrer Arbeit ins Spiel?
Ich spiele sehr gerne Offbeat-Rhythmen, also keine schlichten Viervierteltakte, keine gewöhnliche Popmusik. Ich mag es, Elemente aus dem Jazz mit Rock zu kombinieren. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich, nachdem ich früher schon mal bei Mazda gearbeitet hatte und dann für verschiedene europäische Brands tätig gewesen war, vor drei Jahren wieder zu Mazda zurückkehrte. Die Leute bei Mazda sind unkonventionell und erfinderisch. Und das ist in dieser Branche nicht mehr leicht zu finden.

Was hat Designen mit Musikmachen zu tun?
Extrem viel! Die Kombination guter Ideen macht noch kein gutes Auto, so wie die gute Idee eines Bassisten und die gute Idee eines Drummers noch keinen guten Song machen. Es geht darum, Emotionen zu komponieren. Wenn das Gefühl nicht stimmt, muss man alles verwerfen. Manchmal braucht es aber auch nur einen neuen Akzent, um Begeisterung auszulösen.

Und was begeistert Sie auf der aktuellen Los Angeles Auto Show persönlich?
Ich beobachte eine Rückkehr zur Schönheit. Mir scheint, dass Schönheit lange Zeit als altmodisch galt. Designs wurden dekonstruiert, und weil es ausserhalb des Premiumsegments fast alle Hersteller taten, haben sich die Leute an das Wilde, Freakige gewöhnt. Das Interesse, wieder Schönes, Schlichtes zu erschaffen, freut mich.

Dann bekommt das Mazda-Design aber Konkurrenz.
Früher gab es auch viele schöne Autos, die sich nicht ähnlich sahen, weil sie ihren eigenen Charakter hatten. Ich mache mir keine Sorgen. Wir verfolgen unsere Richtung. Einfachheit, Purismus, japanische Ästhetik und Bewegung – das können andere nicht kopieren, weil es ausdrückt, wer wir bei Mazda sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2016, 11:07 Uhr

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