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Fiats Liebling der Frauen
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Das Fiat (FIAT 3.98 4.63%) 850 Sport Coupé ist eigentlich ein ideales Auto für das Verkehrsregime von heute. Man fühlt sich meist schneller als man ist und kommt, auch wegen der überschaubaren Leistungsfähigkeit des gut 900 cm3 grossen Motors, nicht ständig mit Geschwindigkeitslimiten in Konflikt. Auch die Bedienung gibt keine Probleme auf, das Design des Wagens ist hübsch und eindeutig italienisch. Aufgrund dieser Eigenschaften und dem vergleichsweise hohen Frauenanteil unter den Fahrern wurde der kompakte Fiat damals auch «Sekretärinnen-Ferrari» genannt.
Die Limousine 850 als Basis
Die Geschichte des Fiat 850 Sport beginnt eigentlich mit dem Fiat 600, der 1955 das Licht der Welt erblickte und im Prinzip das gesamte technische Rüstzeug bereits mitbrachte, das später die 850er-Limousine und die zugehörigen Sportmodelle als Basis nutzten.
Den Anfang machte die 850er-Limousine, entwickelt unter dem Projektcode 100G (der Tipo 100 war der Fiat 600 gewesen, das «G» stand für «Grande»). Unter Zeitdruck wurde mit dem 850 eine Heckmotor-Limousine entwickelt, die im Prinzip eine in allen Dimensionen gewachsene 600er-Limousine mit neuem Kleid war. Man hatte dazu den Motor auf 843 cm3 vergrössert und den Tank nach hinten verschoben. Das 1964 präsentierte Ergebnis überzeugte, der Wagen wurde zum Millionen-Verkaufserfolg. Schon vor der Präsentation hatte man bei Fiat den Entscheid gefällt, auf der 850er-Basis günstige Sportwagen anzubieten. Man entschloss sich, gleich zwei verschiedene Modelle zu lancieren, ein Coupé und ein Cabriolet. Der Auftrag für das Cabriolet ging an Bertone, das Coupé übernahm die interne Entwicklungsabteilung bei Fiat.
Design durch Fiat
Das Fiat-Styling-Studio an der Via La Manta in Turin wurde Mitte der Sechzigerjahre durch Vater und Sohn Boano angeführt. Mario Felice Boano, dessen Handschrift man auch auf diversen Ferrari-Modellen finden kann, zeichnete ein kompaktes und schnörkelloses Coupé, dessen Bleche sich für die Massenproduktion eigneten. Von der Seite betrachtet eröffnet sich einem die Motorlage nicht, Lüftungsgitter sind nur von hinten und oben zu erkennen. Der Radstand und die gesamte Bodenplattform der Limousine wurden beibehalten, damit ergaben sich auch für das Coupé gute Platzverhältnisse. Wohnliche Sitze, ein sportliches Interieur, Ausstellfenster hinten und vorne und ein durchaus nutzbarer Kofferraum vorne machten das Auto nicht nur für Einzelgänger, sondern auch für junge Familien interessant. Dass man aus dem Motor einiges herausholen konnte, hatte Carlo Abarth schon zur Genüge bewiesen. Höhere Verdichtung, neue Nockenwellen sowie verringerte Widerstände im Auspufftrakt steigerten die Leistung gegenüber der Limousine um 10 PS auf 47 bei 6200 Umdrehungen pro Minute.
Fast konkurrenzlos
950'000 Lire, 7690 Franken oder 5880 D-Mark kostete das Fiat 850 Coupé bei der Einführung, das war ein starker Preis für einen Sportwagen, der zwar von der Zuverlässigkeit seiner Limousinen-Schwester profitierte, optisch aber kaum etwas mit ihr gemeinsam hatte. Da musste sich die Konkurrenz warm anziehen! Ein Austin-Healey Sprite konnte mit 7850 Franken noch knapp mithalten in der Schweiz, ein Glas 1300 GT kostete aber 15'950 Franken, ein Simca 1000 Coupé oder ein Volkswagen Karmann-Ghia 1300 9990 Franken. Kein Wunder, musste sich Fiat da nicht um die Nachfrage sorgen. Selbst die verwöhnten Amerikaner schlossen das Fiat Coupé in die Arme, sie erhielten ab 1968 aufgrund gesetzlicher Rahmenbedingungen sogar eine auf 817 cm3 reduzierte Version.
Gepriesene Sportlichkeit und Sicherheit
Die Branchenblätter waren des Lobes voll. Die Handlichkeit, das neutrale Fahrverhalten und die sportlichen Fahrleistungen wurden allenthalben positiv kommentiert. 138,4 km/h Spitzengeschwindigkeit erreichte der Korrespondent der «Automobil Revue» bei der ersten Probefahrt. «Auto Motor Sport» beschleunigte den kleinen Italiener in 18,6 Sekunden auf 100 km/h und erreichte eine Spitze von 146 km/h, was Konkurrenten wie BMW 700 CS, NSU Sportprinz oder Opel Kadett Coupé ziemlich alt aussehen liess. «Mehr als ein Spielzeug», meinte Manfred Jantke in seinem Test und lobte: «Auch beim 850 Coupé fanden wie jene Eigenschaften, die im Alltag wichtig sind: Die leichtgängige Lenkung, die exakte Schaltung, die geringen Pedaldrücke für Kupplung und Bremse, die guten Sichtverhältnisse, den kleinen Wendekreis, kurz die Handlichkeit und mühelose Bedienbarkeit eines perfekten Kleinwagens.»
Mehr Leistung
Bereits bei den ersten Fahrten kam aber auch der Wunsch nach mehr Leistung auf. So meinte die «Automobil Revue»: «Mit einer weiteren Leistungsspritze, die das Fahrwerk verdauen könnte, würde das zierliche Wägelchen noch weiter an Reiz gewinnen.» Carlo Abarth hatte ein Herz für leistungshungrige 850er-Freunde. Mit dem Fiat Abarth Coupé 1000 OT schöpfte er 62 DIN-PS aus dem auf einen Liter Hubraum vergrösserten Triebsatz – das Modell 1000 OTR brachte es sogar auf 74 DIN-PS. Die «Automobil Revue» jedenfalls attestierte dem Abarth-Verwandten eine Höchstgeschwindigkeit von 160,7 km/h.
Aber auch das Werk hatte ein Einsehen und rüstete 1968 nach, vergrösserte den Hubraum auf 903 cm3 und erreichte damit 52 DIN-PS bei 6500 U/Min. Damit liessen sich nun gemäss dem Test von «Auto Motor und Sport» im Jahre 1968 152 km/h Spitzengeschwindigkeit erreichen und um rund 10 Prozent verkürzte Beschleunigungszeiten realisieren. Mit einer aufgewerteten Ausstattung (Doppelscheinwerfer vorne, vier statt zwei Heckleuchten, Stossstangenhörner, Bodenteppiche, neu gestaltetes Sportlenkrad) war das Coupé noch attraktiver geworden, ohne den Geldbeutel der Käufer stärker zu belasten. Weiterhin brillierte der kleine Sportwagen mit einem «leichtfüssigen Fahrwerk» und «unter allen Fahrbedingungen günstigem Verbrauch».
Entsprechend resümierte auch die «Automobil Revue» 1968: «Auch in seiner neuen Form stellt das Coupé 850 Sport von Fiat, das von Anfang an die Gunst des Publikums errungen hatte, ein kleines, preislich attraktives Luxusobjekt dar. Zwei Personen und zwei Kindern wird es die gleichen Dienste leisten, wie es die bürgerliche Limousine 850 für vier Personen tut; dazu aber erlaubt es kürzere Eskapaden, wo seine gute Leistung zur Auswirkung kommt und dem Fahrer oder der Fahrerin den Genuss bietet, den er oder sie von einem kleinen sportlichen Coupé erwartet.» Als die Zeitschrift «Hobby» vier Jedermann-Coupés – Fiat 850 Sport Coupé, Opel Kadett, DAF 55 und Ford Capri – verglich, siegte zwar in der Summe der Eigenschaften der Ford Capri, der Fiat aber war das einzige Fahrzeug, das sich echt sportlich nennen durfte in diesem Kreise. Bezüglich Fahrleistungen und Fahrverhalten hatten Opel, DAF und Ford dem Fiat nur wenig entgegenzusetzen. Und nicht alle waren ja auf die Familientauglichkeit der grösseren Coupés angewiesen.
Hohe Stückzahlen
Das Rezept stimmte also, die Kunden kauften. Feinfühlige Retouchen 1968 (Serie 2) und 1971 (Serie 3: grössere Mittelscheinwerfer vorne) sicherten die Attraktivität des kleinen Sportlers. Insgesamt 342'873 Coupés verliessen das Werk zwischen 1965 und 1971. Und dies, obschon nicht alles perfekt war, wie bei den meisten Autos der Sechzigerjahre. Die amerikanische Fachzeitschrift «Road & Track» führte 1970 eine Umfrage unter den Besitzern durch, welche sich unter anderem über ausfallende Instrumente, fehlerhafte Elektrik und Probleme mit der Kühlung beklagten. Als die fünf schlimmsten Eigenschaften nannten die amerikanischen 850-Besitzer die Qualitätsanmutung, die fehlende Leistung, die Geräuschentwicklung des Motors, die nicht exakte Schaltung und die Verletzlichkeit der Karosserie. Gleichzeitig lobten sie aber auch die Fahreigenschaften, die Energieeffizienz, das Aussehen, den Komfort und die Fahrleistungen. Immerhin 70 Prozent gaben damals an, sie würden den Wagen wieder kaufen.
Nostalgische Gefühle am Lenkrad
Im Jahre 1968 sass der Schreibende zum ersten Mal in einem Fiat 850 Sport Coupé, als noch kleinwüchsiger Beifahrer bei seinem Onkel. Der war dafür bekannt, dass Hinterreifen nur 8000 km hielten. In den folgenden über vierzig Jahren haben sich die Anforderungen an Fahrleistungen und Handling natürlich wesentlich geändert. Wer heute beim 850 Coupé «auf die Tube drückt», wird keinen Beschleunigungsrausch erleben, jeder Kleinstwagen kommt schneller von der Ampel weg. Trotzdem fühlt man sich auch heute im kleinen Coupé sportlich angezogen, dank tiefer Sitzposition und Ausblick auf Sportlenkrad und Drehzahlmesser-/Tachometer-Runduhren.
Die Schaltung will nicht immer den Befehlen folgen und Zwischengas-Stösse zur Unterstützung kratzfreier Gangwechsel sind empfehlenswert. Der Motor röhrt luftig wie damals im Heck und verleitet sofort zu einem Grinsen. Schon nach wenigen Kilometern hat man sich an die Raumverhältnisse und die Reaktionen des Coupés gewöhnt, die Bedienung der wichtigsten Funktionen gehen ohne langes Lesen der (kurzen) Anleitung problemlos von der Hand. Die Übersichtlichkeit ist hervorragend und die wahrlich kompakten Dimensionen (3,65 x 1,50 x 1,30 Meter für Länge, Breite und Höhe) lassen auch auf kleinsten Landstrassen, die man mit modernen Autos nur noch ungern aufsucht, Freude aufkommen. Ab an die Adria!
Günstig, aber nicht billig
Ein gut erhaltenes Fiat 850 Coupé wechselt den Besitzer heute für rund 9000 bis 15'000 Franken und liegt damit üblicherweise rund 20 bis 30 Prozent unter den Werten, die das parallel gebaute Bertone-Cabriolet erreicht. Die Technik ist relativ anspruchslos, Rostprobleme können aber ins Geld gehen, weshalb es sich sicher lohnt, nach dem besten Coupé zu suchen, wenn man eines kaufen will. Die Fiat-Sportwagen sind zwar seltener geworden, sie werden aber durchaus gehandelt. Ein Fiat 850 Coupé offeriert auch heute noch verblüffend viel Fahrspass und ist auch an Oldtimer-Anlässen gerne gesehen, verfügt dazu über überzeugende Alltagsqualitäten bei geringen Kosten. Was will man mehr? Wir danken der Oldtimer Galerie in Toffen für die Gelegenheit, das hier bildlich dargestellte blaue Fiat 850 Sport Coupé mit Jahrgang 1971 fahren zu dürfen.
Weitere Informationen, aktuelle Marktpreise, viele Fotos, den Originalprospekt, technische Daten sowie Soundbeispiele finden sich auf Zwischengas.com (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.01.2012, 11:23 Uhr
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