Malen nach Zahlen

Wie viel Kreativität liegt beim Entwerfen eigentlich drin? Joaquin Garcia, Leiter des Seat-­Exterieurdesigns, über grosse Zwänge und kleine Freiheiten.

«Automobildesign gehört nicht zu den schönen Künsten», sagt Joaquin Garcia. Foto: Seat

«Automobildesign gehört nicht zu den schönen Künsten», sagt Joaquin Garcia. Foto: Seat

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Joaquin Garcia schlägt sich tapfer. Zeigt, gestikuliert und redet das übliche Zeug, das Designer bei Präsentationen so von sich geben. Über Spannung wie bei Athleten vor dem Start, über Skulptur und Charakter. Und dass man jedes Modell an der Grafik seiner Scheinwerfer und Heckleuchten erkennen können müsse. Und wie das alles so fabelhaft beim Ateca, Seats erstem SUV überhaupt, umgesetzt sei.

Die Technik liefert der modulare Querbaukasten von Mutter Volkswagen, aber das Design sei eigenständig und am Erfolgsmodell Leon orientiert. Plötzlich hält er inne: «Aber solches oder ähnliches Geschwätz haben Sie sicher schon hunderte Male gehört.»

Und die Wahrheit ist: Garcia war gar nicht dabei, als die ersten Skizzen für den Ateca entstanden. Erst seit letztem Dezember leitet er das Exterieurdesign bei Seat, nach Stationen bei Mazda, Renault, Ford und Skoda und als freier Designer für Honda, Panasonic oder Tag Heuer. Nach 19 Jahren im Geschäft hat der 42­-Jährige die Regeln des Automobildesigns derart verinnerlicht, dass er sich in Entwürfe hineindenken kann: «Automobildesign gehört nicht zu den schönen Künsten – es ist Industriedesign; es geht um Form und Funktion.»

«Silhouette ist das wichtigste»

Schon als Fünfjähriger habe er Autos gezeichnet, auf Papier, Servietten, Schulbücher: «Ich konnte nicht aufhören.» So sei es heute noch. Garcia greift zu Tablet und Stift und zieht die erste Linie: «Die Silhouette ist das Wichtigste.» Darin stecke alles; ob es ein SUV oder ein Sportwagen werde; die Proportionen, das Verhältnis von Blech zu Glas.

Designer zeichnen ein Auto immer geduckter als in der Realität, das wirke dynamischer und helfe im Wettbewerb. Zunächst konkurrieren Seats Designer mit ihren Entwürfen, bis es auf einen oder die Synthese aus mehreren zuläuft. Garcia strichelt Räder und Kotflügel, für ihn der schwierigste Teil: «Die Verbindung zwischen runden Rädern und quadratischen Radhäusern muss harmonisch wirken, damit die optische Verbindung zum Boden passt», sagt er. Gerade Linien verbieten sich ebenso wie Parallelen zumRand des Blattes oder Monitors: «Nur Dilettanten zeichnen Autos mit dem Lineal.» Weil eine Karosserie Licht und Schatten widerspiegeln müsse, sei jede Linie und Fläche leicht gewölbt.

Ideen kommen beim Duschen oder im Bett, weniger im Büro.

Inspiration findet Garcia überall, in Kunst, Musik, Mode und der Natur. Auch in der Architektur – er sei in Valencia geboren, wie der Architekt Santiago Calatrava, und er bewundere dessen Werk. Manche Idee komme ihm beim Duschen oder im Bett. Nur das Büro sei wenig anregend: «Da liegt nur Papier herum.» Aber es gehe auch nicht ohne harte Arbeit, im Diskurs mit anderen. Und im Angesicht der Vorgaben: Unverhandelbar sei der Hüftpunkt, der Sitzposition und -höhe für die Passagiere festlege. Bei den Winkeln der Front­ und Heckscheiben, bei Spur und Radstand müsse man schon sehr gute Argumente haben, um die Masse ändern zu können.

«Wir fordern die Ingenieure»

Garcia strichelt am scharfen Blechfalz der sogenannten Tornadolinie, unterhalb der Gürtellinie. «Wir fordern die Ingenieure mit jedem Auto», sagt er. Dabei bespreche er sich von Beginn an mit Entwicklern, Produktionsleitern und Controllern, um nicht bei der Umsetzung für die Produktion böse Überraschungen zu erleben – das Auto muss produzierbar sein und im Kostenrahmen bleiben. Wenn er ein Detail durchsetzen könne, das fünf Euro Mehrkosten verursache, dann sei er ein glücklicher Mann, sagt Garcia. Er löscht auf dem Tablet herum. «Reden und zeichnen funktioniert nicht parallel.» Selbst als gesprächiger Südländer müsse er kurz den Mund halten.

Ist Seat dank des modularen Querbaukastens flexibler und schneller bei der Entwicklung neuer Modelle geworden? Garcia relativiert: «Von der ersten Skizze bis zum fertigen Entwurf braucht es zwei Jahre, die gesamte Entwicklung bis zu fünf Jahre.» Nach den Skizzen wird das Auto im Computer entworfen und dann mittels Augmented Reality zum Leben erweckt. Das spare Zeit, aber auf reale Tests mit naturgetreuen Tonmodellen könne man deswegen trotzdem nicht verzichten: «Wir schauen uns die Autos bei unterschiedlichem Licht und Wetter an; in natürlichen Umgebungen, um die Grössenverhältnisse abschätzen zu können.» Diese Tests liessen sich nicht im Computer durchführen. Für die Tonmodelle gäbe es eigens Spezialisten. Aber in der Mittagspause schabe er auch gerne selbst daran herum, gibt Garcia zu.

Am Schluss stehe die Präsentation vor den Volkswagen­Vorständen in der «Walhalla» in Wolfsburg, einem Saal mit allen Möglichkeiten zur Lichtsimulation. Auch wenn Design keine Kunst sei – es stecke eine Menge Persönlichkeit drin. Und es nage am Selbstbewusstsein, wenn der Daumen über dem eigenen Entwurf gesenkt werde: «Das muss man wegstecken, es kommt ja bald das nächste Projekt.» Er selbst lebe eigentlich schon im Jahre 2020, so weit reichten seine Projekte voraus. Garcia legt den Stift hin. Tatsächlich ist wieder so etwas wie ein Ateca herausgekommen. Er scheint sich eingelebt zu haben. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2016, 15:07 Uhr

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