Kommentar

Aufenthalt im Reich der Toten

Carl Laszlo ist letzten Freitag 90-jährig gestorben. Ein Nachruf auf den Auschwitz-Überlebenden, der den Glauben an Gott trotz des Holocaust nicht verlor.

Das Gesamtkunstwerk Carl Laszlo: eine sakrale Welt hinter der unscheinbaren Fassade eines kleinen Häuschens im Gellertquartier.

Das Gesamtkunstwerk Carl Laszlo: eine sakrale Welt hinter der unscheinbaren Fassade eines kleinen Häuschens im Gellertquartier. Bild: Margrit Müller

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Ich kannte Carl Laszlo nicht, als mich Klaus Littmann, der Basler Kulturproduzent, fragte, ob ich Lust hätte, ein Interview zu führen mit dem neunzigjährigen Mann, der Auschwitz überlebt hatte. Obwohl ich schon so viel über den Holocaust gelesen hatte, obwohl ich als Journalist so viele Juden befragt oder als Student in Amerika manche Emigranten kennengelernt hatte, die seinerzeit vor den Nazis aus Europa geflohen waren, hatte ich noch nie jemanden getroffen, der im Konzentrationslager gewesen war. Es klingt morbid: Aber ich war gespannt. Wie würde sich das anfühlen, fleischgewordene Geschichte, dieser alte Jude aus Ungarn? Würde mich eine Art metaphysisches Gewitter überkommen? Würde ich dem gewachsen sein?

Wenn man Carl Laszlo besuchte, besuchte man nicht nur einen Menschen oder Künstler und Sammler, sondern ein Gesamtkunstwerk, das er selbst über Jahre hinweg in einem kleinen Häuschen im Basler Gellertquartier angelegt hatte. Von aussen wirkt es unscheinbar, das jahrhundertalte Gebäude, in dem er wohnte, etwas elsässisch fast, doch sobald man durch die Tür kam, betrat man eine sakrale Welt. Schwarzweiss die Wände, auch der Boden wie ein Schachbrett, das glänzte; zur Seite hin ging der Blick in ein Zimmer, wo unzählige Marienstatuen aufgestellt waren. Ein Tempel des Dunklen, ein Tempel des Schwülstigen, Schönen.

Die Autobiografie zur falschen Zeit

Silard, sein Assistent oder Lebenspartner, ein ehemaliger Pfarrer aus Ungarn, im Übrigen ein Calvinist, wie ich mit Freude erfuhr, ein junger, gepflegter Mann, der gut in dieses blitzblank unterhaltene Kunstwerk passte, führte uns zu Carl Laszlo, der in einem Stuhl sass. Bevor wir anfingen zu sprechen, sah er schon müde aus; wie ich später vernahm, waren wir – kurz nach Mittag – eigentlich zu früh erschienen. Denn Laszlo war ein Nachtmensch, der erst gegen Abend sich belebte, nachdem er den ganzen Tag zu verschlafen pflegte.

Was mir auffiel an diesem alten Mann, der mir seine Hand wie einen dürren Ast zum Gruss hinhielt, waren die kugelförmigen Augen, die nicht leuchteten, sondern flackerten, wann immer er sich eine Antwort überlegte. Nach jeder Frage schwieg Laszlo zuerst. Das Gespräch, ich gebe es zu, verlief schleppend. Der Mann, der so viel erlebt hatte, schien nichts mehr erzählen zu können. Er war erschöpft.

Das empfand ich umso mehr, weil ich zuvor als Vorbereitung seine Autobiografie gelesen hatte: «Ferien am Waldsee», ein unmöglicher Titel für seine grauenhafte Geschichte in Auschwitz. Früh, wohl zu früh war Laszlos Bericht im Jahr 1956 erschienen – in jenen Tagen waren noch nicht viele Erinnerungen an das KZ geschrieben worden – vielleicht weil der Holocaust so kurz nach dem Krieg kein Thema war, das literarisch zu verwerten sich geziemte oder das man sich anzufassen traute.

Laszlo kam zur Unzeit mit seinem Buch, das er überdies im Eigenverlag veröffentlichte, sodass es kaum beachtet wurde und vergessen blieb. Ein Unglück. Selten habe ich einen so brutalen, herzergreifenden Bericht gelesen über jene Ereignisse, von denen zu hören wir schwer ertragen, von denen zu erfahren aber wir nicht ablassen können.

Reise in die Unterwelt

Im Konzentrationslager wird ein Block geräumt. Leute, denen es geglückt ist, bis jetzt am Leben zu bleiben, werden zur Vernichtung abtransportiert. Laszlo berichtet: «Dann aber folgte eine Nacht – eine jener Nächte, die man nie vergisst – in der wir vorerst in unsere Baracken eingesperrt wurden. Man konnte nie wissen, was so eine Massnahme bedeutete; es lebte zwar eine kleine exaltierte Hoffnung in uns, dass befreiende Truppen sich näherten – auf die Rettung von oben zu hoffen, haben sich die meisten mit der Zeit abgewöhnt – aber der grössten Wahrscheinlichkeit nach war es das Nahen der Sterbestunde. Sie war das Stammgespenst des Konzentrationslagers, das allen ihre Maske abriss und ihr innerstes, wenn auch vielleicht nicht wahrstes Antlitz zur Schau stellte. Dieses Gespenst der Sterbestunde riss alle Hemmungen und die Schranken der Erziehung nieder und verzerrte und klärte gleichzeitig alle überlieferten Bilder des Menschen. Es kehrte so oft im Lager wieder, dass es dem, der noch zu sehen vermochte und den Mut dazu aufbrachte, einen ursprüng­lichen Teil der menschlichen Seele in ihrer völligen Nacktheit offenbarte.

Es kam auch in jener Nacht, einer Spätsommernacht des August, um seine Opfer zu holen. Das Ende war wieder nah, ungewiss war nur, ob alle mitmussten oder, wie üblich, nur ein Teil. In den Baracken zitterten die Menschen wie die Herde im Sturm. Wir standen und sassen hinter der Holzwand der Baracke und hörten die Ankunft der grossen Lastwagen, auf die die Todeskandidaten mit Schlägen hinauf­gejagt wurden, um in die Gaskammern des Krematoriums befördert zu werden. Ein Wagen folgte dem anderen, man hörte sie sich nähern und vorbeifahren und konnte sie durch Löcher in der Holzwand beobachten. Es herrschte Totenstille – im wahren Sinne des Wortes – unterbrochen nur von dem Crescendo und Decrescendo der defilierenden heulenden Maschinen. Die Insassen des verschlossenen Blocks waren wie gebannt von dieser Musik. Sie starrten vor sich hin, ohne Laut und ohne Bewegung.

Die Neulinge mussten zum ersten Mal das Unglaubhafte glauben, die von den älteren Häftlingen knapp erzählten ‹Greuel­märchen› wurden unentrinnbare Wirklichkeit. Aber auch die Fortgeschrittenen in der Konzentrationslagerschule, die im Überleben Geübten waren wie versteinert; an diese Abenteuer konnte sich niemand gewöhnen. Man sah reife Männer beben, solche, die während mehrerer Jahre Haft Tausende um sich hinsterben gesehen hatten; man sah zitternde Juden, die der Vernichtung ihrer Familien in Treblinka und Majdanek beigewohnt hatten und sich nah am Tode vorbei hierher ‹retten› konnten; man sah Lagerälteste und ­Kapos – die privilegierteste Aristokratie des Lagers – die viele Hunderte von Schicksalsgenossen zu Tode gepeitscht, ausgeraubt, gefoltert und verraten hatten, jetzt vor Todesangst gebeugt und blass, es erwartete sie nun das Schicksal ihrer Opfer. Plötzlich waren alle da, auch die, die sich bisher noch so geschickt verstecken konnten.»

In der Schweiz, im Unwirklichen

Nach dem Krieg strandete Laszlo in Basel, wo er danach für immer lebte, weil er sich wohlfühlte, obschon er ein Fremder blieb. Die Schweizer, diese komischen Glücklichen und Verschlossenen, die so vielem entkamen im 20. Jahrhundert, ohne sich dessen bewusst zu sein: Sie liessen ihn in Ruhe – und sie liessen ihn unberührt. Verstanden hat er sie wohl nicht, auch wenn er am Ende selbst einer von ihnen wurde. Wenn er während unseres Gesprächs eine Frage nicht verstand, weil sein Gehör gelitten hatte, wiederholte sein Freund den Satz auf Ungarisch. Nun hörte Laszlo.

«Glauben Sie an Gott?», fragte ich ihn im Juli, als wir ihn aufsuchten. «Hatten Sie nie Zweifel – nach Auschwitz?»

«Ja, ich glaube an Gott. Ich war zwar kein Protestant, also habe ich mir nie Fragen gestellt und nachgedacht. Aber ein Jude glaubt doch immer an Gott.»

Zwar war Laszlo 1945 erst 22 Jahre alt, zwar stieg er bald zu einem geschätzten Kunsthändler und Sammler auf, der die halbe Welt kannte, der als Verleger wunderschöne Bücher und Pamphlete schuf – und doch blieb er zeitlebens Auschwitz auf eine perverse Art ausgeliefert. Angesichts des Grauens wirkte alles, was danach gekommen war, klein. Zuweilen musste es ihm scheinen, als ob sein ganzes Leben auf diese paar schrecklichen Jahre zusammengeschrumpft wäre. Zumal Laszlo selbst sein Leben als glücklich bezeichnet hätte.

«Aber die Zeit in Auschwitz können Sie doch kaum als eine Zeit bezeichnen, über die man glücklich sein kann?»

«Doch! Dass ich es überlebt habe, ist eine gute Sache. Es wäre weniger gut gewesen, wäre ich ermordet worden.»

«Machen Sie sich des Überlebens wegen Vorwürfe?»

«Selbstverständlich macht man sich Vorwürfe. Warum war ich nicht mutiger? Warum habe ich nicht mehr gewagt, schlimmer konnte es doch sowieso nicht kommen. Aber mit dem Schicksal zu hadern, erweist sich als schwierig. Es hängt davon ab, ob man an die Vorhersehung glaubt oder nicht. Aber ich habe, wie gesagt, nicht allzu viel nachgedacht. Ich bin sehr robust.»

Der Nachmittag, ein sehr warmer, neigte sich dem Ende zu, und immer mehr Zeit verstrich nach einer Frage, bis Laszlo antwortete. Zuweilen wirkte er fast verlegen, dass es ihm nicht leichter fiel, sich zu erinnern. Wir nahmen Abschied.

Carl Laszlo ist am vergangenen Freitag gestorben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.11.2013, 09:29 Uhr

BaZ-Chefredaktor Markus Somm.

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