Basel
Die Entstehung der Arten: Darwins geniale Idee
Von Stefan Stöcklin. Aktualisiert am 10.02.2009
Charles Darwin Foto: zVg
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Am Ende ging Darwins Buch über die Entstehung der Arten innert kürzester Zeit über den Ladentisch. Im Herbst des Jahres 1859 druckte der Londoner Verleger John Murray erst einmal 1250 Exemplare, die am eigentlichen Erscheinungstag – dem 24. November – bereits vergriffen waren. Dem gesundheitlich angeschlagenen 50-jährigen Autor liess er zuvor am 1. November 1859 ein Exemplar zukommen, 80 Stück verteilte er auf Darwins Bitte hin an wissenschaftliche Weggefährten und persönliche Freunde. Um die Nachfrage zu befriedigen, druckte Murray kurz darauf 3000 Exemplare nach.
Die Zeit war reif für Darwins revolutionäre Evolutionstheorie – ein Begriff, den er selbst in seinem Buch mit dem Titel «Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl» erst am Schluss verwendete, er sprach lieber von gemeinsamer Abstammung.
Falsche Mythen
Um Charles Darwin (1809–1882) ranken sich viele Mythen. Der eine lautet, dass ihm seine Theorie während der Reise mit dem Forschungsschiff «Beagle» auf den Galapagosinseln wie Schuppen von den Augen fiel. Der andere, dass er Atheist gewesen sei. Beides ist falsch. Darwin war praktizierender Christ, als er das Forschungsschiff 1831 als junger Mann von 22 Jahren bestieg. Und obwohl ihm die südamerikanischen Inseln bei Ecuador entscheidende Einsichten brachten, entwickelte er seine Ideen erst später, als er wieder zurück auf dem Festland war.
Nach der Rückkehr im Oktober 1836 liess er sich nach einigem Hin und Her zwischen London und Shrewsbury (Mittelengland), wo er aufgewachsen war, in Cambridge nieder. 1839 heiratete er seine Cousine Emma Wedgwood. Ende des gleichen Jahres kam ihr erstes Kind zur Welt, William Erasmus Darwin – eines von zehn Kindern des kinderliebenden Mannes.
1842 zog sich das Paar in ein Häuschen in Downe südöstlich von London zurück. Hier setzte er die Auswertung seiner Funde fort, korrespondierte mit Fachkollegen und schrieb erst mal die Reisenotizen nieder. Darwin war ein Stubenhocker, der gesellschaftliche Anlässe mied. Ursache dürften vor allem seine chronischen Darmbeschwerden und Schwindelanfälle gewesen sein, die ihn seit der Rückkehr der Schiffsreise plagten.
Im Verlaufe der nächsten 20 Jahre sichtete der schüchterne Mann sein Reisematerial und sammelte unzählige Hinweise aus der Tier- und Pflanzenwelt für seine Theorie zur Bildung neuer Arten. Ihm muss bewusst gewesen sein, dass er mit seiner These zu den Mechanismen der Evolution – der natürlichen Zuchtwahl oder Selektion – Schockwellen auslösen würde. Zu Darwins Zeit galten Tiere und Pflanzen bei vielen Leuten als einmalige, von Gott mit Leben versehene Wesen. Eine Sicht, die er radikal änderte. Darwin wusste, dass er nur dann erfolgreich sein würde, wenn er Beweise vorlegte.
Überwältigende Evidenz
In seinem Buch lieferte er unzählige Beispiele dafür, wie sich Arten ändern, dass Evolution stattfindet. Er verglich die Ähnlichkeiten von Tieren und Pflanzen über Kontinente hinweg. Er beschrieb die Variationen von Kulturpflanzen und Haustieren, sprach mit Züchtern, vermass Enten, untersuchte Tauben.
Wer sein Buch liest, kann nur bewundernd feststellen, wie souverän er die variierenden Arten beschreibt und die Mechanismen der Evolution entwickelt. Gleichzeitig nimmt er seitenweise mögliche Einwände vorweg und entkräftet sie. Es ist diese umfassende Sicht und Klarheit der Theorie, die er allein durch Beobachtungen und Nachdenken entwickelte, die ihn zu einem der grössten Naturforscher aller Zeiten macht. Darwin besteht problemlos neben Kopernikus, Newton oder Einstein. Wie bei vielen grossen Theorien entstanden allerdings auch seine Ideen nicht aus dem Nichts, sondern waren Ausdruck der Zeit.
Schon im 17. Jahrhundert begannen namhafte Naturforscher, Tiere und Pflanzen zu ordnen. Sie suchten nach einem sinnstiftenden System in der verwirrenden Vielfalt. Der schwedische Botaniker Carl von Linné (1707–1778) betrachtete Pflanzen und Tiere noch als unveränderliche Arten. Einen wichtigen Bruch mit der damals vorherrschenden Sicht brachte der Franzose Georges Cuvier aufgrund geologischer Studien der Sedimente in Paris. Gemäss der vorherrschenden Meinung wurde das Alter der Erde damals nur auf wenige Tausend Jahre veranschlagt, in Übereinstimmung mit der Bibel, die man für wahr hielt. Doch was man in den Fossilien sah, liess sich nicht mit diesem Bild vereinbaren. Offenbar gab es Arten, die ausgestorben waren.Cuvier nahm an, dass Naturkatastrophen wie Sturmfluten und Dürren zu Massensterben geführt hatten.
Die Geologen waren es, die Darwin den Weg ebneten, ganz besonders sein Freund Charles Lyell. Doch zuvor machte Jean Baptiste Lamarck (1744–1829) Furore mit der Behauptung, Organismen würden sich aufgrund «innerer Bedürfnisse» zu komplexeren Organismen entwickeln. Und sie seien in der Lage, im Laufe eines Lebens erworbene Merkmale zu vererben. Er war der Erste, der einen – wenn auch falschen – Evolutionsmechanismus vorschlug.
Schlechter Student
So standen die Dinge, als Darwin 1831 als junger Mann auf die «Beagle» kam. Zuvor absolvierte er eher lustlos das Studium der Medizin in Edinburgh und wechselte dann nach Cambridge, wo er auf Wunsch seines Vaters Pfarrer werden sollte. Auch hier schlug sich Darwin mehr schlecht als recht durch die Vorlesungen. Dafür blühte seine Leidenschaft für die Natur auf. Die Bekanntschaft mit Naturforschern weckte seine Neugier. Darwin erwähnt in seiner Autobiografie etwa den Botaniker, Mineralogen und Chemiker John Henslow, mit dem er viel Zeit verbrachte.
Er war es denn auch, der ihm den Job auf der «Beagle» verschaffte, wo Captain Fitzroy einen Begleiter suchte. Darwin war im Element und konnte auf der fünfjährigen Reise seine Forschungsader ausleben.
Konkurrent Wallace
Für die Auswertung liess er sich alle Zeit, vermutlich auch, weil er die Auseinandersetzungen um seine Theorie scheute. Vielleicht wäre sein Manuskript gar nie in die Hände des Verlegers Murray gelangt, wenn nicht plötzlich ein Konkurrent aufgetaucht wäre. Der Landsmann Alfred Russel Wallace war es, der dem bereits berühmten Darwin 1858 ein Manuskript zusandte, in dem er zur gleichen Theorie über die Bildung der Arten kam.
Es muss eine harte Zeit gewesen sein für Darwin: Am 1. Juli 1858 wurden Auszüge seines Manuskripts und Wallaces Theorie vor der Linneaschen Gesellschaft in London gegenübergestellt. Gerade zwei Tage, nachdem sein zehntes Kind, Charles Waring, im Alter von zwei Jahren an Scharlach gestorben war. An der berühmten Lesung wurde Darwin Priorität zugestanden. Dies war der letzte Ruck, der ihn zur berühmten Publikation motivierte.
Gemeinsamer Vorfahr
Darwin sagt darin im Prinzip drei Dinge: Erstens dass Organismen veränderlich sind und sich im Laufe der Zeit auseinander entwickeln können. Verschiedene Arten stammen zweitens von einem gemeinsamen Vorfahren ab. Und drittens gibt es eine natürliche Auslese unter den zahlreichen Individuen, die um ein begrenztes Nahrungsangebot konkurrenzieren. Die Tüchtigsten überleben.
Die auf den Galapagosinseln beobachteten Vögel waren ein Teil seiner Beweisführung: Darwin kam zum Schluss, dass sich die drei Spottdrosselarten auf den Inseln von einer einzigen Art auf dem Festland abgeleitet hatten. Von da aus war es ein naheliegender Schritt, gemeinsame Vorfahren zu postulieren. Darwin schlug für die Entstehung der Artenvielfalt einen verzweigten Stammbaum mit einem weit zurückliegenden Ursprung vor.
Die wichtigste Konsequenz aus der Theorie, mit der Darwin das viktorianische England schockierte, war die Folgerung für die Stellung des Menschen. Für die Theologen und Philosophen war der Mensch die Krönung der Schöpfung, die Darwin vom Sockel stiess – eine Kränkung ähnlich jener von Kopernikus, der die Erde aus dem Mittelpunkt unseres Sonnensystems verbannte. Darwin äusserte sich zwar vorsichtig zu diesem heiklen Thema, wörtlich schrieb er, es werde dereinst Licht fallen auf die Geschichte des Menschen. Doch es war klar, dass Menschen von Menschenaffen abstammen mussten. 1871 wies Darwin selbst schlüssig unsere Verwandtschaft mit affenähnlichen Vorfahren nach, nachdem dies andere Biologen wie Thomas Huxley bereits getan hatten.
Variation und Selektion
Die natürliche Zuchtwahl oder natürliche Selektion ist für Darwin die massgebende Triebkraft der Evolution. Sie vollzieht sich in mehreren Stufen: Weil ein einzelner Organismus zahlreiche Nachkommen hat, die untereinander leicht variieren, kommt es zur Auslese. Die natürliche Selektion bevorzugt diejenigen Individuen, die am besten auf die aktuellen Umweltbedingungen angepasst sind. Der berühmte Kampf ums Dasein beginnt. Die erfolgreichen Individuen vererben ihre Merkmale an die Nachkommen weiter. Dies führt zu Unterschieden im Fortpflanzungserfolg. Ändern sich die Umweltbedingungen mit der Zeit, verändern sich die Individuen langsam mit, Evolution wird wirksam. Darwin postulierte dieses Prinzip in Unkenntnis der Mechanismen der Vererbung, obwohl der Zeitgenosse Gregor Mendel in Brünn bereits die Grundlagen der Prozesse erkannte.
Um einen Sprung zu machen: Die moderne Genetik hat Darwins geniale Theorie bestätigt. Nicht nur funktionieren die Gene aller Organismen gleich, was einen gemeinsamen Ursprung voraussetzt. Mit den Genmutationen kennt man heute neben der sexuellen Vermehrung auch die Vorgänge, mit denen das Erbgut neu angeordnet wird, die zu veränderlichen Arten führen. «Nichts in der Biologie ergibt Sinn ausser im Lichte der Evolution», sagte der führende russische Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhanski 1937. Letztlich löste Darwin auch ein altes Rätsel der Philosophen, nämlich ob Veränderungen in der Natur zufällig sind, ob die Evolution gerichtet ist oder nicht. Darwin fand eine brilliante Lösung, bei der Zufall und Notwendigkeit gleichzeitig eine Rolle spielen. Die Variation der Organismen ist zufällig, aber die Selektion wirkt auf umweltbedingte Notwendigkeiten. Die selektive Kraft ist gerichtet, die zufällige Veränderung nicht, es gibt keine Entwicklung Richtung Fortschritt. Damit ist der Mensch nicht logische Folge einer zielgerichteten Entwicklung hin zur Spitze.
Entfremdung
Zufälle und Widrigkeiten, denen Darwin selbst in reichem Masse ausgesetzt war. Drei seiner Kinder starben, der Tod der zehnjährigen Anne Elizabeth 1851 wegen Tuberkulose hat ihn vom Christentum entfremdet. Statt zu beten, ordnete er sich einem strengen Arbeitsrhythmus unter und brachte langsam und stetig seine Theorien zu Papier – Verleger Murray zahlte ihm für die erste Auflage des bahnbrechenden Werkes 180 Pfund. (Basler Zeitung)
Erstellt: 10.02.2009, 10:02 Uhr


