«Überraschend, wie scharf die Studentenproteste formuliert werden»

Von Patrick Künzle. Aktualisiert am 16.11.2009 1 Kommentar

Martin Lengwiler (44) unterrichtet Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Basel. Er sagt, dass es beim Bologna-System noch Umsetzungsschwierigkeiten gebe. Er hält sie jedoch für lösbar.

Martin Lengwiler, Professor für Neuere Allgemeine Geschichte an der Uni Basel.

Martin Lengwiler, Professor für Neuere Allgemeine Geschichte an der Uni Basel.

Artikel zum Thema

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Es sind vor allem Studenten aus der philosophisch-historischen Fakultät, die mit der Besetzung der Uni-Aula gegen die «zunehmende Ökonomisierung der Bildung» durch die Bologna-Reform protestieren. Doch welche Auswirkungen hat das Bologna-System auf die Geisteswissenschaftler? Martin Lengwiler nimmt Stellung.

BaZ: Martin Lengwiler, sind Sie überrascht, dass es in Basel zu Studentenprotesten gekommen ist?
Martin Lengwiler: Nein, denn es gärt schon lange. Die Umsetzung des Bologna-Systems wirft einige Fragen auf, die noch nicht geklärt sind. Überraschend ist nur, wie scharf die Proteste formuliert werden.

Welche Fragen sind es, die das Bologna-System aufwirft?
Bologna hat viele Hoffnungen geweckt. Es will zum Beispiel die Mobilität der Studierenden verbessern. Dies funktioniert jedoch noch überhaupt nicht. Ich nenne Ihnen ein Beispiel aus dem Fachbereich Geschichte. Die Seminararbeit wird an den Universitäten Basel, Zürich und Bern völlig unterschiedlich bewertet. Die Anrechnung auswärtiger Leistungen wird damit zum Problem. Der Grund ist klar: Der Bologna-Prozess wurde auf europäischer Ebene in die Welt gesetzt, aber später dezentral umgesetzt. Die formalen Mobilitätshürden sind aber ein praktisches, lösbares Problem.

Die Studenten beklagen eine Verschulung der Uni und nennen als Beispiel die Präsenzkontrollen. Zu Recht?
Ich persönlich finde, dass der Formalismus manchmal, etwa bei Vorlesungen, zu weit getrieben wird. Präsenzkontrollen halte ich bei gewissen Lehrveranstaltungen aber für wichtig. Bei Seminaren ist die Präsenz ein Mehrwert; es ist wichtig, dass sich die Studenten aktiv beteiligen. Bei Vorlesungen dagegen verzichte ich auf eine umfassende Präsenzkontrolle.

Das Bologna-System hat die Credit Points eingeführt. Die Studenten müssen eine gewisse Zahl von Lehrveranstaltungen besuchen, um auf eine geforderte Anzahl von Kreditpunkten zu kommen. Es ist zu hören, dass dies nicht gerade das selbstständige Lernen und Denken fördert.
Es gibt tatsächlich eine Art von mentalem Druck, Punkte zu sammeln, der vor Bologna nicht existierte. Viele Studierende kritisieren dies sehr. Ich rate ihnen stets, sich nicht in dieses mentale Korsett zwängen zu lassen. Wer sich zu viel vornimmt, der hat keine Ressourcen, das Thema zu vertiefen. Wir Lehrenden fördern dies sicher nicht. Unser Lehrstil ist genau gleich wie vor dem Bologna-System.

Bedeutet dies, dass Bologna nicht das falsche System ist, sondern dass es bloss Umsetzungsprobleme gibt?
Ich sehe das so und befürworte das System grundsätzlich. Das Studium ist greifbarer geworden. Es ist einfacher, die Studiengänge zu wechseln. Es stärkt zudem das Bewusstsein, dass das Studium irgendwann abzuschliessen ist. Das war im alten Lizenziatssystem weniger der Fall.

Die protestierenden Studenten wollen den Unirat abschaffen. Sie kritisieren, dass er vorab aus Wirtschaftsvertretern bestehe, und sehen darin eine «Ökonomisierung der Bildung». Spüren Sie eine solche in Ihrem Alltag?
Meine Forschungs- und Lehrfreiheit wird nicht tangiert von ökonomischen Zwängen. Sonst würden wir in Basel nur noch Wirtschaftsgeschichte unterrichten (lacht). Die Kritik am Unirat überhöht die Bedeutung, die das Gremium hat. Solange der Unirat ein Bekenntnis zur Universität abgibt und sich für eine nachhaltige Finanzierung einsetzt, sehe ich keine Notwendigkeit, ihn abzuschaffen.

Halten Sie die Studentenproteste dennoch für legitim?
Absolut. Ich hoffe, dass sie die Diskussion über Bologna beleben. Denn da sind auch wir Dozierende gefordert: In einigen Jahren müssen wir eine Zwischenbilanz ziehen, wie das System verändert werden kann, um die angestrebte Mobilität zwischen den Universitäten und den Studiengängen zu erreichen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.11.2009, 13:58 Uhr

1

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 Kommentar

Marco Lardi

16.11.2009, 13:15 Uhr
Melden

Die Studenten haben wohl Umsetzungsschwierigkeiten! Antworten



Basel

Populär auf Facebook Privatsphäre

Verzeichnis

Werbung

Meistgelesen in der Rubrik Basel

Ist der Kreisel bei der Prüfstation trotz Sanierung gefährlich?

Ja

 
52.2%

Nein

 
47.8%

1101 Stimmen

bluebanana.ch

BaZ.Reisen. 2012

Telefonbuch

Marktplatz

Eine Aktion von bluebanana.ch, Baslerstab und Basler Zeitung

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

BaZ.Mobil.

Mimpfeli