Basel
«Überraschend, wie scharf die Studentenproteste formuliert werden»
Von Patrick Künzle. Aktualisiert am 16.11.2009 1 Kommentar
Martin Lengwiler, Professor für Neuere Allgemeine Geschichte an der Uni Basel.
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Es sind vor allem Studenten aus der philosophisch-historischen Fakultät, die mit der Besetzung der Uni-Aula gegen die «zunehmende Ökonomisierung der Bildung» durch die Bologna-Reform protestieren. Doch welche Auswirkungen hat das Bologna-System auf die Geisteswissenschaftler? Martin Lengwiler nimmt Stellung.
BaZ: Martin Lengwiler, sind Sie überrascht, dass es in Basel zu Studentenprotesten gekommen ist?
Martin Lengwiler: Nein, denn es gärt schon lange. Die Umsetzung des Bologna-Systems wirft einige Fragen auf, die noch nicht geklärt sind. Überraschend ist nur, wie scharf die Proteste formuliert werden.
Welche Fragen sind es, die das Bologna-System aufwirft?
Bologna hat viele Hoffnungen geweckt. Es will zum Beispiel die Mobilität der Studierenden verbessern. Dies funktioniert jedoch noch überhaupt nicht. Ich nenne Ihnen ein Beispiel aus dem Fachbereich Geschichte. Die Seminararbeit wird an den Universitäten Basel, Zürich und Bern völlig unterschiedlich bewertet. Die Anrechnung auswärtiger Leistungen wird damit zum Problem. Der Grund ist klar: Der Bologna-Prozess wurde auf europäischer Ebene in die Welt gesetzt, aber später dezentral umgesetzt. Die formalen Mobilitätshürden sind aber ein praktisches, lösbares Problem.
Die Studenten beklagen eine Verschulung der Uni und nennen als Beispiel die Präsenzkontrollen. Zu Recht?
Ich persönlich finde, dass der Formalismus manchmal, etwa bei Vorlesungen, zu weit getrieben wird. Präsenzkontrollen halte ich bei gewissen Lehrveranstaltungen aber für wichtig. Bei Seminaren ist die Präsenz ein Mehrwert; es ist wichtig, dass sich die Studenten aktiv beteiligen. Bei Vorlesungen dagegen verzichte ich auf eine umfassende Präsenzkontrolle.
Das Bologna-System hat die Credit Points eingeführt. Die Studenten müssen eine gewisse Zahl von Lehrveranstaltungen besuchen, um auf eine geforderte Anzahl von Kreditpunkten zu kommen. Es ist zu hören, dass dies nicht gerade das selbstständige Lernen und Denken fördert.
Es gibt tatsächlich eine Art von mentalem Druck, Punkte zu sammeln, der vor Bologna nicht existierte. Viele Studierende kritisieren dies sehr. Ich rate ihnen stets, sich nicht in dieses mentale Korsett zwängen zu lassen. Wer sich zu viel vornimmt, der hat keine Ressourcen, das Thema zu vertiefen. Wir Lehrenden fördern dies sicher nicht. Unser Lehrstil ist genau gleich wie vor dem Bologna-System.
Bedeutet dies, dass Bologna nicht das falsche System ist, sondern dass es bloss Umsetzungsprobleme gibt?
Ich sehe das so und befürworte das System grundsätzlich. Das Studium ist greifbarer geworden. Es ist einfacher, die Studiengänge zu wechseln. Es stärkt zudem das Bewusstsein, dass das Studium irgendwann abzuschliessen ist. Das war im alten Lizenziatssystem weniger der Fall.
Die protestierenden Studenten wollen den Unirat abschaffen. Sie kritisieren, dass er vorab aus Wirtschaftsvertretern bestehe, und sehen darin eine «Ökonomisierung der Bildung». Spüren Sie eine solche in Ihrem Alltag?
Meine Forschungs- und Lehrfreiheit wird nicht tangiert von ökonomischen Zwängen. Sonst würden wir in Basel nur noch Wirtschaftsgeschichte unterrichten (lacht). Die Kritik am Unirat überhöht die Bedeutung, die das Gremium hat. Solange der Unirat ein Bekenntnis zur Universität abgibt und sich für eine nachhaltige Finanzierung einsetzt, sehe ich keine Notwendigkeit, ihn abzuschaffen.
Halten Sie die Studentenproteste dennoch für legitim?
Absolut. Ich hoffe, dass sie die Diskussion über Bologna beleben. Denn da sind auch wir Dozierende gefordert: In einigen Jahren müssen wir eine Zwischenbilanz ziehen, wie das System verändert werden kann, um die angestrebte Mobilität zwischen den Universitäten und den Studiengängen zu erreichen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 16.11.2009, 13:58 Uhr
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