Basel

Der letzte Metzger gibt auf

Von Franziska Laur. Aktualisiert am 29.09.2011 15 Kommentare

In Rheinfelden gibt es 26 Coiffeursalons. Fleisch kann man im Städtchen aber künftig keines mehr kaufen.

«Ich bin ein Arbeiter und bleibe ein Arbeiter.» Erhard Acklin öffnet morgen seine Metzgerei das letzte Mal.

«Ich bin ein Arbeiter und bleibe ein Arbeiter.» Erhard Acklin öffnet morgen seine Metzgerei das letzte Mal.
Bild: Anna Furrer

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«Es läuft nicht mehr. Ich gebe auf.», sagt Erhard Acklin, Metzger aus Rheinfelden. Er sitzt vor einem Bier im «Feldschlösschen» gegenüber seiner Metzgerei, eine Bekannte hat sich zu ihm gesellt, viele andere grüssen: «Hoi Eri», «En schöne Tag, Eri», «Machs guet», schallt es allenthalben aus der Marktgasse. Doch Eri, wie er seit Kindesbeinen genannt wird, kann von seinen vielen Kolleginnen und Kollegen allein nicht leben. Er hat keine Kundschaft mehr. «Als ich im Jahr 1967 gelernt habe, gab es hier sechs Metzgereien», sagt Acklin. Mit seinem Abgang diesen Freitag wird es keine einzige mehr sein.

«Schade, das Städtchen stirbt immer mehr», sagt Acklins Bekannte Yvette Bloch. Jedes zweite Restaurant habe zugemacht, es gebe nur mehr eine Bäckerei und schon früh am Abend versinke die Altstadt im Schlaf. «Sonst hagelt es Reklamationen», sagt Bloch. Kein Tanz mehr nach dem Markttag, keine Orgelklänge, keine Gespräche in den Gassen. Früher, da sei die Post noch abgegangen, erinnern sich die beiden: «Wenn du in die ‹Blume› kamst, so musstest du um einen Sitzplatz kämpfen. Heute kannst du Liegebetten in den Restaurants aufstellen, so viel Platz ist frei.» Mit der Ankunft von Liebhabern des gediegenen Wohnens im historischen Dorfkern, die abends ihre Ruhe wollen, habe der gesellschaftliche Abstieg des Städtchens begonnen.

Die Stadt allerdings gibt sich gelassen: «Wir bedauern die Schliessung der Metzgerei Acklin», sagt Stadtschreiber Roger Erdin. Das Verkaufslokal und die Metzgerei würden allerdings von neuen Betreibern übernommen. Tatsächlich wird im hinteren Teil des Lokals die Wurstproduktion weitergeführt. Ein gewisser Wechsel von Einzelhandelsgeschäften in der Altstadt sei ja auch normal, sagt Erdin weiter. Dadurch passe sich die Ladenvielfalt an neue Kundenbedürfnisse an.

26 Coiffeursalons im Städtchen

In der Metzgerei von Acklin werden künftig italienische Spezialitäten verkauft. «In der Altstadt übernehmen immer häufiger Frauen die Ladengeschäfte, die nicht auf Verdienst angewiesen sind, weil ihr Mann ein Einkommen nach Hause bringt», sagt Acklin. Im Städtchen beherrschen Einrichtungs-, Souvenir-, Spezialitätenläden die Gassen – und vor allem Coiffeursalons; 26 sind in Rheinfelden angemeldet. «Heute kannst du im Städtchen keinen Kopfsalat, kein Rüebli und keine Milch mehr kaufen», sagt Acklin. Und bald auch kein Fleisch mehr.

Der Koch des «Feldschlösschens» tritt hinzu. «Ich brauche 240 Schnitzel, 70 Gramm schwer, vom Kalb», sagt er. Acklin wickelt das Geschäft ab. «Jetzt kommen sie, wo ich aufhöre», grinst er. Die Aufgabe des Geschäfts sei eine schwere Entscheidung gewesen: «Ich habe lange gebraucht, doch schlussendlich geht es ums Überleben», sagt er. Seit Jahren habe er neben dem Geschäft noch im Angestelltenverhältnis gearbeitet. Doch das ging an die Substanz. Schliesslich ist er auch nicht mehr der Jüngste, er geht gegen sechzig. «Vielleicht hätte ich wie andere auf ein gehobenes Sortiment setzen müssen». Doch das ging ihm gegen den Strich: «Ich bin und bleibe ein Arbeiter.»

Nun arbeitet er im zürcherischen Glattbrugg, in der Metallbranche. «Ich werde wegziehen, in die Nähe meines Arbeitsortes», sagt er etwas traurig. Dann erhellt sich seine Miene. «In fünf Jahren kehre ich zurück.» Dann wird er pensioniert und kann sich voll seinem Hobby, den Vögeln, widmen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.09.2011, 07:45 Uhr

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15 Kommentare

Max Meier

29.09.2011, 09:44 Uhr
Melden 29 Empfehlung 0

So läuft die Zeit - und die Politiker unternehmen alles, damit Zentren unatraktiv werden. Basel macht den gleichen Fehler, dort haben wir bald nur noch Billigstkleideranbieter! Jetzt fehlen nur noch Solarien, dann geht der letzte Glanz verloren. Rest in peace Rheinfelden - ander Orte werden Dir folgen.... Antworten


Morten Lupers

29.09.2011, 09:40 Uhr
Melden 18 Empfehlung 0

Ist in Binningen (und wohl vielen anderen Orten) schon lange so. Dort gabs mal den Lang und den Stöcklin an der Hauptstrasse. Beide weg. Fleisch gibts beim Supermarkt, und in Bezug auf Rheinfelden, ennet der Brücke, zum halben Preis. Zuerst waren's die Supermärkte, die die kleinen Läden verdrängten, und nun die Supermärkte im grenznahen Ausland, die die hiesigen konkurrenzieren. Antworten



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