Basel
Der letzte Zöllner des Baselbiets
Von Jonas Hoskyn. Aktualisiert am 21.10.2012 9 Kommentare
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«Alfred Oberli, Zollamtsleiter Allschwil», stellt er sich vor und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Oberli weiss selber, viel zu leiten gibt es an der Grenze zwischen Allschwil und Hégenheim nicht. Und auch der Dienstgrad stimmt eigentlich nicht: Genau genommen ist der 52-Jährige «Zivileinnehmer an der Nebenzollstelle Allschwil» oder einfacher gesagt: der letzte Baselbieter Zöllner.
Vor zwei Jahrzehnten existierten noch ein Dutzend bemannte Grenzwachtposten entlang der Baselbieter Grenze zu Frankreich. Aus wirtschaftlichen Überlegungen wurden sie sukzessive abgebaut. Nun gibt es noch eine einsame Verzollungsbox in Biel-Benken – und Oberli.
Alleine hockt er in seinem Büro und wartet auf Verzollungswillige. Der Grenzwachtposten schräg gegenüber steht meistens leer – feste Präsenzzeiten gibt es hier schon lange nicht mehr. Am Morgen sitzt schräg gegenüber noch eine Frau vom französischen Zoll in ihrem Häuschen. Ab und zu hört man das Dröhnen eines Flugzeugs. Wenn etwas kaputt ist, greift Oberli zum Schraubenzieher und, wenn es im Winter schneit, zur Schneeschaufel.
Marktfrauen, Bauern und Pferde
«Ich hab mir gut überlegt, ob ich hier nicht vereinsame, bevor ich mich auf den Job beworben habe», sagt er. Vor viereinhalb Jahren wechselte er vom Autobahn-Zoll Basel/St-Louis, dem die Aussenstation zugeordnet ist, nach Allschwil. «Langweilig wirds hier nicht», hat Oberli mittlerweile gemerkt. Zumal sich sein Arbeitstag merklich von demjenigen seiner Berufskollegen unterscheidet. Statt Lkw-Kontrollen muss sich Oberli nun um landwirtschaftlichen Verkehr, Marktfrauen und Hausierer kümmern. Der Bauer mit Rebstöcken im Elsass will seine Ernte im Baselbiet zu Wein verarbeiten lassen und die Elsässer Bauern umgekehrt ihr Gemüse am Basler Markt feilbieten.
Viel läuft hier noch ohne Computer. Die Landwirte kündigen ihre Transporte per Fax an und die Marktverkäufer müssen ein kleines Büchlein mit sich führen, in dem sie ihre Waren auflisten. 240 Kilogramm Kartoffeln und 360 Kilo Gemüse sind pro Woche abgabefrei. Die entsprechende Übereinkunft zwischen Frankreich und der Schweiz datiert von 1938 und etwa so sieht das Büchlein auch aus.
Zu Oberlis Arbeit gehört auch die monatliche Pferdesprechstunde in Biel-Benken. Dort lassen sich Reiter einen Pass für ihre Vierbeiner ausstellen, um so bei ihren Ausritten über die Grenze den Verdacht des Pferdeschmuggels widerlegen zu können.
Ansonsten bedient der Allschwiler Zoll eine überblickbare Stammkundschaft. Die Idee des Aussenpostens ist, dass kleinere Betriebe nicht zusammen mit den Lastwagen über die Autobahn geschleust werden müssen, sondern rasch und unkompliziert die Grenze passieren können. Alles, was von mehr als 20 Kilometer ausserhalb kommt, muss über die Autobahn.
Dann und wann fährt ein Privater auf dem Velo oder im Auto vorbei – kein Vergleich mit anderen Grenzübergängen. Ein grosses Einkaufszentrum gibt es in der Gegend nicht: «Aber Ende Jahr wird immer viel Wein im Elsass eingekauft», weiss Oberli. Zum Glück habe er grossenteils ehrliche Kunden.
Keine Waffe, aber ein Nagelgurt
Denn Oberli darf zwar einen Blick in den Kofferraum werfen und den harmlosen Schmugglern eine Busse ausstellen, aber im Extremfall eingreifen kann er nicht. Ein Einmanneinsatz wäre schlichtweg unverantwortlich. Zumal er als Zöllner unbewaffnet ist, einzig ein Nagelgurt wäre vor Ort. In kritischen Fällen alarmiert er das Grenzwachtkorps. Aber solche Fälle sind selten am beschaulichen Grenzübergang.
Punkt 17 Uhr macht Oberli den Posten zu und macht Feierabend. Dann ist das Baselbiet zwar nicht zollfrei, aber immerhin «zöllnerfrei». (Basler Zeitung)
Erstellt: 21.10.2012, 15:44 Uhr
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9 Kommentare
Wenn man diesen Artikel liest, hat man das Gefühl, immer noch kurz vor der französischen Revolution zu leben, irgendwann um 1780. Damit bestätigt sich auch, dass die Globalisierung ihre guten Seiten hat. Einerseits wird dem lokalen immer noch viel Bedeutung beigemessen und andererseits erreichen damals wie heute, trotz WWW, einfach nie alle Informationen den Bürger. Singen wir darauf ein Lidle! Antworten
Herr Braun; also wenn man die Wirtschaftslage u.die anstellungsprozedere von heute und vor 20 Jahren vergleicht,so kommt man tatsächlich zum Schluss, dass es diesbezüglich früher besser war!Was diesbezüglich heute abgeht, nimmt schon ein pathologisches Ausmass an! Antworten
Basel
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