Weil am Rhein

«Die Schweizer kommen von überall her»

Deutsche Zollbeamte stempelten 2014 in der Region 5,2 Millionen Ausfuhrscheine ab. Mit der Erweiterung der Tramlinie 8 nach Weil am Rhein, sind es noch mehr Einkaufstouristen geworden.

Entlastung für Zollbeamte. Statt von Hand mit einem Stempel können die Ausfuhrscheine mittlerweile mit einer Maschine abgestempelt werden.

Entlastung für Zollbeamte. Statt von Hand mit einem Stempel können die Ausfuhrscheine mittlerweile mit einer Maschine abgestempelt werden. Bild: Nicole Pont

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Die Stempelmaschine im Zollhäuschen am Grenzübergang Weil-Friedlingen rattert beinahe im Sekundentakt. Es ist Samstagmorgen und den beiden diensthabenden Zollbeamten Jens Lenke und Ulrich Bauer steht noch ein langer Tag bevor. «Normalerweise wird es erst am späteren Nachmittag richtig stressig», meint Lenke und stempelt den nächsten Ausfuhrschein ab.

Seitdem Herr und Frau Schweizer Samstag für Samstag vornehmlich deutsche Lebensmittelgeschäfte ennet der Schweizer Grenze stürmen, musste Ersatz für den guten alten Stempel her. Die Stempelmaschine schafft da willkommene Abhilfe: «Es sind einfach zu viele Mehrwertsteuerausfuhrbescheinigungen geworden», sagt der Zollbeamte Ulrich Bauer, der seit 1973 beim Hauptzollamt Lörrach arbeitet.

Fast ein Fünftel Rabatt

Das System mit den grünen Zetteln ist einfach und macht den Einkauf im grenznahen Deutschland noch günstiger, als er ohnehin schon ist: Im Laden erhält der Kunde einen Ausfuhrschein, auf dem die Mehrwertsteuer des Einkaufsbetrags vermerkt ist. Diesen Ausfuhrschein kann man nach Vorweisen eines Ausweisdokuments am Zollamt abstempeln lassen und erhält dann beim nächsten Einkauf den entsprechenden Betrag gegen Rückgabe des grünen Zettels vom jeweiligen Laden zurückerstattet. Bei einem Einkauf unter der Freigrenze von 300 Franken kann die Rückerstattung der Mehrwertsteuer einen zusätzlichen Rabatt je nach Waren von sieben beziehungsweise 19 Prozent ausmachen. Herr und Frau Schweizer zahlen also für einen durchschnittlichen Einkauf für umgerechnet 150 Franken letztlich nur rund 135 Franken.

Was des einen Freud ist, ist des andern Leid: Der Dienst am Samstag im Zollhäuschen gehört nicht zu den beliebtesten bei den Zollbeamten des Hauptzollamts Lörrach, wie Mediensprecherin Antje Bendel sagt. «Aufgrund des hohen Andrangs ist diese monotone Tätigkeit durchaus belastend für unsere Bediensteten.» Laut Bendel käme es auch oft vor, dass die Leute ungeduldig werden und ihre Ausfuhrscheine so schnell wie möglich abgestempelt haben wollen. «Wir haben die Öffnungszeiten seit April bis 23 Uhr ausgedehnt, aber mehr als zwei Personen gleichzeitig können hier nicht stempeln, weil die Infrastruktur dies nicht zulässt», sagt Bendel weiter.

40 Zollbeamte stempeln nur

Neben den üblichen Tätigkeiten des Hauptzollamts Lörrach, wie etwa Warenkontrollen oder gewerbliche Abfertigungen am Autobahnübergang Basel-Weil am Rhein, wächst der Aufwand für die private Ausfuhr unaufhörlich, wie Antje Bendel erklärt: «Derzeit sind 40 Vollzeitstellen nötig, um diesen Bedarf zu decken.» Insgesamt arbeiten beim Hauptzollamt Lörrach, das neben Weil am Rhein auch Grenzübergänge in Lörrach und Rheinfelden kontrolliert, rund 1000 Personen. Kein Beschäftigter müsse ausschliesslich Ausfuhrkassenzettel abstempeln, sagt Bendel. Der gewerbliche Warenverkehr beim Zollamt Weil am Rhein-Autobahn habe aber Priorität: «In diesem abwechslungsreichen Arbeitsbereich werden die Beschäftigten überwiegend eingesetzt.» Dort sei laut Bendel insbesondere an den Sonntagen eine Zunahme der privaten Ausfuhren feststellbar, da es immer mehr Schweizer auch für einen Kurzurlaub mit Shoppingtour ins nahe Freiburg im Breisgau oder bis nach Karlsruhe oder Stuttgart ziehe.

Seit Anfang Januar die Schweizerische Nationalbank die Euro-Untergrenze aufhob und der Einkauf in Deutschland mit einem Schlag weitere 15 Prozent billiger wurde, kennen Herr und Frau Schweizer kein Halten mehr: «Die Autos kommen von überall her», sagt Zollbeamter Jens Lenke. «Mittlerweile sind auch Nummernschilder aus der Innerschweiz keine Seltenheit mehr.» Die eindrückliche Zahl der abgestempelten Ausfuhrbescheinigungen bestätigt Lenkes Beobachtungen: Wurden im April 2014 noch 100'000 grüne Zettel abgestempelt, waren es ein Jahr später bereits 130'000. «Insgesamt verzeichneten wir im vergangenen Jahr 5,2 Millionen Ausfuhrbescheinigungen, für 2015 rechnen wir damit, die 6-Millionen-Grenze zu überschreiten», sagt Antje Bendel.

Keine Erleichterung in Sicht

Mit der Erweiterung der im Dezember eröffneten Tramlinie 8 nach Weil am Rhein, sind es noch mehr Einkaufstouristen geworden. Um den Ansturm von bis zu täglich 6000 Personen am Zollübergang Weil-Friedlingen bewältigen zu können, wird im «Stempeltempel» deshalb im Zwei-Schichten-Dienst gearbeitet. An der Tramhaltestelle direkt vor dem Zollhäuschen spielen sich seither immer wieder äusserst kuriose Szenen ab. «Es gibt immer wieder einmal Mütter, die ihren Kinderwagen im Tram lassen, um schnell bei uns den Ausfuhrschein abstempeln zu lassen», erzählt Mediensprecherin Antje Bendel. «Dabei ist es schon vorgekommen, dass das Tram dann ohne die Mutter weiter­gefahren ist.»

Eine Lösung für die samstägliche Flut an grünen Zetteln hat indes auch Bendel nicht. Zwar gebe es eine Arbeitsgruppe beim Bundesfinanzministerium, das eine Automatisierung des Ausfuhrprozesses berät. Doch bis konkrete Vorschläge vorliegen, dürfte noch längere Zeit vergehen, meint die Sprecherin des Hauptzollamts Lörrach.

Die einfachste Lösung aus Sicht des Zolls, nämlich ein Mindesteinkaufsbetrag, wie etwa in Frankreich, wo die Mehrwertsteuer erst ab 175 Euro erstattet wird, bleibt ein Wunschtraum: «Das ist eine Entscheidung, die auf politischer Ebene zu treffen ist. Die Interessen des Einzelhandels dürften hierbei – zu Recht – auch eine gewichtige Rolle spielen», sagt Antje Bendel. Währenddessen rattert die Stempelmaschine monoton weiter und stempelt und stempelt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.05.2015, 16:10 Uhr

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