Laufen

Ein Grabfeld für Sternenkinder

Ein tot geborenes Baby hat je nach Gewicht kein Anrecht auf eine Bestattung. Laufen will dies nun ändern, doch für andere Gemeinden ist das nicht möglich.

Neue Gedenkskulptur: Alban Imhof und Linda Wunderlin haben das Nest neben dem Taubenbrunnen kreiert.

Neue Gedenkskulptur: Alban Imhof und Linda Wunderlin haben das Nest neben dem Taubenbrunnen kreiert. Bild: Pierre Stoffel

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Die Fakten sind knallhart. Ein ungeborenes Kind, das vor der vollendeten 22. Schwangerschaftswoche stirbt und weniger als 500 Gramm wiegt, ist nicht meldepflichtig und hat in der Schweiz kein Anrecht auf eine Bestattung. Viele Gemeinden nehmen diese Vorgaben als Massstab für ihr Friedhofsreglement und bieten für diese sehr früh verlorenen Kinder keinen Platz.

Nicht so die Gemeinde Laufen. Vor einigen Jahren hat sie das Mindestalter aufgehoben. Nun soll sogar ein eigenes Grabfeld für sogenannte Sternenkinder entstehen. Am 19. Juni stimmt die Gemeindeversammlung darüber ab. Auslöser für die Idee war ein konkreter Fall. «Das Baby konnte nicht kremiert werden, weil es zu klein war. Deshalb wollen wir nun betroffenen Eltern diese Möglichkeit bieten», sagt die zuständige Stadträtin Sabine Asprion.

Tote Föten für die Pharma

Ein solches Grabfeld sei wichtig, findet auch Alban Imhof, Mitglied der Friedhofskommission: «Oft können Eltern am Anfang nur schlecht mit einer Totgeburt umgehen und lassen das Kind im Spital.» Was dann mit dem Kind geschehe, sei klar: «Tote Föten landen sehr oft in der Pharmaindustrie. Das ist unwürdig.» In der Friedhofskommission seien Totgeburten seit Jahren ein Thema: «Es gab in Laufen früher einen Pfarrer, der gesagt hat, dass ein Kind erst ab 46 Zentimetern bestattet werden darf oder mindestens getauft sein muss», erinnert sich Imhof. Nach genauer Nachfrage stellte sich heraus, dass die Weisung nicht von der Kirche kam, sondern dies in Laufen einfach so Usus war.

Imhof ist Steinbildhauer und fertigt auch Grabmale. In dieser Funktion kommt er immer wieder in Kontakt mit Eltern, die ihr Sternenkind bestatten möchten. Oft sei aber die Situation für die betroffenen Eltern sehr unbefriedigend geregelt: «Eine Bekannte von mir musste ihr Kind schlussendlich bei einem Verwandten ins Grab legen. Und aktuell weiss ich von einer Mutter aus Münchenstein, die sehr unglücklich ist, weil sie ihr Kind im Grab eines Familienmitglieds beisetzen musste.»

Jede Gemeinde kann eigenständig entscheiden, wie sie mit Sternenkindern umgehen will. Und die kommunalen Regelungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Das zeigt eine Umfrage bei fünf Gemeinden.

Grosse kommunale Unterschiede

In Therwil gibt es zwar einen Gedenkort für ungeborenes Leben, doch dieser ist nur ein Ort der Andacht. Wie auf der Homepage der Gemeinde steht, ist bei Verlust eines Kindes bis Ende der 21. Schwangerschaftswoche eine Beisetzung/Bestattung nicht möglich. Ähnliche Regeln gelten in Muttenz, wo es ebenfalls eine Gedenkstätte gibt. Auch in Liestal steht eine Skulptur für Engelskinder. Kinder, die vor der 24. Schwangerschaftswoche verstorben sind, dürfen zwar bestattet werden, allerdings nur im Gemeinschaftsgrab.

In Allschwil steht nichts Explizites im Friedhofsgesetz. Laut dem Sachbearbeiter Bestattungswesen darf aber je-des Kind bestattet werden, egal wie alt oder schwer: «Die Eltern sind Einwohner von Allschwil, deshalb hat meiner Meinung nach auch ihr totgeborenes Kind ein Recht auf ein kleines Grab», sagt Jean-François Oboussier. In Laufen ist das Sternenkindergrabfeld geplant. Bestattung ist zudem nicht gleich Bestattung. So werden Sternenkinder in einigen Gemeinden nur kremiert im Gemeinschaftsgrab beigesetzt, während beispielsweise in Laufen die Kinder ohne Kremation anonym in kleinen Behältnissen, wie Weidenkörbchen oder Kartons beerdigt werden sollen. «Särge dürfen wir dort keine verwenden, da es kein eigentliches Grabfeld ist. Die Behältnisse müssen schnell verrotten», sagt Sabine Asprion. Kremieren könne man die kleinen Körperchen nicht, weil das Krematorium am Hörnli in Riehen ein Mindestgewicht von 500 Gramm vorgebe.

Eine Frage der Ofentechnik

Die mögliche Art der Bestattung hängt demnach sogar von der Wahl des Krematoriums ab. «Die 30 Zentimeter kleinen Särge kann man in unseren Öfen nur schlecht positionieren. Bei anderen Ofentechniken geht das einfacher», sagt Bernhard Meister, Leiter Bestattungsbetriebe bei der Stadtgärtnerei Basel. Bei einem Baby, das kleiner sei als 500 Gramm, bleibe aber auf jeden Fall kaum Asche übrig. In begründeten Einzelfällen macht auch das Krema­torium am Hörnli Ausnahmen. Ob die Eltern ihr fehlgeborenes Kind überhaupt bestatten können, kommt auch auf das gewählte Spital an. In der Schweiz gibt es keine einheitliche Regelung, wie mit toten, noch nicht meldepflichtigen Kindern umgegangen wird (siehe Interview). Im Kantonsspital Baselland landet laut Mediensprecherin Christine Frey kein Fötus im Spitalabfall oder bei der Pharmaindustrie: «Wenn die Eltern keinen speziellen Beisetzungswunsch haben, wird das Kind kremiert und in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Hörnli beigesetzt», sagt Christine Frey. Die Kosten übernehme das Spital. Die Schwangerschaftswoche spiele dabei keine Rolle.

Falls das Laufener Volk Ja sagt zum Sternengrabfeld, wird es im September eingeweiht und gesegnet. Eine Gedenkskulptur vom Steinbildhaueratelier Alban Imhof steht bereits dort. Ein Vogelnest mit zwei ganzen und einem zerbrochenen Ei. Symbolisch für das Leben, das, kaum entstanden, wieder davonfliegt. «Mit dem geplanten Sternenfeld wollen wir zeigen, dass auch so junges Leben würdevoll enden kann und seinen Platz auf dem Friedhof haben soll», sagt Imhof. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.06.2014, 11:48 Uhr

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