Basel
Eine «Kalte Muschi» aus Sissach
Von Joel Gernet. Aktualisiert am 03.08.2012 18 Kommentare
Spritzig: Die Rotwein-Cola richtet sich vor allem an Partygänger.
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Guy de Coulon. Der Name rollt wie ein Spitzenwein aus Bordeaux über die Zunge. Mouton Rothschild, Montrose, Lafite, Palmer, oder Cos d’Estournel steht auf den Flaschen im Glasschrank hinter Guy de Coulon. Der 26-Jährige gehört zur sechsten Generation der Sissacher Weinhändlerfamilie Buess. Und die rund 50 Jahre alten Weinflaschen hinter ihm stehen für die exklusivsten Rotweine der Welt. Einige dieser Tropfen haben sich de Coulons Urväter früher, als diese Weine noch bezahlbar waren, gleich fassweise zum firmeneigenen Bahnanschluss an ihren Sitz mitten in Sissach liefern lassen. Dort wurden sie abgefüllt und verkauft.
De Coulon riecht an seinem Glas und schwenkt den Inhalt. Er sitzt im repräsentativen Degustationsraum der Buess AG, der Eisenbahnanschluss vor der Türe ist inzwischen verschwunden. Nach einer andächtigen Pause nimmt er einen Schluck, lässt ihn im Mund kreisen und zieht ihn durch die Zähne. Langsam gleitet das dunkelrote Getränk die Kehle herunter. Eine normale Weindegustation, könnte man meinen. Doch hier wird etwas – wie ich zunächst finde – ganz Frevlerisches kredenzt: Ein Mix aus Rotwein und Cola. «Famous Red» nennt de Coulon seine in der Schweiz bisher kaum bekannte Kreation. In Spanien ist das Getränk seit Längerem als «Calimocho» bekannt und in Hamburg hat der Drink unter dem Namen «Kalte Muschi» Kultstatus erlangt.
Tüfteln in der Freizeit
Entdeckt hat de Coulon die ungewöhnliche Mischung vor zehn Jahren als er im Flugzeug einen Passagier sah, der Cola und Rotwein zusammenmischte. «Zuerst war ich irritiert und dachte: Geht das?» Zurück in Sissach tüftelt und degustiert er sich durch die Rebensäfte der elterlichen Kellerei und merkt, dass ein Baselbieter Pinot Noir zu schwach ist, um der Süsslimonade Paroli zu bieten. Schliesslich landet der Teenager bei Tempranillo, dominierende Traube der Rioja-Weine. Nachdem de Coulon die richtige Mischung gefunden hat, kümmert er sich um Flaschendesign, Verkaufskonzept und Testabfüllungen. Alles geschieht in der Freizeit, beruflich war de Coulon bis vor Kurzem in der Finanzkontrolle einer Spedition tätig. Inzwischen ist er als Mitglied der Geschäftsleitung ins Familienunternehmen eingestiegen und hat genug Zeit, um seine erste Eigenkreation voranzutreiben.
«Den Tempranillio riecht man deutlich in der Nase», sagt de Coulon und nippt am Glas. Auch der Duft von Rohrzucker und Caramel ist klar auszumachen – hier hinterlässt die Cola ihre olfaktorischen Spuren. Entscheidend ist aber der Geschmack im Gaumen, schliesslich wird kaum ein Partygänger an seinem Rotwein-Cola-Mix schnuppern. «Der erste Schluck ist gewöhnungsbedürftig – danach läufts», sagt de Coulon. Und er hat recht. Während der Rotwein angenehm im Rachen haften bleibt, kitzelt die süsssaure Limonade auf der Zunge. Dieses Getränk kann man tatsächlich geniessen – auch wenn ich lieber einen der Bordeaux aus der Glasvitrine verkostet hätte.
Ein Mann mit mehr Flaschen als Fingern an den Händen betritt den Raum. «Da kommt die fünfte Generation», sagt Guy de Coulon lachend und stellt seinen Vater vor. Was der Inhaber des Traditionsunternehmens wohl von der Idee seines Sohnes hält? «Mein erster Gedanke war: Lustig, er macht etwas Eigenes», sagt Laurent de Coulon und erinnert sich an die 80er-Jahre als er selber eine Weisswein-Limonade-Mischung lancierte. «Damals fielen wir auf die Nase», sagt er schmunzelnd. Man dürfe das Gemisch seines Sohnes einfach nicht aus der Weinperspektive betrachten.
Markenstreit beigelegt
Mit den dem Aufstieg der sogenannten Alcopops – diese süssen Fertigmischgetränke, denen man ihren Alkoholgehalt kaum anmerkt – sind sich Partygänger heute solche Mischgetränke gewöhnt. Gute Vorzeichen also für den Famous Red, der neu im Buess-Weingeschäft in Sissach bezogen werden kenn. Nun sucht de Coulon nach Abnehmern in Gastronomie und Detailhandel. Auf negatives Feedback sei er in Weinkreisen bisher nicht gestossen – eher auf Neugier. Eine Beschwerde gab es dennoch. Und zwar aus dem Hause Red Bull. «Das war lustig», erzählt de Coulon mit schelmischem Blick. Eine Zürcher Anwältin habe sich im Namen des Österreichischen Getränkemultis gemeldet und verlangt, dass der Sissacher den Markennamen Famous Red wegen zu grosser Ähnlichkeit zurückziehe. Mit einem handgeschriebenen Brief an Red-Bull-Chef Mateschitz konnte der Markenstreit schliesslich beigelegt werden.
Inzwischen ist der Rotwein-Cola-Mix in den Gläsern warm geworden und der Cola-Duft hat überhand genommen. Nicht zum Vorteil des Famous Red. «Am besten gekühlt geniessen – aber mehr als zwei Eiswürfel verwässern den Geschmack», rät de Coulon, der – so besagt es die Legende – im zarten Alter von drei Monaten das erste Mal Wein von einer Fingerkuppe degustiert hat. Ungestreckt, ohne Cola. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.08.2012, 11:25 Uhr
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18 Kommentare
"...in der Schweiz bisher kaum bekannte Kreation."
Aber hallo, Calimucho (und nicht Calimocho, wie im Artikel erwähnt) war zu meiner Jugendzeit DAS Getränk.
Da man einen billigen Kochwein verwenden kann, wars gut für's Portemonnaie und die Cola-Flasche war zudem die perfekte Tarnung für Schulreisen o.Ä.
;-)
P.S.: Ein kleiner Schuss Kirsch gibt dem Ganzen eine abgerundete Note.
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