Basel

Eine stille Gesellschaft sucht die Öffnung

Rassismusverdacht, interne Streitereien, Kritik an den Steiner-Schulen: Die Anthroposophen haben zuletzt vor allem für negative Schlagzeilen gesorgt. Doch was verbirgt sich hinter der verschlossen wirkenden Organisation? Die BaZ hat im Dornacher Goetheanum nach Antworten gesucht.

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Trutzig: Von aussen wirkt das Goetheanum in Dornach abweisend und kalt, im Innern offenbart es sich aber ganz anders.
Dornach ist das Zentrum der weltweit tätigen Anthroposophen. Die Lehre der Anthroposophie (griechisch anthropos = Mensch, sophia = Weisheit) geht dabei im Wesentlichen auf deren Begründer Rudolf Steiner (1861–1925) zurück. Überhaupt lässt sich die Anthroposophie nicht verstehen, ohne Rudolf Steiner zu verstehen, der ein 400-bändiges Lebenswerk mit über 90'000 Seiten hinterlassen hat. Auch heute noch berufen sich fast alle anthroposophischen Lehren auf die Werke Steiners, die allerdings nicht alle unumstritten sind.
Bild: Henry Muchenberger

   

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Seit über 80 Jahren prägt das Goetheanum, ein aus Beton gegossener Monumentalbau von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, Dornachs Erscheinungsbild. Doch statt für Öffnung nach aussen, wie es die Idee des Erbauers war, wirkt die mächtige Betonfassade heute für die meisten wie eine unüberwindbare Mauer. Was im Goetheanum und dessen Nebengebäude passiert, dringt kaum an die Öffentlichkeit. Kein Wunder, wirkt die anthroposophische Gesellschaft für viele wie ein Geheimbund. Kein Wunder, ist die Gesellschaft eine Zielscheibe für Kritik. Für Kritik etwa aus Deutschland, vom Journalisten Michael Grandt, der in seinem Buch «Schwarzbuch Waldorf» die Unterrichtsformen an den Steiner-Schulen geisselt. Oder für Kritik an anderen Büchern von Rudolf Steiner: wegen angeblich rassistischer Aussagen darin. Oder auch für Kritik aus den eigenen Reihen, von Anthroposophen, denen die zarten Reformbemühungen innerhalb der Gesellschaft zu weit gehen.

Licht aus dem Osten

Am Goetheanum ist von der niederprasselnden Kritik aber nichts zu spüren. Es ist, als ob die trutzigen Mauern alle Stürme draussen hielten. Die einzige Verbindung zur Aussenwelt sind Fenster, die den Betonwall sporadisch durchbrechen. Und das hereinfallende Licht ist erstaunlich hell, wirkt erstaunlich warm. Die Lichterkaskaden schwappen durch den Eingangsbereich, durch das Treppenhaus. Jeder neue Blickwinkel eröffnet neue Perspektiven auf das Lichterspiel.

«Ex oriente lux, aus dem Osten kommt das Licht: Rudolf Steiner bezog das Licht als wichtigen Bestandteil in seine organische Struktur ein», sagt Wolfgang Held, der Öffentlichkeitsarbeiter des Goetheanums. Und er betont: «Es findet eine Öffnung statt.» So gibt es fast täglich Führungen durch das Goetheanum, jährlich finden etwa 700 öffentliche Veranstaltungen statt, erst kürzlich besuchte «Telebasel» das Haus und diesen Winter kommt der Film «Zwischen Himmel und Erde – Anthroposophie heute» von Christian Labhart in die Kinos.

Doch sofort wird Held wieder theoretisch, fokussiert sich auf Detailfragen der Anthroposophie, vergisst die grundsätzlichen Fragen des Aussenstehenden: «Wir müssen Steiner zeitgemäss verstehen. Steiner entwickelte die Anthroposophie in einer Zeit, in der niemand von Spiritualität redete.» Doch als Held merkt, dass er sich wieder hinter die schützenden Mauern zurückzieht, ergänzt er: «Der Reformdruck ist da, alles kommt auf den Prüfstand.»

Interner Streit

Auf den Prüfstand gestellt wurde die Gesellschaft schon mehrfach. Intern etwa von der Gruppierung «Gelebte Weihnachtstagung». Diese aus etwa 50 Personen bestehende konservative Gruppe spaltete sich vor fünf Jahren von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ab, weil sie sich dem «geschichtsverfälschenden Dogma des Vorstandes» nicht beugen wollte und sie nicht bereit war, «die reaktionäre Haltung des Vorstandes, die dieser gerne als Modernisierung verkauft, mitzutragen», wie die Abtrünnigen damals begründeten. Der interne Streit wurde dabei an die Öffentlichkeit gezerrt, ohne dass jemand den Streitgrund zu erkennen vermochte.

Jetzt aber wischt Held die Frage nach der «Gelebten Weihnachtstagung» mit einer Handbewegung weg. «Die meisten Mitglieder der Weihnachtstagung bleiben von der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen. Und seit etwa einem Jahr ist auch alles ruhig.» Denn vor einem Jahr habe sich die Gruppierung aufgelöst. Für Held vom Tisch sind ebenfalls die anderen Probleme: der Rassismusvorwurf und die Kritik an den Steiner-Schulen. Der Rassismusvorwurf wurde von Rassismusexperte Samuel Althof wegen «erklärungsbedürftiger Aussagen» in neu aufgelegten Büchern erhoben. Doch unterdessen wurden die umstrittenen Bücher teils zurückgezogen, teils mit Fussnoten versehen. Auch frühere Rassismusvorwürfe gegen anthroposophische Werke wurden von Gerichten als haltlos bewertet.

Und schliesslich ist für Held das schwarze Kapitel «Schwarzbuch Waldorf» abgeschlossen. Denn zum einen wurde die Recherchequalität im Buch vom Landesgericht Stuttgart gerügt, einzelne Aussagen sogar als falsch bemängelt. Die Folge: «Das Buch darf nicht mehr verkauft werden», sagt Held. Und tatsächlich ist das «Schwarzbuch» selbst beim grossen Internet-Buchhändler «Amazon» nur secondhand erhältlich. Dabei hätte sich Nikolai Fuchs, Leiter der Sektion für Landwirtschaft und Co-Leiter des Forschungsinstituts am Goetheanum, durchaus auf kritische Bücher gefreut, etwa auch auf Helmut Zanders Buch «Anthroposophie in Deutschland». Doch ähnlich wie Grandt habe Zander vorwiegend mit Unterstellungen gearbeitet, anstatt berechtigte Kritik anzubringen, sagt Fuchs. «Das war schade.»

Zusammenarbeit

Findet die Anthroposophie nach all den Querelen also endlich Zeit für die angekündigten Reformen, für die Öffnung nach aussen? Fuchs ist zuversichtlich. «Wir betreiben hier das älteste Forschungsinstitut für Ökolandbau der Welt, 1921 wurde es gegründet.» Unterdessen gebe es mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frick gemeinsame Kolloquien. Und die Forschung in Dornach (Biologie, Landwirtschaft, Physik) werde langsam auch bei anderen Institutionen wahr- und ernstgenommen.

Zudem gebe es unterdessen 4500 Demeter-Betriebe in 40 Ländern – Landwirtschaftsbetriebe also, die nach den naturverbundenen Regeln Rudolf Steiners Pflanzen anbauen. «Denn wir dürfen die Life Sciences nicht nur rein technologisch verstehen», sagt Fuchs. Erfolge bei der alternativen Getreidezucht und der Schädlingsbekämpfung scheinen Fuchs und seinem Team jedenfalls recht zu geben. Und als stünde es im Drehbuch, fluten Sonnenstrahlen in den Raum am Forschungsinstitut. Ex oriente lux. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.10.2009, 16:47 Uhr

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5 Kommentare

Dietmar Ferger

11.11.2009, 12:06 Uhr
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Rudolf Steiner war einer der größten Eingeweihten und Mystiker der Neuzeit, und auch Mitglied der Freimaurer. Wie alle diese Menschen, die mehr sehen und wissen als der "normale" Rest, hatte er Feinde - die ihn schlussendlich vergifteten. Seit dem Tod Steiners wird die Anthroposophische Gesellschaft von Menschen geführt, die die politische und soziale Wirksamkeit Steieners unterdrücken. Antworten


Bea Keller

29.10.2009, 17:09 Uhr
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Antroposophie ist keine Religion. In den Schulen besonders in den grossen wie in BS haben die meisten Kinder nicht mal Anthroposophische eingestellte Eltern. Die Schulen sind für alle offen , für jede Konfession. Religionsunterricht ist zwar Pflicht, aber man hat die Auswahl zwischen Christengemeinde (Anthroposophen), Freien Religionsunterricht und Öekumenischen Religionsunterricht. Antworten


Samuel Riggenbach

29.10.2009, 16:46 Uhr
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Mich dünkt, alle ehemaligen Probleme scheinen nun keine mehr zu sein - es scheint ja fast perfekt, ob's so einfach ist? Trotzdem bin ich überzeugt, dass ein konstruktives Bestreben vorhanden ist & ich hoffe, dass dies einerseits weiterhin gelebt/gezeigt werden kann & andererseits auch von den Medien kritisch, aber nicht partout destruktiv aufgenommen wird - so wie vorliegender (positiver) Artikel Antworten


Sophia Pescadora

29.10.2009, 16:41 Uhr
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Steiner war ein Kind seiner Zeit, wie es wohl alle Denker, Künstler, Philosophen etc. waren und sind. Es scheint jedoch für Aussenstehende aber auch für die Mitglieder der Anthroposophen Bewegung schwierig zu sein, Steiner in diesem Kontext zu begreifen. Das heisst man müsste MITDENKEN und WEITERDENKEN, was den meisten Anthroposophen meiner Erfahrung nach schwer fällt. SCHADE! Antworten


pablo mueler

28.10.2009, 13:21 Uhr
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Aus heutiger sicht, wo alles schöngeredet werden muss war Steiner wie so viele seiner zeit, ein rassist. Er war bei weitem auch nicht der einzige der Vollmenschen wollte. Die weltanschauung dieser grupierung mag manchmal etwas seltsam erscheinen doch, wenn ich diese gesellschaft (oder religion) näher betrachte waere es sicher von vorteil es gäbe mehr dieser Art. Antworten



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