Basel

Erlebt Liestal einen kulturellen Frühling?

Von Grégory Witmer. Aktualisiert am 31.10.2012 3 Kommentare

Wer nach sieben Uhr abends durch Liestal geht, wähnte sich bisher in einer Geisterstadt. Doch junge Bars machen Hoffnung auf ein Erblühen der Stadt.

So sieht die Liestaler Vergnügungsmeile für Nachtschwärmer aus.

So sieht die Liestaler Vergnügungsmeile für Nachtschwärmer aus.
Bild: Grégory Witmer

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«Neun Uhr, Denner.» Das war in meiner Jugend die klassische Freitag-Abend-Verabredung von Jugendlichen aus Liestal und der Region. Für den Denner am Wasserturmplatz, nahe dem Stedtli, sprach einiges: Er hatte lange geöffnet. Er führte eine breite Pallette von Alkoholika und Tabakwaren. Er war relativ günstig. Der Wasserturmplatz bot Sitzgelegenheiten für die ersten Bierchen. Und schliesslich die zwei stärksten Argumente: Man war schnell am Bahnhof. Denn in Liestal wurden Unterhaltung und Leben am Vorabend weggesperrt.

Zwar gab es noch das «Modus», ein kleiner Club im Schild-Areal, auch nur ein paar Geh-Minuten vom Wasserturmplatz entfernt. Zwischen Denner und Modus lagen noch ein kleiner Park, wo es alle Substanzen gab, die nicht legal erhältlich waren. Und – ironischerweise – der Polizeiposten. Diese Erinnerungen hat eine Generation, wenn sie an ihren ersten Wohnort denkt. Liestal by night – Zum Glück gabs den Bahnhof.

Nun soll es die Politik richten

Als ein Indikator für den Willen der Liestaler, etwas an der Verwahrlosung des Nacht- und Kulturlebens der Region zu ändern, dürfte die Wahl von Lukas Ott zum Stadtpräsidenten sein. Schon im Wahlkampf legte er viel wert auf das Schlagwort «Kultur», wollte Liestal wieder attraktiver machen, dem Ort Leben einhauchen. Vielen – vor allem jungen – Liestalern gefiel die Idee. So gibt es denn auch Startversuche. Da wäre zum Beispiel das jeweils im Sommer stattfindende LiestalAir, welches mit Bands aus der Region viele Zuschauer anzieht und begeistert. Im Winter findet ausserdem die Fasnacht statt, die jedoch auch vor allem dem Absatz von alkoholischen Getränken förderlich sein dürfte.

Die Anzeigen wegen Ruhestörung, Littering und Randale halten sich laut Meinrad Stöcklin, Mediensprecher der Baselbieter Polizei, jedoch in Grenzen: «Wir reden hier von einem öffentlichen Raum, und vor allem Littering entsteht halt an solchen Treffpunkten. Und solche Treffpunkte entstehen überall, seis am Bahnhof oder sonstwo». Es scheint, als hätten die Liestaler den Kampf gegen die Tristesse aufgegeben.

Es gibt ein Leben nach fünf Uhr

Doch wer in letzter Zeit durch Liestal geht, hat das Gefühl, das Zentrum erwache langsam. Kleine Bars spriessen aus dem Boden, am Wasserturmplatz das «Hotel Guggenheim» mit seinem «café mooi», bei der Kaserne das «Farbklex», unterhalb des Stedtlis renoviert der Besitzer und jetzt auch Wirt seine «Sportbar». Tut sich da etwas? Spriessen da junge Pflänzchen aus dem grauen Asphalt? Wird Liestal jetzt ein Ort, wo man auch gerne mal verweilt, statt zu ver-Weinen und dann zu verreisen?

Diesen Eindruck hat auch Carmen Fischer, die – zusammen mit Nicole Covina – seit dem achten August das «café mooi» leitet. «Die Gastronomie- und Kultur-Landschaft ist historisch gewachsen. Früher richtete sich alles nach der Kaserne, deren Soldaten abends in Kneipen wollten. Am Wochenende gingen dann alle nach Hause, und so lernte Liestal, abends die Trottoirs einzuklappen». Sie ist selber in Liestal aufgewachsen und sieht das Städtchen auf dem richtigen Weg. Wichtig sei aber nicht nur, dass Angebot entstehe, sondern auch, dass die Menschen die Angebote kennen lernten und merkten, dass sie in Liestal auch nach der Dämmerung noch willkommen sind.

Das fremde Dorf

Ob es Liestal tatsächlich gelingt einen Puls zu entwickeln, und mehr zu werden als ein Durchfahrtsbahnhof mit jährlichem Massenbesäufnis, wird die Zeit zeigen. Es wäre den jungen Liestalern jedoch zu wünschen. Denn es nützt wohl nichts, dass tagsüber unzählige KMU und grössere Läden um Kundschaft buhlen, wenn diese sich nicht mit ihrer Stadt identifizieren kann. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2012, 16:53 Uhr

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3 Kommentare

Markus F. Baumgartner

02.11.2012, 10:49 Uhr
Melden 5 Empfehlung 2

Wenn junge Bars Hoffnung auf ein Erblühen der Stadt machen müssen, kann man nicht von einem kulturellen Frühling reden. Auch wenn im Stedtli genügend Beizen vorhanden sind, wird desshalb die Atraktion nicht besser, lediglich die Sauferei grösser. (es sei denn, die Sauferei wird als Welterbe zur Kultur erhoben) Antworten


Lorenz Rudin

01.11.2012, 10:20 Uhr
Melden 4 Empfehlung 2

Die Nähe zu Basel ist ausgehtechnisch die Schwäche Liestals. Vielleicht bestätigen die beiden Lokale den Inhalt des Artikels. Gleichzeitig wird nicht erwähnt, dass es das Nelson Pub und das BigBen aktuell nicht mehr gibt. Natürlich hatten diese anderes jugendliches Klientel. Trotzdem nimmt die Vielfalt laufend ab. Diesen Trend stoppen könnten nur attraktive Lokale zentral in der Rathausstrasse. Antworten



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