Basel

Rebellisches Dorf wird Einbürgerungs-Pionier

Aktualisiert am 03.11.2012 25 Kommentare

Möhlin ist Pilotgemeinde für einen Sprachtest, der auch auf Mundart geführt wird. Im Januar 2014 könnte der Test dann verbindlich eingeführt werden.

Nur wer einen Text auf Schweizerdeutsch versteht, hat in Möhlin eine Chance, eingebürgert zu werden.

Nur wer einen Text auf Schweizerdeutsch versteht, hat in Möhlin eine Chance, eingebürgert zu werden.

Wissen, was ein «Öpfel» ist

Der Kanton Aargau hat Einbürgerungstests entwickelt, bei denen die Ausländer Schweizerdeutsch verstehen müssen. Diese stehen den Gemeinden und der Öffentlichkeit zur Benutzung im Internet zur Verfügung. Beim Sprachtest tönt es dann folgendermassen (gekürzte Fassung): «Gut und günschtig. Liebi Chunde, achtet sie au hüt uf eusi feine Spezialangebot. Die Öpfel sind us der Region und sind eifach chöschtlich (…) Eusi Öpfel choschte hüt nu 3.50 pro Kilo. Nutzed sie die Glägeheit, das Agebot gilt nu für hüt.» Darauf folgt die Frage, wie lange die Äpfel 3.50 das Kilo kosten.

Beim staatsbürgerlichen Test müssen die Einbürgerungswilligen beispielsweise wissen, dass die Schweiz eine Demokratie ist, wie unsere Verfassung heisst, wer neue Gesetze beschliesst oder wie das Volk Einfluss nehmen kann. Bislang regelt jede Aargauer Gemeinde das Einbürgerungsverfahren individuell. Möhlin hat eines der umfassendsten. Neben den Tests führen zwei Mitglieder der Einbürgerungskommission Gespräche mit den Gesuchstellern und geben schliesslich dem Gemeinderat eine Empfehlung ab.

Umfrage

In Möhlin müssen Einbürgerungswillige in einem Test beweisen, dass sie Schweizerdeutsch verstehen. Sind solche Tests sinnvoll?

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Wer sich einbürgern lassen will, ist in Möhlin gefordert. «Der Kanton hat ein neues Verfahren entwickelt und wir machen mit», sagt Gemeindeammann Fredy Böni. Falls sich das System bewährt, soll es flächendeckend eingeführt werden. Der Einbürgerungstest besteht einerseits aus einem Teil, in dem das Wissen über Staatskunde getestet wird. Andererseits hören die Ausländer eine Ansage auf Schweizerdeutsch und müssen dazu Fragen beantworten (siehe Text links).

«Wir stecken zurzeit mitten in der Projektphase», sagt Yvonne Keller, Projektleiterin der Bürgerrechtsgesetzgebung. Das Pilotprojekt läuft bis Sommer 2013 und wird danach evaluiert. Sollte das revidierte Gesetz über das Kantons- und Gemeindebürgerrecht per 1. Januar 2014 – wie vorgesehen – in Kraft treten, ist die Anwendung der Tests verbindlich. «Ziel ist, die bunte Vielfalt an Einbürgerungsverfahren in den 219 Gemeinden zu vereinheitlichen», sagt Keller.

Um den erstaunlichen Wandel von Möhlin vom einstigen Rebellendorf zur Mustergemeinde zu erklären, muss man kurz in die Vergangenheit schweifen. Nirgends kann es so deftig krachen wie an den Versammlungen der Gemeinde mit ihren 10'000 Einwohnern. Hier sind die Links-rechts-Fronten ausgeprägt und an Einbürgerungsversammlungen geht es häufig bewegt zu. Nachdem wiederholt Einbürgerungswillige aus dem Balkan ohne Begründung abgelehnt worden waren, zogen diese vor sechs Jahren mithilfe der SP Möhlin vor Bundesgericht. Dort bekamen sie recht: Eine Verweigerung des Bürgerrechts muss begründet werden.

Geforderter Gemeindeammann

Nun war der Gemeindeammann Fredy Böni gefordert – jener SVP-Mann, der vor zwei Jahrzehnten, als er noch nicht im Gemeinderat einsass, die Einbürgerung von «Kopftuchträgerinnen» mitbekämpft hat. Und er machte seine Sache gut. Er setzte sich für ein strenges, aber faires Einbürgerungsverfahren ein und übernahm stets die neusten Tests des Kantons. Daneben setzte er sich dafür ein, dass die Einbürgerungskommission seriöse und gründliche Abklärungen zu Hause macht. So konnte er dem Stimmvolk die Einbürgerung von solventen Gesuchstellern auch aus dem Balkan schmackhaft machen.

Seit Jahren waren denn auch die Einbürgerungsverfahren glatt über die Bühne gegangen – allerdings waren es stets nur wenige Gesuchsteller. Am 29. November muss die Gemeinde erstmals seit dem Aufstand im Dorf wieder über zehn Gesuche gleichzeitig entscheiden. Und Fredy Böni will dann nach längerer Pause wieder die geheime Abstimmung durchführen. Wie die Möhliner dann über die Gesuche von Kosovaren und Kroaten entscheiden, ist völlig offen – neu entwickeltes Verfahren hin oder her. Denn das rebellischeDorf im mittleren Fricktal hat Obrigkeiten und allzu Selbstsicheren schon immer gerne die Stirn geboten.

Bei Luka Rakitic reichte es nicht

Dies musste auch Luka Rakitic, Vater des erfolgreichen Jungfussballers Ivan Rakitic, erleben. Dieser wollte sich just zu dem Zeitpunkt einbürgern lassen, als sein Sohn bekannt gab, dass er künftig nicht bei der Schweizer, sondern bei der kroatischen Nationalmannschaft spielen werde. Schon hatte er Staats­fragen gebüffelt wie: «Wie heisst der Regierungsrat?», «Was verstehen Sie unter Demokratie?», als ihm die Einbürgerungskommission empfahl, die Gesuche zurückzustellen. Zu erbittert waren die Möhliner wegen des «Verrats».

Heute hat Vater Rakitic die Geschichte überwunden. Nein, er mache keinen erneuten Versuch für eine Einbürgerung, sagt er. Er habe jetzt ganz andere Pläne: «Ich baue mit Ivan zusammen ein schönes neues Haus in Möhlin», sagt er. Denn verwurzelt im Dorf ist er heute noch.

Erstellt: 03.11.2012, 07:59 Uhr

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25 Kommentare

jean-pierre neidhart

03.11.2012, 09:15 Uhr
Melden 135 Empfehlung 37

Die CH sollte eindlich damit aufhoeren allles und jeden einbuergern zu wollen. Selbst mit einem CH-Pass bleiben die meisten Auslaender ihrem Heimatland treu und bringen der CH auch sonst nicht besonders viel. Antworten


Loredana Wander

03.11.2012, 11:19 Uhr
Melden 65 Empfehlung 34

In keinem anderem Land als in der CH,wird soviel für die Integration-Einbürgerung für Ausländer getan.Damit sie sich zu IHREN GUNSTEN hier schnell heimisch fühlen können,diese
Sprachtests finde ich überflüssig.Überhaupt! was soll das.Wenn wir Schweizer in ein anderes Land auswandern,müssen wir dort selber schauen dass wir zurechtkommen.Hilft uns dann jemand nein,weil wir ja freiwillig dort sind
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