Sieben Schlittenhunde in einer Dachwohnung

Ein Ehepaar hat in einer kleinen Wohnung sieben Schlittenhunde gehalten. Das Baselbieter Veterinäramt liess sie gewähren. Jetzt geht der Tierschutzbund gegen das Veterinäramt vor.

2000 Franken pro Tier. Die Samojeden werden im Internet angeboten.

2000 Franken pro Tier. Die Samojeden werden im Internet angeboten.

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Nadja Wüthrich ist noch immer ausser sich, die Geschichte lässt ihr keine Ruhe. Die Präsidentin des Tierschutzbunds Basel wurde vor einigen Tagen von Bewohnern eines Mehrfamilienhauses in Muttenz alarmiert. Hunde in einer Dachwohnung würden unaufhörlich bellen, die Mieter seien nicht zu Hause, jemand müsse etwas unter­nehmen, meldete eine Anruferin. Es war Pfingstsonntag, über 30 Grad heiss, die Tierschützerin schaltete die Polizei ein. Als sie, die Polizisten und der Abwart, der die Tür öffnen sollte, vor Ort waren, tauchten die Bewohner auf – ein junges Ehepaar aus Ex-Jugoslawien. Mit augenscheinlichem Unbehagen hätten sie die ungebetenen Gäste in die Wohnung eingelassen, sagt die Tierschützerin.

«Es hat mich fast gekehrt, als die Tür geöffnet wurde», sagt Wüthrich. «Sieben Hunde waren in die Wohnung eingesperrt. Laminatboden und Teppiche waren mit Fäkalien übersät, die weissen, pelzigen Hunde beschmutzt. Mit Ausnahme des Schlafzimmers sei die Wohnung unmöbliert gewesen, die Hunde, reinrassige Samojeden, hätten keine Bettchen oder Decken, geschweige denn Rückzugsmöglichkeiten gehabt, stellte die Tierschützerin fest.

Für Wüthrich ist die Sache sofort klar: In dieser Wohnung werden unter unhaltbaren Bedingungen illegal Hunde gezüchtet, um sie zu Geld zu machen. Der Halter stritt dies ab: Der Wurf sei ein «Unfall» gewesen. Für die Tierschützerin eine glatte Lüge. Nach ihren Recherchen seien die Jungtiere der in der Haltung äusserst anspruchsvollen Schlittenhunderasse mit flauschigem weissem Pelz auf einer Internet-Plattform zum Verkauf ausgeschrieben – für 2000 Franken pro Tier.

Hunde weggebracht

Während die Polizei mit den Hundehaltern sprach, gingen die vier Junghunde unaufhörlich aufeinander los, berichtet Wüthrich. Das hat die Beamten denn auch bewogen, den Haltern die vier sechsmonatigen Geschwistertiere zu entziehen und dem Tierschutzbund zu übergeben. Dieser brachte die Hunde in ein Tierheim. Gleichzeitig wurde das kantonale Veterinäramt verständigt.

«Der aufgebrachte Hundehalter hat mir mit dem Anwalt gedroht und ist mir gegenüber sehr aggressiv aufgetreten», berichtet die Tierschützerin, desgleichen gegenüber dem Hauswart. Diesen hatte der Mann nämlich im Verdacht, den Tierschutz verständigt zu haben. Die Polizisten mussten dazwischengehen. Das aber hat den Mieter nicht davon abgehalten, dem Abwart gegen Mitternacht in dessen Wohnung noch einen Besuch abzustatten und ihm an der Haustür zu drohen, wie die Hausverwalterin zur BaZ sagt.

Anwohner eingeschüchtert

Die Anwohner hatten sich seit einigen Wochen am notorischen Gebell, das aus der Wohnung drang, gestört. Ebenso am Gestank: Die Hundehalter aus der Dachwohnung trugen den Urin in der Wohnung offenbar mit den Schuhsohlen ins Treppenhaus und sie sollen die Ausscheidungen der Tiere über die Balkontür auf den Parkplatz geschwemmt haben. Im Freien sind die beiden Hundehalter mit den bewegungsliebenden Tieren von den Anwohnern praktisch nie gesehen worden. Es war «himmeltraurig», sagt einer.

Mit Namen will niemand aus der Nachbarschaft zur Kritik stehen. Nicht einmal bei der Hausverwaltung habe sich jemand gemeldet: «Ich konnte nicht früher etwas unternehmen, ganz einfach, weil ich nichts davon gewusst habe», sagt die Verwalterin des Miethauses. Sie gehe davon aus, dass die anderen Bewohner vom Mann eingeschüchtert waren und sich nicht trauten, sich an die Verwaltung zu wenden. Als sie – selber eine passionierte Hundehalterin – aber nach Pfingsten von den Vorgängen erfuhr, hat sie dem Paar umgehend gekündigt. In drei Monaten muss es die 63-Quadratmeter-Dachwohnung verlassen haben.

Damit aber ist die Sache für die Vermieter noch nicht erledigt. Ehe die Wohnung wieder vermietet werden könne, müsse der Boden neu verlegt werden, um den Gestank der Ausscheidungen rauszubringen. «Auf den Kosten für die Sanierung werden wir wohl sitzen bleiben.» Das Paar ist ihres Wissens arbeitslos gemeldet, zahle die Miete aber stets pünktlich.

Für Kanton ist alles bestens

Szenen wie am Pfingstsonntag in Muttenz können Nadja Wüthrich längst nicht mehr schockieren. Zu viel hat sie schon gesehen. Dennoch ist sie wegen des Muttenzer Falls ausser sich: Die Kantonsveterinärin hat befunden, dass die Unterbringung der Tiere tierschutzkonform sei. Auf ihr Geheiss hin wurden die Tiere drei Tage nach Pfingsten wieder den Besitzern übergeben. Wüthrich war bei der Übergabe mit dabei. «Alle die da waren, Gemeindepolizisten, Anwohner, haben es wie ich nicht glauben können.»

Auf Anfrage bei der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion wird die Rückgabe der vier Junghunde wie folgt begründet: «Den Sachverhalt betreffend der Tierhaltung können wir nicht bestätigen: keine Vernachlässigung, kein illegaler Hundehandel, keine aggressiven Hunde!» Das ist erstaunlich. Denn die Gemeinde Muttenz ist laut Verwalter Aldo Grünblatt immer noch dabei abzuklären, ob es sich um eine illegale Zucht handelt, wie vom Tierschutzbund vermutet wird. Klar sei bisher lediglich, dass die Hunde bei der Gemeinde registriert sind.

Mit dem Entscheid der Kantonsbehörden will sich Wüthrich nicht abfinden. «Das Veterinäramt sollte da sein, um die Tierschutzverordnung durchzusetzen. Doch die zuständige Tierzärztin beim Kanton, Anna Jaggi, tue nichts. «Sie hat mir sogar Vorwürfe gemacht, dass ich die Polizei verständigte und die Leute gestört hätte – ich habe gezittert vor Wut.» Es sei nicht der erste Fall, den der Tierschutzbund gemeldet und bei dem Jaggi die Rechte des Halters vor den Schutz des Tiers gestellt habe. Jetzt hat Wüthrich aber genug: Sie will alle Hebel in Bewegung setzen, damit Jaggi «den Job macht, für den sie bezahlt wird»: für die Einhaltung der Tierschutzverordnung sorgen.

Diese Woche erinnert nichts an die aufgeregten Szenen. Der einzige Lärm, der bei einem Augenschein auszumachen war, stammte von einer nahen Baustelle. Die Rollläden der Dachwohnung sind geschlossen. Offenbar haben die Bewohner die jungen Hunde weggeschafft. Die drei älteren Samojeden liessen sich immer wieder auf dem kleinen Balkon blicken, sagt Wüthrich. Ob die jungen verkauft wurden oder umplatziert, darüber ist von den Haltern keine Antwort zu erhalten. Aufs Klingeln an der Haustür reag­ieren sie so wenig wie auf Anrufe. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 24.06.2014, 07:15 Uhr)

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Das Halten von sieben Schlittenhunden in einer mittelgrossen Wohnung ist laut Veterinäramt gesetzeskonform. Tolerieren Sie das Halten von sieben Huskys in einer Wohnung?

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