Grenzach-Wyhlen (D)

Balkonsicht auf Gräber unerwünscht

Riehen hat aus Pietätsgründen beim Bauprojekt neben dem Hörnli-Friedhof interveniert.

Häuser statt Feld. Der Blick auf den Friedhof Hörnli gleich neben den Neubauten soll nicht direkt von einem Balkon möglich sein.

Häuser statt Feld. Der Blick auf den Friedhof Hörnli gleich neben den Neubauten soll nicht direkt von einem Balkon möglich sein. Bild: Mischa Hauswirth

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lange war es eine Brachfläche. Es wuchsen Mengen von Kanadischer Goldrute darauf, Birken und Weiden besiedelten das Landstück entlang der Südflanke des Friedhofs Hörnli – bis vor rund einem Monat die Rodungsmaschinen und Bagger auffuhren. Sie fällten Bäume, räumten ein paar Gartenhütten beim Bahndamm ab und rasierten die gesamte Vegetation auf der Fläche weg. «Mit dem Abschluss eines städtebaulichen Vertrages mit der Gundelfinger Stuckert Wohnbau AG hat der Gemeinderat den Weg für die Erschliessung des Neubaugebietes Horn­acker frei gemacht. Ab September 2018 sollen die ersten Bewohner einziehen können», berichtete die Badische Zeitung.

Auf dem rund 21'000 Quadratmeter grossen Areal auf deutschem Staatsgebiet, gleich an der Schweizer Grenze, sollen 48 Reihen- und Doppelhäuser in Häuserzeilen entstehen. Insgesamt werden 83 Wohnungen gebaut. Geplant sind zudem 160 Carportstellplätze sowie 56 oberirdische Parkplätze. Die Mehrfamilienhäuser werden allesamt Attikageschosse und ein Sattel- oder Pultdach erhalten. Entlang des Bahndamms im Süden des Areals, gegenüber einem deutschen Discounter, wird eine Lärmschutzwand hochgezogen. Im Keller eines der Mehrfamilienhäuser werde ein Blockheizkraftwerk errichtet, schreiben die Bauverantwortlichen. In den kommenden Wochen wird der Baustart sein.

Konform mit Baurecht

Zu reden gab im Vorfeld die Ausrichtung der Balkone. Da einige Gebäude ganz nahe am Friedhof stehen werden, kamen Befürchtungen auf, dass sich Trauernde und Friedhofsbesucher in ihrer Trauer und Diskretion gestört fühlen könnten. Deshalb suchte die Gemeinde Riehen das Gespräch mit Grenzach-Wyhlen, welche die Rahmenbedingungen für den Bau vorgibt. Die Gemeinde Riehen wollte im Vorfeld die Pietätsfrage geklärt wissen. «Wir konnten bewirken, dass die Gebäudehöhen abgetauscht wurden. Dort, wo die Bauten näher am Friedhof zu stehen kommen, wird es zweigeschossige Häuser geben, dort, wo sie weiter weg sind, gibt es dreigeschossige», sagt Kathrin Kézdi, Mediensprecherin der Gemeinde Riehen. Zudem werde ein Heckenstreifen unmittelbar an der Schweizer Grenze gepflanzt. Damit sei eine verträgliche Lösung gefunden.

In Grenzach-Wyhlen sei die Pietätsfrage zwar diskutiert worden, aber die Ausgangslage für unbedenklich befunden worden, sagt Hermann Räpple vom Bauamt Grenzach-Wyhlen. Gemäss deutschem Baurecht müsse ein Mindestabstand von 25 Metern bis zum ersten Grab gewährleistet sein. «Das Recht wird eingehalten», sagt Räpple. Zudem habe es bereits auf dem Friedhofsgebiet Büsche und Bäume, die einen gewissen Sichtschutz bieten würden.

Balkone gegen Süden

Für die Immobilienfirma Stuckert Wohnbau AG ist die Aufregung um die Balkone unbegründet. «Es gibt kein Gebäude, das den Balkon Richtung Friedhof haben wird», sagt Aribert Frece von Stuckert Wohnbau und widerspricht der Gemeinde Riehen. «Das war von uns aber auch nie so geplant, da muss ein Missverständnis vorliegen», sagt er.

Die Balkone der Gebäude würden alle gegen Süden ausgerichtet, sagt Frece. Zumindest in der ersten Reihe. Es werde in der zweiten Reihe allenfalls einzelne Gebäude geben, deren Balkone möglicherweise anders ausgerichtet sein werden. Es sei aber in der Logik des Bauens immer so, dass Wohnzimmer, Terrassen und Balkone wenn möglich Richtung Süden konzipiert würden. «Der Grund ist das reduzierte Licht im Winter», sagt Frece. Er verspricht eine grundsätzlich lockere Bebauung des Landstreifens. Gegen Süden befindet sich der Bahndamm mit dem Geleise dahinter, dann kommt ein deutscher Discounter und danach der Rhein – vom Hornacker wird sich ein offener Blick Richtung Schweiz und die Jurahöhen dahinter öffnen.

Preise sollen erschwinglich sein

Die Geschichte der geplanten Bauprojekte auf dem Gelände neben dem Hirtenweg in Riehen reicht Jahrzehnte zurück. Der erste Bebauungsplan wurde in den 1970er-Jahren vergeben, aber nie realisiert, und der neuere hatte die Basler Pensionskasse Stiftung Abendrot erhalten, die dort einst Deutschlands grösste Solarsiedlung hatte errichten wollen. Sie musste das ehrgeizige Vorhaben dann allerdings aufgeben. Die Firma Stuckert AG hat nun diesen neueren Bebauungsplan übernommen, jedoch mit einem anderen Siedlungskonzept als die Basler Stiftung.

Gemäss der Badischen Zeitung sollen die Gebäude und Wohnungen auch für Durchschnittsverdiener erschwinglich sein. Die Reihenhäuser könnten «deutlich unter 390'000 Euro kosten». Zwischen 300 und 350 Personen sollen künftig auf dem Hornacker neben dem Friedhof leben. Die gesamte Er­schliessung erfolgt über Deutschland.

Umfrage

Riehen hat bei einem Bauprojekt neben dem Friedhof Hörnli in Grenzach-Wyhlen interveniert. Muss beim Wohnen in Friedhofsnähe die Pietät berücksichtigt werden?

Ja

 
61.5%

Nein

 
38.5%

1081 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 15.04.2017, 08:21 Uhr

Artikel zum Thema

Hörnli-Rehe fressen die Gräber kahl

Bis zu 30 äusserst gewitzte Rehe sollen auf dem Basler Friedhof Hörnli leben – zum Leidwesen einiger Angehöriger und von Floristen. Mehr...

Steinhauer und Steinmetze müssen umdenken

Viele Leute verzichten auf Grabstein oder lassen die Asche von Verstorbenen verstreuen. Die Leidtragenden sind die Steinmetze, die weniger Aufträge erhalten. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Der alte Zopf erlebt derzeit eine Renaissance: Besucherinnen des Coachella Valley Music & Art Festivals 2017 im Empire Polo Club in Indio, Kalifornien. Das Festival findet jährlich statt und dauert über zwei Wochenenden. Es zählt weltweit zu den grössten Festivals. (22. April 2017)
(Bild: Rich Fury / Getty) Mehr...