Aufregung um ein bisschen Integration

Eine heikle Frage wird bei der Schulharmonisierung vorerst ausgeklammert: die Integration schwieriger und behinderter Kinder. Das Baselbiet will behutsam vorgehen.

Die integrative Schule hat im Baselbiet vor allem unter den Lehrkräften noch keine Mehrheit. Bildungsdirektor Urs Wüthrich will aber nicht klein beigeben.

Die integrative Schule hat im Baselbiet vor allem unter den Lehrkräften noch keine Mehrheit. Bildungsdirektor Urs Wüthrich will aber nicht klein beigeben.
Bild: Keystone

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Die Warnungen sind schrill. Der Verband des Personals Öffentlicher Dienste (VPOD) spricht von «chaotischen» Zuständen in der Schule, der Lehrerverein Baselland von einem «Notstand» im Bildungsbereich, vergleichbar mit einer Naturkatastrophe. Ihre gemeinsame Forderung: Die Integration schwieriger und behinderter Kinder in die Regelklasse müsse gestoppt werden.

Fragt sich nur, ob die Aufregung berechtigt ist. Denn die Veränderungen sind eher bescheiden. Anders als in Basel-Stadt, Bern oder Zürich werden die Kleinklassen hier mit dem Feinkonzept zur Förderung und Integration an der Volksschule nicht weitgehend abgeschafft. Das bestätigt Bildungsdirektor Urs Wüthrich (SP): «In diesem Bereich wird es im Baselbiet kein Entweder-oder geben. Wenn möglich soll ein Kind in die Regelklasse gehen.»

Von Kanton zu Kanton verschieden

Das ist im Baselbiet bis jetzt keineswegs der Fall. In keinem anderen Kanton werden so viele Kinder in Kleinklassen und Einführungsklassen geschickt wie hier; fast acht Prozent waren es im Schuljahr 2007/2008. Zum Vergleich: In insgesamt 20 Kantonen ist die Quote nicht einmal halb so hoch. «Die Vorstellung, was ein lernbehindertes Kind ist, geht von Kanton zu Kanton stark auseinander», stellt Winfried Kronig vom Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg fest. Das sei ungerecht. «Viele Kleinklassenschüler könnten von ihrem Leistungspotenzial gut in eine Regelklasse gehen, wo das Lernumfeld stimulierender wäre und sie mehr lernen könnten», sagt er. So aber würden sie als Kleinklassenschüler stigmatisiert und hätten nach der Schule mehr Mühe, einen Job zu finden.

Radikalkur ist keine gute Lösung

Diese Probleme sieht auch Urs Wüthrich. Darum möchte er die Quote der Kleinklassenschüler längerfristig um die Hälfte senken. «Wir wollen einen geordneten Prozess, keine Radikalkur», sagt Wüthrich. Nicht infrage kommt deshalb ein vollständiger Verzicht auf die Sonderklassen. «Bei bestimmtem Bildungs- und Förderbedarf kann eine Kleinklasse das richtige Angebot sein.» Ähnliche Überlegungen stellt er im Bereich der Sonderschulung an: «Einen Anspruch auf Integration gibt es nicht. Bei jedem behinderten Kind soll künftig aber geprüft werden, ob es dank Stützmassnahmen in die öffentliche Schule aufgenommen werden kann.» Und immer häufiger scheint das möglich zu sein. Im laufenden Schuljahr werden bereits 200 Schülerinnen und Schüler mit einer Behinderung integrativ unterrichtet, noch gehen aber auch fast 500 Kinder in eine Sonderschule.

Positive Bilanz

Zumindest nach Ansicht der Bildungsbehörde sind die bisherigen Integrationsbemühungen ein Erfolg. Bestätigt fühlen sie sich auch durch eine Umfrage bei 70 Integrationsklassen und den Kindern, Eltern und Lehrern. Ergebnis: 75 Prozent der Eltern sind zufrieden, die Schülerinnen und Schüler machen überwiegend «positive Erfahrungen», Probleme mit Ausgrenzung gibt es «kaum» und auch die Lehrer und Heilpädagogen beurteilen das Integrationsprojekt als «gut bis sehr gut». Gleichzeitig deckt die Studie aber Defizite auf: In einzelnen Klassen geben bis zu zehn Lehrer und Heilpädagogen Gruppen- und Einzelunterricht, im Team fehlt die Zusammenarbeit.

Ein Problem, auf das kürzlich der Zürcher Jugendpsychologe Allan Guggenbühl im BaZ-Interview aufmerksam machte: «Der Lehrer verschwindet zunehmend in einer Gruppe von Heilpädagogen, Sozialpädagogen und so weiter. Der Unterricht ist kein kollektiver Akt mehr und wird unübersichtlich, chaotisch, konfliktträchtig.» Diese Entwick lung will die Baselbieter Bildungsdirektion stoppen, wie Marianne Stöckli von der Fachstelle für Spezielle Förderung sagt. Mit «einfacheren Strukturen» und «weniger Einzelförderunterricht». (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.12.2009, 14:30 Uhr

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2 KOMMENTARE

Edith Gomes

14.12.2009, 16:07 Uhr

Meine eigenen Erfahrungen im Kt. Baselland , Primarschule/Regelschule haben gezeigt, dass der Kanton Baselland den richtigen Weg geht in Sachen Intergration und allen Kindern die gleiche Chancengleichheit gewährt. Vom im Artikel beschriebenen Chaos habe ich bis jetzt noch nichts wahrgenommen. Speziell gut macht es die Gemeinde Binningen, mit ihren top motivierten Lehrern/Innen. Bravo!


Alex Hanselmann

14.12.2009, 13:28 Uhr

Ein Nachgeben auf die Forderung "Die Integration schwieriger und behinderter Kinder in die Regelklasse müsse gestoppt werden" hat direkt einen Knick in der Biographie dieser Kinder zur Folge (bleiben abhängig). Eltern von behinderten Kindern empfehle ich, die UNO Menschrechtes-Konvetion für Behinderte durchzulesen und allenfalls in ein Land auszuwandern, das diese anerkennt (unsere Nachbarländer).



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