Basel
Aus Mythen wird tödlicher Ernst
Von Susanna Petrin. Aktualisiert am 01.08.2010 4 Kommentare
So stellte Hans Baldung Grien 1508 weit verbreitete Fantasien u?ber den «Hexensabbat» dar (Ausschnitt). (Bild: akg-images)
«Hexerei» wird noch heute verfolgt
Rückblickend erscheinen uns die Hexenprozesse in Europa absurd, grausam, komplett unverständlich. Dabei wird oft übersehen, dass die Hexenverfolgung gar noch nicht Geschichte ist, sondern in einigen Teilen der Welt immer noch Alltag.
Diese Woche informierte die Wohltätigkeitsorganisation «Rural Litigation and Entitlement» (RLEK) darüber, dass in armen Dörfern Indiens «pro Jahr rund 200 Frauen» wegen «Hexerei» getötet würden. Die Opfer seien oft alleinstehende Frauen, die laut RLEK wegen ihres Besitzes öffentlich blossgestellt, verfolgt und teilweise richtiggehend gelyncht würden.
Auch in anderen Regionen Südostasiens, Lateinamerikas und vor allem Afrikas werden immer noch Menschen wegen Hexerei hingerichtet oder umgebracht. Zum Teil werden sie für Epidemien verantwortlich gemacht.
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Hexen, die einen Hagelsturm herbeizaubern, Hexen, die Sex mit dem Teufel haben, Hexen, die sich in Hasen verwandeln, in Katzen oder gar in eine Wespe. Im Baselbieter Sagenbuch ist fast alles möglich. Aber eben nicht nur dort. Was Hexen angeht, so blieb es nicht bei geflüsterten Geschichten am Küchentisch, bei der Hühnerhaut, wenn man sich Seltsames nicht anders als mit Zauberei erklären konnte, auch nicht bei Beschimpfungen der hässlichen Nachbarin, die einen schon immer genervt hat. Hexen kamen, ganz weltlich, vor Gericht und landeten immer öfter, unter ganz realen Schmerzen, in Folterkammern und auf Scheiterhaufen.
Ganz schön erschrocken ist Hanns Buser aus Läufelfingen, als er eines schönen Mittags des Jahres 1432 nichtsahnend seines Weges ging und plötzlich die Buckterin Gerin Kolerin rücklings auf einem Wolf reitend auf sich zukommen sah. Im Buch «Baselbieter Sagen» heisst es: Sie hatte «des wolffes wadel (Schwanz) in der hand, und fuor rösch umben einen boum ettwie dick, und er erschrecke, daz er zitterte und lieffe hinder einen boum». Buser liess es darauf nicht bei einer guten Geschichte am Stammtisch bleiben, er ging vor Gericht.
Gemäss dem Baselbieter Hexenforscher Dietegen Guggenbühl, der sich durch sämtliche alten Hexenprozessakten gewühlt hat, sagte derselbe Buser nämlich am 28. September 1433 unter Eid aus, dass er die Gerin auf einem Wolf habe reiten sehen. Was darauf mit der Frau geschah, ist nicht klar. Der Basler Historiker Daniel Bruckner schrieb im 18. Jahrhundert zwar, sie sei zum Tod verurteilt worden; Guggenbühl findet für diese These jedoch keine Bestätigung.
Frauen als Opfer
Fakt ist aber: Wegen Gerüchten, Aberglauben, Verleumdungen, Machtmissbrauch oder schlicht Hirngespinsten wurden im Spätmittelalter bis in die Neuzeit in Europa Zehntausende von Menschen verfolgt, gefoltert, verbannt, eingekerkert oder getötet. Rund drei Viertel der Opfer waren Frauen – in Russland und einigen skandinavischen Ländern überwog die Zahl der Männer. Die Schweiz gehörte genauso wie die Gebiete des heutigen Deutschlands zu denjenigen Regionen, in denen besonders viele Hexen verbrannt wurden.
Doch der Basler Rat wiederum, der auch für grosse Teile des heutigen Baselbiets zuständig war, blieb zumindest ab dem 16. Jahrhundert, als andernorts die Hexenjagd im grossen Stil erst so richtig losging, zurückhaltend. Bei denen, die schliesslich im 17. Jahrhundert verurteilt wurden, könne man nicht mehr von reinen Hexereiverfahren sprechen, «da lagen meistens auch andere Delikte vor», weiss der Jurist Harald Maihold. Die letzte Baselbieter Hexe etwa, Margreth Püsterin aus Giebenach, war höchstwahrscheinlich sogar eine mehrfache Mörderin. Sie wurde 1680 verbrannt.
Der Hexenplatz
Heute wird auf der Prattler Hexmatt vor allem Sport getrieben. In der Neuzeit soll dort ganz anderes getrieben worden sein. Auf Stühlen, Besen oder Wölfen ritten Hexen von weit her zum Tanz auf die schöne Wiese. Jta Lichtermuth aus Aesch – auch sie taucht im Sagenbuch ebenso wie in Guggenbühls gesammelten Prozessakten auf – gestand 1532, «uff bratlen maten gfaren» zu sein und dort «einen zimlichen hagel gemacht uber Basel munchstein Arlessen und rinach». Fortan taucht die Prattler Hexenmatte in Gerichtsprotokollen bis in die Innerschweiz oder das Oberelsass auf; gemäss Guggenbühl wird dieser konkrete Ort wohl Eingang in den Suggestivfragenkatalog der Richter bis weit herum gefunden haben. Nur eine Instanz interessierte sich erstaunlich wenig für diese Matte: der Basler Rat. Der vermeintliche Tatort wurde nie kontrolliert, nie gesperrt und aus dem Basler Herrschaftsgebiet selber soll niemand diese Hexendisco besucht haben. (Basler Zeitung)
Erstellt: 30.07.2010, 14:37 Uhr
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4 Kommentare
Der Staat und die Kantone müssen sich bei uns Hellseher, Wahrsager, Hexen etc endlich entschuldigen wie mit unseren Vorfahren umgegangen ist, zudem ist es an der Zeit, dass ein Monument und ein Gedenkstein gesetzt wird, wo zeigt wie unsere Vorfahren leiden mussten !! Wir Hellseher, Wahrsager sowie Hexen erwarten dies vom Staat endlich ! Antworten
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Can Boz
Es ist erschreckend und äusserlich bedenklich, dass zudem der Staat und die Kantone es zulassen, dass zum Teil auf diesen Plätzen wo unsere Vorfahren schrecklich leiden musste und von der damaligen Regierung umgebracht worden ist !!! Diese Plätze müssen einen Gedenkstein erhalten, das Anrecht haben WIR und unsere Vorfahren !!! Stimmt Herr Abächerli, wir MÜSSEN endlich auch Anerkannt werden !!!! Antworten