Baselbieter Lehrerverein hält Kinder für Tyrannen

Brauchen Kinder möglichst klare Strukturen, damit sie sich nicht zu kleinen Tyrannen entwickeln? Oder müssen sie sich auch in der Schule entfalten können? Mit provozierenden Äusserungen heizt der Baselbieter Lehrerverein die Bildungsraum-Diskussion an.

Bild: Keystone

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Den Lehrerverein Baselland (LVB) beschäftigt derzeit vor allem ein Projekt: der Bildungsraum Nordwestschweiz. Auch an der Mitgliederversammlung vom vergangenen Mittwoch in Münchenstein war die Schulreform und -harmonisierung das grosse Thema. Ob die Lehrer nach den Workshops auch konkrete Beschlüsse gefasst haben, erfährt die Öffentlichkeit aber erst in einer Woche an einer Medienkonferenz. Weil das Thema so heikel ist, tagte der LVB diesmal hinter verschlossenen Türen.

Lehrer als Förderer

Die Haltung des Vorstands ist trotzdem bereits klar. Sehr klar. Er beurteilt das Projekt kritisch und lehnt vor allem die Umwandlung des Kindergartens und der ersten beiden Primarschuljahre in eine Basisstufe strikt ab. So strikt, dass er sich von der eigenen Basis wohl kaum mehr umstimmen lässt. Und schon gar nicht vom Zürcher Kinderarzt Remo Largo, der sich in einem BaZ-Interview kürzlich für die Basisstufe starkgemacht hatte. Seine Überlegung: Die Kinder eines Jahrgangs sind in ihrer Entwicklung extrem unterschiedlich weit. Werden alle wie bis jetzt nach dem gleichen Lehrplan unterrichtet, sind die einen über- und die anderen unterfordert. Um das zu verhindern, müsse der Unterricht individualisiert werden. Das sei in einer Basisstufe besser möglich als in einer Jahrgangsklasse.

Wichtiger noch als Strukturreformen wäre nach Ansicht von Largo aber ohnehin eine Verbesserung des zwischenmenschlichen Klimas im Klassenzimmer: «Die Lehrer müssen sich emotional auf jedes Kind einlassen und es als einmalige Persönlichkeit akzeptieren.» Denn die in jedem Kind vorhandene Bereitschaft zum Lernen entfalte sich nur, solange es sich geborgen fühle, sagt Largo.

Bea Fünfschilling, Präsidentin des LVB, hält nichts von solchen Äusserungen. Für sie ist Largo ein Romantiker, wie sie als Replik auf das BaZ-Interview per Communiqué verbreiten liess. Eher als mit dem grossen Zürcher Kinderversteher und Buchautor hat sie es mit dem deutschen Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Die Geschäftsleitung des LVB stimme ihm «fast uneingeschränkt» zu, schreibt Fünfschilling «aufgrund unserer langjährigen Berufserfahrung».

Diese Erfahrung muss schmerzhaft sein. Denn Winterhoff zeichnet ein ziemlich desaströses Bild der heutigen Kinder und Jugendlichen. In einer deutschen Grundschulklasse seien nur noch die wenigsten fähig, einen banalen Auftrag auszuführen, behauptete er kürzlich in einem Interview mit dem «Beobachter»: «Der Grund ist, dass die Kinder psychisch unterentwickelt sind. Später werden sie weder arbeits- noch beziehungsfähig sein.» Schuld an dem Schlamassel sind die Erwachsenen und vor allem natürlich die Eltern. Drei Hauptfehler listet Winterhoff in seinen Bestsellern «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» und «Tyrannen müssen nicht sein» auf:

  • Die Eltern versuchen den Kindern alles zu erklären, obwohl die kindliche Psyche dafür noch nicht bereit ist. So werden die Kinder überfordert.
  • Die Eltern lassen die Kinder selber entscheiden und setzen ihre eigenen Vorgaben aus Angst vor Liebesentzug nicht mehr durch. Das Machtverhältnis kippt, aus dem Kind entwickelt sich allmählich ein Tyrann.
  • Die Eltern sehen die Kinder als Teil ihrer selbst und entschuldigen jegliches Fehlverhalten. Damit verlieren sie auch noch das letzte bisschen Autorität, das Kind wird endgültig zum Tyrannen.

Konzept-Streit

Ähnliche «Beziehungsstörungen» wie im Elternhaus macht Winterhoff auch in den Schulzimmern aus: «Der Lehrer tritt immer mehr in den Hintergrund, damit sich die Kinder angeblich frei entfalten können.» Auch in dieser Hinsicht stimmt ihm der LVB zu. Darum warnt er in der Diskussion um den Bildungsraum Nordwestschweiz nicht nur vor «unnützen Strukturveränderungen», sondern auch vor «partnerschaftlichen Pädagogikkonzepten», die nur «noch mehr Unheil» anrichten würden.

Auf der Gegenseite hat man ein gewisses Verständnis für die ablehnende Haltung des LVB-Vorstands. Largo: «Das Konzept der Basisstufe verlangt mehr Zeit und Interesse am Kind. Repressive Mittel scheinen einigen verlockender zu sein.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.03.2009, 13:23 Uhr

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19 KOMMENTARE

Thomas wehrli

17.03.2009, 12:52 Uhr

An alle die das Wort Tyrann befremdet. Bevor Ihr das Buch gelesen habt, darf dieser Ausdruck durchaus befremden. Nach der Lektüre wird hoffentlich klar was tatsächlich damit gemeint ist. Jedem pädagogisch tätigen Mensch und sämtlichen Eltern ist das Buch absolut zu empfehlen, ob man mit dem Begriff einverstanden ist, oder eben nicht.


Meier Beatrice

17.03.2009, 07:30 Uhr

Schon im ersten Schuljahr finden heikle Lernprozesse statt. Es braucht einiges zum Erkennen und Produzieren der Schriftsprache. Die Lernschritte sollten nach meiner Erfahrung nicht im Chaos sondern im ruhigen, gut strukturierten Unterricht stattfinden. Besonders langsame oder unruhige Schüler benötigen klare Strukturen. Wir brauchen keine neue Dorfschule mit mehreren Stufen in einem Raum!


Max Wartenberg

17.03.2009, 00:36 Uhr

Mitunter ein Grund, wieso Familien aus der Stadt wegziehen, um die Kinder im Baselbiet zur Schule zu schicken.


Regina Rodmann

16.03.2009, 23:59 Uhr

Wieviel ZEIT braucht denn jedes Kind zu seiner freien Entfaltung bzw. 1 Lehrperson um jedem dieser rund 25 Kinder nur einer Klasse eine ganz individuelle Entwicklung zu ermöglichen? Was würde/darf das dann kosten? Wieviel ZEIT widmen dabei auch die Eltern dem Werdegang ihrer Sprösslinge, falls sie diesen nicht ganz an die Schule delegieren. Lieber Herr M.R., rechnen Sie uns das doch bitte mal vor!


Jürg Stähli

16.03.2009, 21:46 Uhr

Es ist bemerkenswert und auch verheerend, wie ein unbedarfter Journalist seine Unkenntnis der Dinge in provokanten Äusserungen breitwalzen darf. Das ist billigste Polemik und ein unakzeptabler Rundumschlag gegen die Lehrerschaft im Allgemeinen. (Ganz zu schweigen von seinem gehässigen “Kommentar”!) Ich erwarte eine ausgewogenere Berichterstattung und nicht eine einseitig gefärbte Stimmungsmache.


Marco Lardi

16.03.2009, 21:42 Uhr

Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten wird um die richtige Schulform gestritten und getratscht. Es kommt mir langsam so vor, dass Lehrer, Pädagogen, Kinderpsychiater und wie sie sich alle nennen nur darum immer um neue Reformen bemühen um ihre Arbeitsplätze zu rechtfertigen.


John Falstaff

16.03.2009, 21:23 Uhr

@St.Zettel: Der Ausdruck Tyrann ist überspitzt, aber der ganze Artikel ist überspitzt. Es geht nicht darum, dass alle Kinder partout Tyrannen sind. Es gibt aber - das wissen Sie sicher auch - Eltern, die aus erwähnten Gründen ihren Kindern keine Grenzen setzen. Die quengeln dann in der Schule und werden von ihren überforderten Eltern noch geschützt. Leute wie Sie sind nicht das Problem...


Sibylle Weiss

16.03.2009, 20:47 Uhr

Lieber Herr Berger. Alleinstehende Frauen, die den Verdienst WIRKLICH brauchen, sollen auch arbeiten gehen können, da diese von irgend etwas leben müssen. Und eine Hausfrau kann sich ja ehrenamtlich betätigen. Meine Mutter war auch zu Hause und ich hatte keine Abnabelungsprozessschwierigkeiten. Wenn man sich die Kinder ins Haus schafft, sollte man für sie da sein und nicht jammern "ich muss alles"


Stephan Zettel

16.03.2009, 19:41 Uhr

Lieber Herr F. Da ich Vater von zwei Jungs bin und weiss, dass Kinder anstrengend sein können, finde ich den Ausdruck "Tyrann" von Pädagogen sehr fragwürdig. Laut Lexikon bedeutet Tyrann nämlich "herrschsüchtiger Mensch". Wollen Sie diese Bezeichnung wirklich für unsere Kinder benützen? Von den Lehrern erwarte ich, dass Sie die Bedeutung der Sprache kennen, es geht in diesem Fall um Kinder!


Peter Gysin

16.03.2009, 19:33 Uhr

Dieser Propaganda-Artikel ist eine Verdrehung der Realität! Kindergarten und Primarstufe dürfen nicht zusammengemischt werden, weil die Unterrichtsqualität darunter leidet und die Kinder sich schliesslich zu Tyrannen entwickeln, wenn man ihnen keine Grenzen mehr setzt. Offensichtlich haben die Bildungsbürokraten geplant, die Volksschulkinder systematisch zu verdummen! HarmoS=ChaoS! Nein danke!


Lars Wagner

16.03.2009, 18:22 Uhr

Sicher leiden die heutigen Eltern unter einem "alles machen zu müssen"-Stress und empfinden dann wiederum ein nicht ganz unberechtigtes schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern. Ganz allgemein von Tyrannen zu sprechen ist aber ebenfalls völlig verfehlt. Es scheint fast so, als sind die meisten Lehrer mit völlig falschen Vorstellungen in ihren Beruf gestartet - vorallem viel Ferien & Freizeit.


Noel Frei

16.03.2009, 17:52 Uhr

Lieber Herr Z.,Ihre Aussage finde ich nicht ganz korrekt. Einerseits ist Berufung ein recht starker Ausdruck (würde eher von "Freude an der Arbeit" sprechen! Bei welcher Arbeit sollte das aber nicht der Fall sein?!) & anderseits ist bei der Menge an Lehrkräften die gebraucht werden, dies schlecht möglich. Zudem glaube ich, dass ein Schulbesuch hilfreich wäre, um die Bez. "Tyrann" kennen zu lernen.


Henry Berger

16.03.2009, 17:29 Uhr

@ Frau Sybille Weiss: Genau, ALLE Frauen gehören an den Herd, wo kämen wir denn hin, wenn alle Frauen - sogar diejenigen bei denen der Mann Lohnbuchhalter ist - arbeiten würden! Ich kann Ihnen sagen: Als Kind einer überbehütetenden "nur" Hausfrau wäre ich froh gewesen, meine Mutter hätte sich neben den Kindern noch eine weitere Tätigkeit gesucht. Es war ein unendlich mühsamer Abnabelungsprozess!!


P. Schneider

16.03.2009, 17:10 Uhr

Eine unglaubliche Headline: "Baselbieter Lehrerverein hält Kinder für Tyrannen" oder anders ausgedrückt "Nicht alle Kinder sind unsere Zukunft sondern auch unsere Hypothek..............................................."


Stephan Zettel

16.03.2009, 16:20 Uhr

Der Lehrerberuf ist nicht einfach ein Beruf, sondern sollte eigentlich eine Berufung sein. Es gibt nur sehr wenige Lehrer, die aus Ueberzeugung diesen Beruf gewählt haben, die auch begriffen haben, dass sie nicht alle Kinder einer Klasse gleich behandeln können. Es gibt mir zu denken, dass ein Lehrerverein von Leuten geführt wird, die Kinder als Tyrannen bezeichnen.


Sibylle Weiss

16.03.2009, 15:45 Uhr

Leider gibt es auch verheiratete Mütter, die glauben arbeiten gehen zu müssen, obwohl der Mann Lohnbuchhalter in einer grösseren Firma ist und sicher genug heimbringt. Bei dieser Gattung geht es darum sehen und gesehen werden, auf allen Hochzeiten zu tanzen und Anerkennung im Bekanntenkreis zu finden und bewundert werden. ADS = Anerkennungsdefizit-Syndrom. Und zudem nehmen sie Sellen weg.


Dieter Wundrak

16.03.2009, 15:33 Uhr

Wie Kindererziehung in der heutigen Zeit zu erfolgen hat, ich weiss es mit besten Willen nicht. Ich stelle nur fest, dass es immer mehr allein erziehende Mütter gibt, dass die Kinder, wenn möglich schon nach der Geburt ausser Haus gegeben werden müssen. Mann und Frau müssen zur Arbeit gehen. Und wehe die Frau macht die nicht ihr zustehende Karriere. Und wie ist es möglich, nur in der Familie.


Peter Affolter

16.03.2009, 14:40 Uhr

Den drei Leitsätzen von Herrn Winterhoff ist nichts beizufügen; genau so ist es. Und es ist dringend notwenig, den Begriff wieder verständlich zu machen, der - früher nicht negativ belastet - "Autorität" bedeutet.


Steve Walthard

16.03.2009, 14:17 Uhr

Jeder vernünftige Mensch sollte langsam begriffen haben, dass die antiautoritäre 68er-Masche versagt hat. Die Praxis zeigt es täglich zur Genüge. Leider vernebelt eine dogmatische Brille für viele Zeitgenossen den Blick und es wird munter weiter schwadroniert und experimentiert. Kinder brauchen KLARE GRENZEN. Kinder müssen gefördert UND gefordert werden. Die Entfaltung wird dabei nicht behindert.



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