Basel
«Das U-Abo ist zu billig»
Von Daniel Schindler. Aktualisiert am 09.09.2010 52 Kommentare
Christian Laesser ist Professor für Tourismus und Dienstleistungsmanagement an der Universität St. Gallen und leitet das SBB Lab.
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Weil die Bahn fürs SBB Lab während der kommenden fünf Jahre insgesamt 1,5 Millionen Franken springen lässt, stellt sich die Frage nach der Unabhängigkeit Laessers. Dieser beteuert: «Die SBB mischen sich in die Wahl unserer Forschungsgegenstände nicht ein.» Bahnchef Meyer dürfte es dennoch recht sein, dass der unabhängige Wissenschaftler wie er für höhere und zeitlich abgestufte Preise plädiert
Neben dem SBB Lab investieren die SBB auch in einen Forschungsfonds, mit dem verkehrswissenschaftliche Arbeiten an der HSG unterstützt werden sollen. Für diesen lässt der Bundesbetrieb während der kommenden fünf Jahre 200 000 Franken pro Jahr springen. (dan)
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Der Mann provoziert gerne: Kaum wurde diese Woche Christian Laessers SBB Lab an der Uni St. Gallen von Bahnchef Andreas Meyer eröffnet, legte sich der SBB-Professor mit den Rentnern an. Wer während der Stosszeiten nicht zur Arbeit fahre oder von dort komme, habe in dieser Zeit im ÖV nichts zu suchen, sagte er.
Nun kritisiert Laesser die Preise des Umweltschutzabos beim Tarifverbund Nordwestschweiz: «Es kann ja nicht kostendeckend sein, wenn man für 70 Franken pro Monat vom Tram über den Bus bis zur Bahn in der Nordwestschweiz sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel benutzen kann.» Der Fehlbetrag bei den ÖV-Betrieben sei der Preis, den man für politische Ziele, beispielsweise Umweltschutz oder soziale Ziele, zu bezahlen bereit sei.
London ist viel teurer
Wie teuer das Umweltschutzabo aus seiner Sicht sein müsste, sagt Laesser nicht, doch sei dies einer der Themenbereiche, mit denen sich das SBB Lab befasse: «Braucht man wirklich einen so billigen Zugang für ein derart grosses Netzwerk wie jenes des TNW?», fragt Laesser – und gibt die Antwort gleich selber, indem er auf die Situation in London verweist. Dort koste eine Monatskarte für den ÖV in der Innenstadt umgerechnet rund 150 Franken, also mehr als das Doppelte des Tarifs fürs U-Abo in der Nordwestschweiz.
TNW-Leiter und BLT-Direktor Andreas Büttiker räumt ein, dass der Deckungsgrad im TNW lediglich rund 60 Prozent beträgt und der Fehlbetrag durch die öffentliche Hand finanziert wird. Ob das aber auch bedeute, dass die Tarife zu tief seien, sei «eine Frage der Interpretation». Das U-Abo sei äusserst erfolgreich: «Wir haben 173 000 Kunden mit einem U-Abo, hinzu kommen in der Region 22 000 GA-Kunden – und dies auf 560 000 Leute in der Nordwestschweiz.» Dies sei die höchste Abodichte in der Schweiz, sagt Büttiker. Wie Laesser verweist auch der TNW-Leiter darauf, dass die tiefen Preise durchaus «politisch gewollt» seien.
Auch national zu billig
Laut SBB-Professor Laesser sind die Preise für die Benutzung des ÖV nicht nur in der Nordwestschweiz zu tief, sondern auch national: «Man beobachtet während der Stosszeiten vor allem am Abend viele Nichtpendler in vollgestopften SBB-Zügen. Ich sehe nicht ein, weshalb man nicht versuchen sollte, diese Fahrgäste über preisliche Anreize dazu zu bringen, zu Randzeiten zu reisen.» Wer kein Abo zum Pendeln besitze, sollte deshalb zu den Stosszeiten mehr bezahlen müssen als heute. Der SBB-Professor spricht in diesem Zusammenhang von «verhaltensorientierter Preisgestaltung». Aber auch die Pendler reisen in der Schweiz generell zu billig, sagt Laesser.
Mit seinen Forderungen nach unterschiedlichen Preisen zu unterschiedlichen Zeiten rennt Laesser bei den SBB offene Türen ein. Meyer lässt kaum eine Möglichkeit ungenutzt, um für Preiserhöhungen und eine zeitlich differenzierte Tarifgestaltung zu werben. Und mit ihren vergünstigten Bahnfahrten ab 9 Uhr haben die SBB bereits klar diesen Weg eingeschlagen. (Basler Zeitung)
Erstellt: 09.09.2010, 14:43 Uhr



