Basel

Der Sekretär des Leidens

Von Alexander Müller. Aktualisiert am 10.10.2012 17 Kommentare

Samuel Sprunger schreibt jährlich Tausende Fluglärmbeschwerden an den EuroAirport, weil die Flugzeuge «falsch» fliegen.

1/5 Samuel Sprunger kennt die Routen der startenden Flugzeuge ganz genau.
Bild: Alexander Müller

Der Sekretär des Leidens

   

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Es ist ruhig in Buschwiller an diesem strahlend schönen Herbsttag. Die Vögel zwitschern. In der Nähe spielen einige Kinder. Sie scheinen die wenigen ruhigen Minuten ohne ohrenbetäubenden Fluglärm zu geniessen. Über 19'000 Fluglärmklagen sind beim EuroAirport im letzten Jahr aus dem Elsässer 1000-Seelen-Dorf eingegangen. Über 11'000 dieser Beschwerden hat der ausgewanderte Schweizer Samuel Sprunger geschickt, in dessen schönem Garten wir nun sitzen.

Vor uns die unverbaute Aussicht auf den Grünstreifen zwischen Frankreich und der Schweiz. Weit hinten ragt der Allschwiler Wasserturm aus dem Grün der Bäume. Seit über 35 Jahren leben der Jurassier und seine Frau, eine Französin, hier in Buschwiller – in einem der älteren Häuser in der Strasse. Gegenüber wurde kürzlich neu gebaut. Mitten in der Lärmhölle? Erste Zweifel kommen auf.

Beschimpft und bedroht

Sprunger ist Teil des «Kollektivs Buschwiller», das den Frust der lokalen Bevölkerung im Süden des Flughafens kanalisiert und die Fluglärmbeschwerden institutionalisiert hat. «Früher war es ganz schlimm. Die Situation ist ­regelmässig eskaliert», erinnert sich der umtriebige 69-Jährige. Flughafenmitarbeiter seien beschimpft und bedroht worden.

«Früher» – das war vor zwölf Jahren. Seit dem Jahr 2000 drehen die meisten Flugzeuge kurz nach dem Start nach Westen ab, um den Flug über die dicht besiedelte Stadt Basel zu ver­meiden. Flugzeuge mit Destinationen im Osten und Südosten Europas beschreiben nach dem Start sogar eine 270-Grad-­Schlaufe, die sogenannte Elbeg-Kurve. Für die damalige Änderung der Flugrouten gab und gibt es zahl­reiche rationale und viel beschriebene Gründe. Die Elsässer Bevölkerung empfand den Wechsel aber als Affront der Schweizer, die «ihren» Fluglärm ins Ausland exportierten. Es kam zu ­Demonstrationen am EuroAirport und unzähligen wütenden Beschwerden.

Irgendwann hatte man beim Flughafen genug. Die Verantwortlichen seien damals auf ihn und einige andere vernünftige Mitbürger zugekommen und hätten sie gebeten, sich zu ­organisieren, erzählt Sprunger die Gründungslegende «seines» Kollektivs Buschwiller mit viel Pathos. Flughafensprecherin Vivienne Gaskell formuliert es ein wenig nüchterner: «Wir ­haben nichts dagegen, dass sich Anwohner gruppieren – wenn diese nicht ver­suchen, eine möglichst grosse Zahl von Beschwerden aus einem einzigen ­Haushalt zu generieren.»

Diese Absicht weist Sprunger weit von sich: «Ich selber reklamiere nicht.» Er ist nur der Sekretär des Leidens. Derjenige, der die Beschwerden aus den umliegenden Gemeinden zusammenträgt und gesammelt dem Flughafen übermittelt. Ein Botschafter der Hoffnung, so sieht er sich selber. Denn Sprunger ist Optimist – überzeugt, dass die Beschwerden des Kollektivs bei ­Politik und Flughafenverantwortlichen eines Tages ein Umdenken bewirken.

1300 Beschwerden in vier Wochen

In seine Rolle ist der Jurassier eher zufällig gerutscht. Als Ferienvertretung für ein befreundetes Ehepaar. Da deren Absenzen über die Jahre aus gesundheitlichen Gründen immer länger wurden, übermittelt Sprunger mittlerweile die meisten Reklamationen aus Buschwiller und den Nachbargemeinden Wentzwiller, Hésingue und Hegenheim. Rund 1300 seien es alleine zwischen Mitte August und Mitte September gewesen, wie Sprunger ohne einen Anflug von Stolz erzählt. Einer muss es ja ­machen. Auflisten und Katalogisieren bestimmt ohnehin einen grossen Teil des Lebens des Orchideenspezialisten. In der Welt der Blüten hat sich der ­Jurassier vom Gärtner zum Vizepräsidenten der Schweizerischen Orchideen­stiftung hochgearbeitet, wo er mithilft, Zehntausende Orchideenarten in einer Datenbank zu erfassen. Für seine Kenntnisse hat ihn die Universität Basel sogar zum Ehrendoktor ernannt.

Für seinen Fleiss im Kampf um eine ruhigere Nachbarschaft sind hingegen keine Ehrentitel in Aussicht. Das Zusammentragen und Übermitteln der Beschwerden betrachtet der 69-Jährige vielmehr als soziale Aufgabe: «Ich helfe denen, die sich nicht selbst helfen ­können.» Die meisten seiner Mitstreiter besässen nicht einmal einen Computer. Während andere sich in der Schulpflege oder im Turnverein betätigen, widmet er sich dem Seelenheil des harten Kerns der alteingesessenen Bevölkerung. Viele­ sind das nicht mehr. Manche sind weggezogen, andere gestorben.

Der harte Kern schrumpft

Das Gros der Bevölkerung im Süden des Flughafens besteht aus Neuzuzügern aus der Schweiz oder Übersee. Aus Menschen, die hier noch einigermassen bezahlbaren Boden für ihr Eigenheim im Grünen gefunden haben. Oder aus Kadermitarbeitern der Basler Pharmariesen, die ihre wechselnde Belegschaft im Elsass unterbringen.

Übrig geblieben sind rund 30 Personen, die Sprunger regelmässig mündlich oder via Notizzettelchen mit Daten beliefern. Darunter befinden sich vor allem Rentner oder Hausfrauen. Wie die Frau des Bürgermeisters. Oder wie jene Nachbarin Sprungers, die erst vor rund einem Jahr nach Buschwiller gezogen ist und längst auch regelmässig Beschwerden liefert. Jedes Flugzeug, das sie als zu laut empfinden, wird Sprunger gemeldet. 30 bis 40 der ­täglich rund 200 startenden Flugzeuge notieren die Mitglieder des Kollektivs. Wie jene Easyjet-Maschine, die während unseres Gesprächs in vielen Hundert Metern Höhe über Sprungers Garten fliegt. Lärmhölle? Fehlanzeige. Der Flieger ist nicht lauter als ein Lastwagen, der über die Landstrasse donnert.

Sprunger weiss aber, dass auch ­diese Maschine auf dem Notizblock ­eines seiner Mitstreiter landen wird. Schon wieder ein Pilot, der «falsch» fliegt. Würden die Flieger genau über dem mehrere Kilometer breiten un­bewohnten Grünstreifen zwischen Allschwil und Buschwiller abdrehen, wäre die Lärmbelastung für die lokale Bevölkerung deutlich tiefer, sagt Sprunger. Nur etwa 55 statt rund 70 Dezibel. Das Kollektiv Buschwiller hat das messen lassen. Sprunger seufzt. Die Elbeg-­Kurve werde seit Jahren immer enger geflogen. Immer näher an Buschwiller. Und immer weiter weg von Allschwil.

Flugzeuge werden immer leistungsfähiger

Der Flughafen bestreitet das nicht. Es existiere jedoch kein Flugkorridor, der eingehalten werden müsse. Vor­geschrieben sei nur der Abdrehpunkt, erklärt die Flughafensprecherin. Ob die Flugzeuge am richtigen Punkt abdrehen, wird vom Flughafen überwacht. Bei Nichteinhalten dieser Regeln drohen den Fluggesellschaften Bussen. Wie ein Pilot nach dem Abdrehpunkt aber die Kurve fliegt, ist ihm überlassen. «Die Flugzeuge werden immer leistungsfähiger und können deshalb engere Radien fliegen.» Je enger der Radius, desto kürzer der Weg, den das Flugzeug unterwegs ist. Das spart Zeit und Geld.

Überhaupt gehe es nur um Geld und Einfluss. Von beidem hätten die Schweizer mehr als die Elsässer, sagt Sprunger. Nicht zuletzt deswegen gäbe es täglich nur noch eine Handvoll Direktstarts nach Süden. Dem widerspricht der ­EuroAirport. Der aktuelle Destinationsmix des Flughafens mache gar nicht mehr Direktstarts nach Süden nötig.

Wieder startet ein Flugzeug, das zweite innert 40 Minuten. Diesmal fliegt die Schweizer Fluggesellschaft Swiss über das Haus des Orchideen­spezialisten. Auch dieser Flieger stört nicht mehr als ein rumpelndes Tram in der Basler Innenstadt. Wenn Busch­willer eine Lärmhölle sein soll, ist Basel die Stadt der Verdammten.

Junge sind weniger empfindlich

Sprunger glaubt, dass jüngere ­Menschen besser an den Lärm der Zivilisation angepasst sind. Seine Tochter empfinde die Flugzeuge nicht als störend. Sprunger und seine knapp drei Dutzend Mitstreiter vermissen hin­gegen die Zeit vor der Einführung der Elbeg-Kurve. Dabei gibt Sprunger zu, sich längst an die Flugzeuge gewöhnt zu haben. Er weiss um die Bedeutung des Flughafens und ist früher selbst um die halbe Welt gejettet. Die Flieger ­stören ihn nicht – ausser am frühen Morgen, wenn er durch die ersten Jets geweckt wird, die Basel verlassen.

Wegziehen kommt für Sprunger nicht infrage. Zu gut gefällt ihm das beschauliche Buschwiller. Auch Aufhören ist für ihn keine Option – der lokalen ­Bevölkerung zuliebe. Diese stehe fast geschlossen hinter der Arbeit des Kollektivs, die von vielen Elsässer Politikern unterstützt wird. Der unermüdliche Pensionär legt Brief um Brief vor, die seine Worte unterstreichen sollen.

Beim EuroAirport bleiben die Tausenden Beschwerden und wohl vor allem die konstruktiven Anregungen nicht ungehört. Derzeit sind Abklärungen im Gange, die Flugroute mittels ­satellitengestütztem Navigationssystem­ präziser zu leiten. Dann wird es vielleicht einmal möglich sein, gewisse Flugzeuge präziser über das unbewohnte Gebiet zwischen Buschwiller und ­Allschwil fliegen zu lassen. Darauf ­arbeitet der gelernte Gärtner und ehemalige Gewerbeschullehrer hin. Langweilig wird ihm dann nicht ­werden: Auch in der lautlosen Welt der Orchideen gibt es noch viel zu tun. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2012, 10:24 Uhr

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17 Kommentare

Max Wartenberg

10.10.2012, 10:51 Uhr
Melden 127 Empfehlung 11

Wenn die Jungen, wie seine Tochter, die Flugzeuge nicht störend finden, scheint das Problem langfristig gelöst. Antworten


Marcel Weberling

10.10.2012, 10:53 Uhr
Melden 124 Empfehlung 11

Ich wohne in Hégenheim, also die Karte betrachtet, noch mehr in der Abflugschneise als er. Der Satz ". . . stört nicht mehr als ein rumpelndes Tram . . ." trifft die Situation sehr gut. Sich künstlich aufzuregen, wie es Herr Sprunger zu tun scheint, nützt niemandem und reduziert keinen einzigen Überflug! Antworten



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