Basel
Die Agglomeration wird städtischer
Von Georg Schmidt. Aktualisiert am 27.04.2011 15 Kommentare
Die verdichtete Bauweise soll im vorderen Leimental und in Allschwil das Angebot an Wohnraum erhöhen. Grafik BaZ/reh, Quelle: Amt für Raumplanung
Umfrage
Um Wohnraum für die wachsende Bevölkerung im Baselbiet zu schaffen, soll teilweise dichter – mithin städtischer – gebaut werden. Ist diese Verdichtung der richtige Weg?
Ja
Nein
1075 Stimmen
Artikel zum Thema
«Viele Charakteristika einer Stadt sind im Kanton Baselland immer noch negativ besetzt», sagt Martin Huber, Leiter Kantonsplanung im Amt für Raumplanung. «Wir fallen immer wieder in dörfliche Denkmuster zurück, auch wenn sie unseren Lebenswirklichkeiten oft nicht standhalten.» Mit Blick auf die Zukunft heisst das: Ein weiteres Bevölkerungswachstum ist absehbar, während es politisch und rechtlich schwieriger werden dürfte, neue Bauzonen auszuscheiden.
In dieser Situation haben die Raumplaner des Kantons nach Wegen für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung gesucht und eine Studie in Auftrag gegeben, die klären soll, wo und unter welchen Voraussetzungen dichter – also städtischer – gebaut werden könnte. Die Antworten, ausgearbeitet vom Architekturbüro Nissen & Wentzlaff in Basel, liegen jetzt unter dem Titel «Verdichtungsstudie Baselland – Potenziale und Visionen» vor.
15'000 zusätzliche Einwohner
Anhand der Beispiele Leimen-, Birs- und Ergolztal wird «auf grosser Flughöhe» (Huber) durchgespielt, wie sich der bestehende Siedlungsraum in den kommenden 20 Jahren entwickeln könnte, wenn man in dieser Zeit von 15'000 zusätzlichen Einwohnerinnen und Einwohnern ausgeht. Diese «Diskussionsgrundlage», die einzelnen Fachverbänden und den Bauverwaltern bereits vorgestellt wurde, umfasst Ansätze, die spannend, aber durchaus auch radikal sind.
- Im vorderen Leimental zwischen den beiden Hauptstrassen sowie entlang der Grenze von Binningen und Allschwil zu Basel-Stadt und im Bachgrabengebiet könnten verdichtete Siedlungsbänder entstehen. Bezogen aufs Leimental von Binningen bis Oberwil heisst das: Reine Wohngebiete mit vielleicht fünfgeschossigen Häusern sollen sich mit Gebieten abwechseln, in denen auch Dienstleistungsnutzungen möglich sind. Eingestreut sollen kleinere Plätze und Parks für Auflockerung und Abwechslung sorgen. Diese Gebiete entlang dem Birsig eignen sich für eine Verdichtung, weil die Anbindung an den öffentlichen Verkehr optimal ist.
- Im Birstal, so der durchaus brisante Vorschlag, soll die Reinacher Heide zu einer Art Central Park für die umliegenden Gemeinden mit ihren 70'000 Einwohnern werden: Dieser Grünraum könnte durch einen Hochhauscluster umschlossen werden. Auch dieses Wohngebiet zwischen Reinach Nord und Bahnhof Dornach-Arlesheim wäre verkehrstechnisch sehr gut erschlossen. Huber könne sich die Central-Park-Idee aber auch beim Münchensteiner Heiligholz vorstellen, wie er spontan sagt.
- Im Ergolztal mit seinem Wechsel von Wohn- und Gewerbegebieten ist eine Verdichtung der Wohngebiete «in Bahnhofs- und Zentrumsnähe in Form von kleinen Hochhausclustern denkbar», heisst es in der Studie. Die gewachsenen Strukturen würden also nicht verschwinden, sondern die Grundlage für die Weiterentwicklung bilden.
- Für das Münchensteiner Gstad – hier läuft bereits eine entsprechende Planung der Gemeinde – und den Ortskern im solothurnischen Dornach sieht die Studie vergleichbare Wohngebiete mit Zentrumscharakter vor. Auch in Birsfelden, Pratteln, Sissach, Lausen oder Laufen richtet sich der Fokus auf genau definierte Orte wie Industriebrachen, die in Form von neuen Minizentren «unabhängig von ihrem Umfeld eine neue Identität entwickeln» sollen.
Planloses Einerlei vermeiden
Martin Huber ist sich der Gefahren bewusst, die mit einer generellen Verdichtung einhergehen können: «Wir wollen ja nicht, dass alles noch uniformer erscheint.» Deshalb sollen immer auch Sicherungen eingebaut werden, damit die Verdichtungen die nötige Qualität erhalten. «Es braucht beides – Dichte und Grosszügigkeit des Aussenraums», sagt er. «Die Gemeinden können nicht einfach eine Ausnützungsziffer vorgeben – sie müssen auch dafür besorgt sein, dass die Räume als Ganzes geplant werden.» So könne man ein planloses Einerlei vermeiden.
Wenn in diesen Gebieten aber Grundeigentümer oder Investoren bereit seien und dichter bauen wollten, müsse die Planung in den Grundzügen stehen – und zwar verbindlich. «Es geht letztlich um ein lang andauerndes, zielgerichtetes Management der Möglichkeiten», sagt Huber, der um den «sehr anspruchsvollen» Prozess weiss.
An manchen Orten gibt es Rückzonungen
Entscheidend ist aber auch, dass nicht überall gleichermassen verdichtet gebaut wird. «Es gibt Orte, wo dichter gebaut werden kann, weil es Sinn macht», so Huber – dies gilt namentlich entlang den Tramlinien und an Regio-S-Bahn-Stationen. An andern Orten sei eine «Pflästerlipolitik» besser. Gemeint sind Orte, die heute schlecht oder nicht mehr genutzt sind – etwa das Stoll-Areal in Münchenstein, wo auf dem früheren Gelände einer Gärtnerei jetzt ein kleiner Wohnturm gebaut werden soll.
«Es gibt aber auch Orte, wo man nicht weiter verdichten oder sogar entdichten soll», sagt Huber – und verweist auf kürzlich beschlossene Rückzonungen auf dem Binninger Hügel. In der Studie sind auch vergleichsweise grosse Gebiete zumeist an den Rändern und Hanglagen der Orte markiert, wo die Bebauung luftig bleiben soll. Die Verdichtung – und das mag erstaunen – soll aber auch helfen, die Gesichtslosigkeit vieler Gemeinden zu überwinden. Huber sagt dazu: «Wenn man an bestimmten, genau definierten Orten verdichtet, wird eine Siedlungsstruktur wieder ablesbar, werden Unterschiede erkennbar.» Man soll also wieder spüren, wo man ist. Architekturstudierende der Fachhochschule Nordwestschweiz sind jetzt im Rahmen ihrer Masterlehrgänge eingeladen, die Verdichtungsstudie in ihren Kernpunkten weiterzuspinnen und zu konkretisieren.
Klar ist aber auch, dass es – so oder so – grosser Anstrengungen bedürfen wird, um das prognostizierte Bevölkerungswachstum aufzufangen: «Wir gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil der zusätzlich benötigten Wohnfläche durch die Verdichtungen abgedeckt werden kann», sagt Huber. Die bestehenden Baulandreserven müssten aber sicherlich ebenfalls angetastet werden. (Basler Zeitung)
Erstellt: 27.04.2011, 07:48 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
15 Kommentare
Eine grauenhafte Vorstellung. Immer mehr Leute, immer dichter aufeinander, kein grün und kein Platz mehr. Parks für Menschen wie Zollis für Tiere. Mehr Aggression. Dreck, Lärm und Smog wie in Shanghai und New York künftig auch in der Schweiz. Warum reden wir eigentlich nicht über Geburtenkontrolle? Einwanderungsstopp? Überbevölkerung? Glauben wir wirklich, wir können so weiter machen? Antworten
Man müsste auch einmal konsequent das Wachstum hinterfragen. Wie lange wollen oder können wir so weiter machen? Die Arbeitsplätze halten ja jetzt schon mit dem Anstieg der Bevölkerung nicht mit. Trotz sehr guter Wirtschaftslage haben wir ungewohnte 190'000 Arbeitslose. Verdichtet Bauen und somit das Wohnen sind das eine, doch wohin gehen alle in der Freizeit? Antworten

Bitte warten

