Basel
Ein Feld riecht nach frischer Milch
Von Martin Brodbeck. Aktualisiert am 02.06.2010 18 Kommentare
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Landwirte erhalten derzeit nur zwischen 43 und 54 Rappen pro Liter Milch. Ist das genug?
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«Stoppt den Unsinn», stand gestern auf einem der beiden Güllenwagen, mit denen Bauern von Uniterre nach eigenen Angaben 5000 Liter Milch auf einem in der Nähe der Hundesportanlage Allschwil gelegenen Feld versprühten. Mit dem Slogan nahmen die Organisatoren den liberalisierten Milchmarkt und die Folgen für die Milchbauern ins Visier. Für Leute, die noch gelernt haben, dass man Lebensmittel nicht vernichtet, hat der Slogan allerdings noch eine andere, von den Organisatoren nicht bedachte Bedeutung.
Die offizielle Bauernschaft war denn auch gestern an dieser von einer kleinen Gruppe durchgeführten Protestaktion nicht dabei. «Ich habe Mühe mit dem Vernichten von Milch», sagt der Therwiler Landwirt Gregor Gschwind auf Anfrage der BaZ. Dennoch zeigt der Präsident des Bauernverbandes beider Basel Verständnis: «Ich begreife die Bauern, dass sie bei diesen Preisen zu solchen Aktionen greifen.»
EU-Preise
An der gestrigen Aktion wurde betont, dass der derzeitige Preis die Milchbauern ruiniert. Mit der Liberalisierung im Jahr 2009 sei der Milchpreis gegenüber dem Vorjahr um über 20 Rappen gesunken, heisst es in einer Mitteilung. Uniterre-Sekretär Ruedi Berli sagt, dass der Milchpreis derzeit zwischen 43 und 54 Rappen liege. Das seien «EU-Preise». Doch die Schweizer Bauern müssten auf Schweizer Niveau produzieren können. Uniterre fordert daher einen Preis für die Produzenten von einem Franken. Um dieses Ziel zu erreichen, erhebt Uniterre eine zentrale Forderung. «Die globale Steuerung der zu produzierenden Menge muss bei den Produzenten liegen.» Als Steuerungsorgan nennt Uniterre den Milchproduzentenverband. Die Organisation rief die gut 70 Bauern – auch einige aus dem Kanton Jura – dazu auf, weiterhin Druck zu machen: «Allenfalls werden wir auch nach Bern gehen.»
Angesichts der tiefen Milchpreise bleibt nach Ansicht von Uniterre den Milchbauern entweder die Verschuldung oder die Einstellung der Milchproduktion übrig. Auch für Gregor Gschwind vom Bauernverband sind die aktuellen Milchpreise weit von einer Kostendeckung entfernt. Dafür würde es Preise zwischen 80 Rappen und einem Franken brauchen, ist er überzeugt. Die Uniterre-Forderung von einem Franken sei jedoch in der derzeitigen Situation «unrealistisch». Gschwind glaubt auch nicht, dass der Milchproduzentenverband alleine mit der Steuerung überfordert werde. Auch solle man so kurz nach der Liberalisierung nicht bereits wieder nach dem Staat rufen. Es sei Aufgabe der Branchenorganisation Milch (BOM), eine Lösung zu suchen. Er habe «die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dies möglich ist», sagt Gschwind. Der BOM umfasst Milchproduzenten, Milchverarbeiter und Milchverteiler.
Klassenkämpferisch
Doch am BOM übt Uniterre scharfe Kritik. Diese Organisation habe «nichts unternommen, um der voraussehbaren Überproduktion und dem wachsenden Butterberg Einhalt zu gebieten». Felix Lang, Solothurner Kantonsrat der Grünen, schlug gestern klassenkämpferische Töne an. Der Milchmarkt werde von «ein paar wenigen Halunken, Gaunern und Kriminellen beherrscht», meinte der Präsident der vor drei Monaten gegründeten Sektion Nordwestschweiz von Uniterre. Mit freier Marktwirtschaft habe dies nichts zu tun. Darum brauche es jetzt einen «Zusammenschluss von Bauern und Büezern». Ein Ziel, das die aufmüpfigen Bauern wohl besser erreicht hätten, wenn sie ihre verschüttete Milch im Kleinbasel verteilt hätten. (Basler Zeitung)
Erstellt: 02.06.2010, 07:55 Uhr
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18 Kommentare
Völlig kontraproduktiv was diese "Schlaumeierbauern" sich da ausgedacht haben. Meine Symphatie haben die jedenfalls nicht, wer Lebensmittel derart verschwendet der ist es nicht würdig einen eigenen Bauernbetrieb zu führen, die sind wirklich alle nicht ganz bei Trost! Antworten
Was hält die hiesigen Bauern eigentlich davon ab, einen Hofladen zu betreiben oder via Internet frische Produkte direkt an die hiesigen Konsumenten zu verkaufen? Nichts...doch es ist Arbeit, neue Vertriebskanäle aufzubauen. Es gibt nun einmal keinen garantierten Erfolg - das sollten Banker wie auch die Bauern endlich einmal zur Kenntnis nehmen. Subventionen erhalten nur ineffektive Strukturen... Antworten
Das Problem an den ewig jammernden Bauern ist, dass die meisten einfach keinen Sinn für neue Inovationen haben und lieber "nach alter Väter Sitte" alleine rumwursteln. In jeder Branche muss man mit der Zeit gehen und sich anpassen lernen. Solche Unflexibilität darf nicht vom Staat auch noch subventioniert werden. Antworten
Frieda Stingelin, 13.25h: Im Verhältnis zum damaligen Durchschnittslohn musste ein Haushalt prozentual mehr Geld für die Lebensmittel ausgeben als heute. Ich gehöre zu der Generation, die noch im Coop-Laden bedient wurde und den Beginn der Einkaufs-Center miterlebt hat. Antworten
Die Bauern können den Preis ja selbst regulieren, grosse Mengen - tiefer Preis, kleinere Mengen - höherer Preis ! Der Markt ist ja geschützt, keine Importe möglich, die Bauern müssten nur miteinander reden und nicht jeder für sich alleine "wursteln" Antworten
@ alle die sich darüber aufregen das Milch weggeschüttet oder eben zum Düngen der Felder benutzt wird. Haben sie sich einmal gefragt wo all das Brot von Migro und Coop landet das Gestern frisch gebacken und am Abend nicht verkauft wurde ? Im besten Fall im Schweinetrog, vermutlich aber in einer Biogasanlage! Warum machen eigentlich die Grossverteiler keine täglichen Sammeltransporte nach Afrika? Antworten
An Alle, die hier diese frevelnden Bauern unterstützen möchten: Richtet doch ein Konto ein und zahlt freiwillig 1.- Franken ein pro Liter Milch, die ihr kauft, ein. Dieses Geld wird dann an die Bauern verteilt, die es ja gewohnt sind Subventionen und Versicherungsgeld einzstreichen, wieso also nicht auch Spenden? Ich frage mich langsam wer die wahren Abzocker in der Schweiz sind? Antworten
Wen alle die für eine Erhöhung des Milchpreises stimmen in der Schweiz die entsprechenden Milchprodukte kaufen würden o.K. Aber die Tatsache sieht anders aus lange Autoschlagen nach Deutschland um billige Produkte einzukaufen. Und dies ohne Rücksicht auf die Schweizer Bauern ! Nehmt euch selber an der Nase. Antworten
Heute sind die Lebensmittel generell billiger als vor 30 Jahren. Die Tomatenbauern im Wallis hatten auch mal vor zig Jahren Tomaten in die Rhône gekippt. Solche Taten sollen aufrütteln und haben nichts mit Schändung der Lebensmittel zu tun. Ausländer staunen über Kühe auf unseren (Alp)-Weiden, denn in ihren Ländern gibt es fast nur noch Grossbauern mit grossen Laufställen. Unsere Milch ist besser Antworten
Würden diese Bauern nicht subventioniert, wäre kein Tropfen verschwendet worden. Was andere bezahlen, kann man ja getrost wegschütten! Ja, wir haben keine Armen auf diesem Planeten, die sich Milch nicht leisten können und möchten selber immer Billigware, von einem chinesischen Sklaven oder von einem indischen Kind produziert, konsumieren. Der heilige einheimische Markt soll aber abgeschottet sein! Antworten
Arrogante Bauern!! Statt einfach auf den Staat zu zählen und zu 'trötzeln'! Seit doch initiativ, Ostschweizerbauern diktieren den Deutschen den Milchpreis, Bergbauern steigen auf Büffel um (1l Milch = CHF 3.--!!). Aber einfach nur klönen und dann auch noch Milch vergiessen ist nur dumm - oder eben 'Bauern-schlau'.. Antworten
Anscheindend geht's den Bauern immer noch zu gut, wenn sie es sich leisten können Nahrungsmittel wegzuwerfen. Aber das kennt man ja. Ich finde es widerlich Milch wegzuschütten, wenn an anderen Orten auf der Welt Kinder an Unterernährung sterben. Diese Bauern sollten sich schämen! Antworten
es ist ein unding ,milch/ lebensmittel zu vernichten ,milch auf felder zu schütten! viele können sich milch nicht leisten und niemand denkt daran. wenn die bauern nur noch diesen weg sehen ,mit ihren erzeugnissen umzugehen,dann sollen sie den beruf aufgeben. es ist zeit ,das sie lehrnen wirtschaftlich zu produzieren und nicht von den zuschüssen zu leben. kein handwerker bekommt subvenzionen Antworten
Womit die Bauern nun auch nicht in einem besseren Licht stehen; verstehe den Unmut, dass man aber Lebensmittel einfach wegwirft ist nicht gerade konstruktiv. Hätte man die Milch PR-mässig unters Volk gebracht, wäre den Akteuren mehr Sympathie sicher gewesen. Schade! Antworten
Wir alle sind auf die Landwirte angewiesen. Produzieren sie doch die zum Leben benötigten Grundnahrungsmittel. Die öffentlichen Institutionen (Spitäler, Kinderheime etc.) könnten doch die Milch direkt beim Bauern einkaufen und wie früher aufkochen um mögliche Keime zu vernichten. Wir hätten auch weniger Abfall von Verpackungsmaterial. Aber diese Mehrarbeit gilt als nicht effizienten Arbeitsablauf. Antworten
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Nadine Binsberger
Erstens spielt es keine Rolle, ob die Bauern die überschüssige Milch zur Vernichtung weggeben oder sie gleich selbst vernichten. Letzteres ist sogar billiger. Zweitens ist Markt nicht effizient sondern ruinös und kontraproduktiv: Zeit-, Kosten- und Renditedruck senken die Qualität, sowohl des Produktes wie auch der Arbeit. Antworten