Basel
Forderung nach Zonensystem gefährdet U-Abo
Von Alessandra Paone. Aktualisiert am 08.11.2011 71 Kommentare
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Wer mehr fährt, soll auch mehr bezahlen. So lautet die Forderung aus Basel. Heute gilt der gleiche Preis für den ganzen Tarifverbund. Ist diese Lösung tatsächlich unfair?
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35 Franken pro Monat kostete das Umweltschutz-Abonnement (U-Abo) für die ganze Nordwestschweiz bei der Einführung vor 24 Jahren. Mittlerweile zahlt man doppelt so viel. Trotzdem ist das schweizweit einzigartige ÖV-Angebot des Tarifverbunds Nordwestschweiz (TNW) mit seinem Einheitspreis sehr beliebt: 175'000 U-Abos werden jeden Monat verkauft. Und die Nachfrage steige laufend, bestätigt TNW-Geschäftsführer Andreas Büttiker. «Allein in der ersten Hälfte des laufenden Jahres haben weitere 1800 Personen ein U-Abo gekauft.»
Das Nordwestschweizer Erfolgsmodell könnte aber schon bald Geschichte sein: Die Vollversammlung des TNW hat an ihrer Sitzung vom vergangenen Freitag beschlossen, die Einführung von unterschiedlichen Tarifzonen für das U-Abo vertieft zu überprüfen. Dieser Entscheid fusst auf den Ergebnissen einer Grobstudie, die unter Leitung der Transportunternehmen und in Zusammenarbeit mit den kantonalen ÖV-Fachstellen durchgeführt worden war.
In dieser zweiten Überprüfung sollen nun vor allem die Auswirkungen einer Zonierung auf den Freizeit- und Ausflugsverkehr, die Zonen der Einzelbillette, die Finanzierung des Tarifsystems und die genaue Regelung der Einnahmeverteilung geklärt werden, heisst es in einer Mitteilung des TNW. Anschliessend könne das bestehende Ein-Zonen-Modell dem Mehr-Zonen-Modell gegenübergestellt werden.
Der TNW wird dieses Jahr rund 236 Millionen Franken Einnahmen erzielen. Davon betragen die Einnahmen aus dem U-Abo rund 163 Millionen Franken. Dennoch hält es TNW-Geschäftsführer Büttiker für legitim, die Frage der Zonierung aufzuwerfen und zu prüfen. Aber: «Eine Änderung muss gut überlegt und politisch breit abgestützt sein.» Auch brauche es klare Entscheidungsgrundlagen. Dazu gehörten beispielsweise die Klärung der Auswirkungen auf die Kundennachfrage sowie die finanziellen Konsequenzen für die Kantone und Transportunternehmen.
Vorteile für Kurzstreckenfahrer
Den Anstoss gegeben zu den Abklärungen haben vorab kritische Stimmen aus Basel-Stadt. Weil in der Stadt meist nur vergleichsweise kurze Strecken zurückgelegt werden, sei ein Einheitspreis nicht gerecht. Die Basler Regierung drängt denn auch schon länger auf ein Mehr-Zonen-System. Entsprechend positiv äussert sich Alain Groff über den Beschluss der TNW-Vollversammlung. «Es ist richtig, dass die Zonierung überprüft wird», sagt der Leiter Mobilität beim Basler Bau- und Verkehrsdepartement. Eine Preiserhöhung sei aufgrund des kontinuierlichen Ausbaus des Angebots zwingend. Nun stelle sich die Frage, ob diese wie bisher einheitlich oder neu differenziert erfolgen soll.
Mit dem Mehr-Zonen-Modell sei der Kunde flexibler und könne die passende Zone wählen, sagt Groff. Ein weiterer Vorteil sei, dass Fahrgäste, die kurze Strecken fahren – tendenziell Städter – weniger zahlen müssten. Heute zahlen alle Abonnenten denselben Preis – egal, ob sie vom Wettstein- an den Aeschenplatz oder aus dem Oberbaselbiet in die Stadt fahren. Dass Pendler wegen der Mehrkosten vermehrt aufs Auto umsteigen könnten, bezweifelt Groff. Denn grundsätzlich seien Fahrgäste, die lange Strecken fahren, auch eher bereit, einen höheren Preis zu bezahlen. Trotz der Vorteile stehen dem Mehr-Zonen-Modell aber längst nicht alle Städter positiv gegenüber. «Theoretisch müsste ich dafür sein, ich bin aber klar dagegen», sagt Jörg Vitelli. Der Basler SP-Grossrat und Mitglied der Umwelt-, Verkehrs- und Energiekommission sieht den Nachteil der Zonierung in der Aufsplittung der Tarife. Sei doch genau der einheitliche Tarif das Bestechende am U-Abo. «Es ist eigentlich ein General-Abonnement für die Region», bringt es Vitelli auf den Punkt.
Der SP-Grossrat befürchtet, dass durch die Abschaffung des Einheitsmodells vor allem Jugendliche aufs Auto umsteigen oder Fahrgemeinschaften bilden würden. Ausserdem werde im Dezember nach langem Hin und Her endlich der Nachtzuschlag abgeschafft. Vitelli: «Eine Zonierung wäre wieder ein klarer Rückschritt.» Auch vom viel besagten Gerechtigkeitsprinzip hält der Parlamentarier nicht viel. Denn um wirklich alle Fahrgäste gerecht behandeln zu können, müsste man ganz zum alten Zonentarif zurückkehren. «Und das kann ja wohl kaum das Ziel sein.»
Sabine Pegoraro gegen Aufteilung
Ähnlich skeptisch tönt es aus dem Baselbiet. SP-Landrätin Christine Koch Kirchmayr hat zwar nichts gegen eine Überprüfung des U-Abos einzuwenden. Aber sie sei instinktiv gegen ein Mehr-Zonen-System, so die Vizepräsidentin der Bau- und Planungskommission. «Die Idee des U-Abos wird dadurch gekillt.» Koch denkt auch an die Rentner, die dank dem Angebot Wanderungen machen im TNW-Gebiet.
Auch die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektorin Sabine Pegoraro ist persönlich gegen eine Aufteilung in Zonen. Denn der Einheitstarif habe massgeblich zum Erfolg des U-Abos geführt. Aber in Pegoraros Direktion teilen nicht alle die Meinung der Chefin. So befürwortet Markus Meisinger die Prüfung eines Mehr-Zonen-Modells. Aufgrund der Tarifanpassungen in den vergangenen Jahren habe man ein Preisniveau erreicht, bei dem sich die Frage stelle, wie attraktiv das Angebot noch für Kurzstreckenfahrer sei, sagt der Baselbieter ÖV-Beauftragte.
Schon im Frühling hatte sich im Baselbiet Widerstand geregt gegen die Idee einer Zoneneinteilung. Unter Führung der Grünliberalen war eine von 1500 Personen unterschriebene Petition eingereicht worden. (Basler Zeitung)
Erstellt: 08.11.2011, 07:36 Uhr
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71 Kommentare
Dass ausgerechnet Gerechtigkeit ein Motiv sein soll, etwas Bewährtes kaputt zu machen, ist äusserst unglaubwürdig. Nebst der üblichen Zwängerei zur Selbstprofilierung dürfte wohl die Hoffnung, mehr Geld einzunehemen, im Vordergrund stehen. Antworten
Einer Fragmentierung der Kosten in einer so kleinen Region sollte entgegengewirkt werden. Landschäftler sollten günstig mit dem ÖV in die Stadt kommen und Städter einen Ausflug aufs Land machen. Privatverkehr in die Stadt ist zu minimieren. Genauso sollte sich die ganze Region für eine gerechte Kostenteilung bei anderen Geschäften einsetzen - z.B. beim Stadttheater. Basel ist eine Region! Antworten

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