Grüne würgen Bildungsdiskussion ab

Die Geschäftsleitung der Partei verhängte einen Maulkorb: Die Bildungsgruppe darf sich nicht negativ zu den Sammelfächern äussern.

Die Geschäftsleitung unter Präsidentin Florence Brenzikofer hat der Bildungsgruppe einen Maulkorb verhängt. Für Jürg Wiedemann gleicht dieses Vorgehen einem autoritären Regime.

Die Geschäftsleitung unter Präsidentin Florence Brenzikofer hat der Bildungsgruppe einen Maulkorb verhängt. Für Jürg Wiedemann gleicht dieses Vorgehen einem autoritären Regime. Bild: Nicole Pont

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Haben die rund 1300 Baselbieter Lehrer – darunter hauptsächlich Sekundar- und Gymnasiallehrer – recht, wenn sie sich mit einer Petition gegen die Einführung von Sammelfächern wehren – den Zusammenschluss der Fächer Biologie, Physik und Geschichte zum Gruppenfach «Natur & Technik» oder Geschichte und Geografie zum Combifach «Räume, Zeiten, Gesellschaften»? Jedenfalls sind Schwierigkeiten mit Sammelfächern programmiert: Will ein Biolehrer in Zukunft im neuen Sammelfach ebenso Physik unterrichten, muss er sich bis Ende dieses Monats für eine Weiterbildung anmelden. Vorgesehen ist dafür eine Schnellbleiche von sieben Samstagen. Wer den gesamten Zertifikatslehrgang vorweisen möchte, hätte 26 Tage zu belegen. Dafür wird pro Lehrkraft 11'300 Franken bezahlt.

Mehrheit gegen Sammelfächer

Ob unter dieser Prämisse Sammelfächer nun sinnvoll sind, diskutierte bei den Grünen Baselland eine Bildungsgruppe. Sie ist ein Ausschuss, in dem in erster Linie Pädagogen vertreten sind. Wie immer war das Ziel, eine Vernehmlassungsantwort als Diskussiongrundlage für die Partei und zuhanden der Bildungsdirektion aufzusetzen. Und so kam diese Gruppe im Verhältnis sechs zu zwei (bei einer Enthaltung) zum Schluss, dass Sammelfächer für das Baselbieter Schulsystem nicht «das Grüne» sind. Die Schüler, die heute ohnehin ein knappes Vorwissen in Chemie, Bio und Physik ins Gymnasium mitbringen, würden nochmals benachteiligt. Man formulierte moderat und brachte die Mehrheits- und Minderheitsposition im Papier zum Ausdruck.

Dieses letztlich deutliche Resultat in der Gruppe – ein Nein zu Sammelfächern – ist der Geschäftsleitung der Grünen aber in den falschen Hals geraten und kollidiert mit deren Weltbild. Zwar lässt sich aus dem Grundsatzpapier «Bildung» der Grünen keine Position zu Sammelfächern herauslesen. Insofern wäre es möglich gewesen, eine Diskussion darüber ergebnisoffen zu führen. Aber Christoph Frommherz, Vizepräsident und Mitglied der Geschäftsleitung der Grünen Baselland, sagt: «Wir halten in der Partei den interdisziplinären Unterricht hoch. Das System Sammelfächer kommt dem im Gegensatz zu getrennten Fächern entgegen.» So hat die Geschäftsleitung unter Präsidentin Florence Brenzikofer der Bildungsgruppe einen Maulkorb verhängt und die Vernehmlassung unter Verschluss gehalten. Bei den Grünen ein einmaliger Vorgang.

«Autoritäres Regime»

Von der BaZ auf den Sachverhalt angesprochen, sagt der Grüne Sekundarlehrer Jürg Wiedemann, Mitglied des Ausschusses: «Die Meinungsfreiheit war bei den Grünen bis heute ein hochgehaltenes Gut. Der Vorgang der Geschäftsleitung gleicht nun eher einem autoritären Regime als einer modernen Partei anstehenden Basisdemokratie.»

Frommherz räumt ein, dass die Grünen gegenüber Jürg Wiedemann ein angespanntes Verhältnis hätten, insbesondere nachdem der Landrat mit der Organisation Starke Schule Baselland im Wahlkampf die neue Bildungsdirektorin Monica Gschwind unterstützt und dafür gesorgt hatte, dass die SP nicht mehr in der Regierung vertreten ist. Im Hinblick auf die Nationalratswahlen sind die Grünen auf eine Listenverbindung mit der SP angewiesen.

Unangenehm ist die Diskussion bei Beatrice Büschlen. Sie ist von den Grünen in den Bildungsrat delegiert worden, der sich jüngst für die Sammelfächer ausgesprochen hat. Im Gespräch mit der BaZ suggeriert sie, dass in der Bildungsgruppe kein Entscheid gefallen sei und dass es keine Vernehmlassung gebe. «Entschieden ist, wenn die Geschäftsleitung entscheidet», sagt sie und räumt so ein, dass bei den Grünen die Spielregeln wegen der unbequemen Neins zu Sammelfächern geändert wurden: «Einmal ist immer das erste Mal.»

Bieten lässt man sich das nicht. Michael Pedrazzi, Mitglied der Bildungsgruppe und gleichzeitig Vorstandsmitglied Komitee Starke Schule Baselland, sagt: «Die Gruppe akzeptiert einen Maulkorb der Geschäftsleitung nicht und wird das auch in Zukunft nicht dulden und hat deshalb die Vernehmlassung direkt unter dem Namen ‹Grüne und Unabhängige› eingereicht.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.03.2015, 07:06 Uhr

Vernehmlassung zu Parlamentarischen Initiativen

Zu zwei Parlamentarischen Initiativen von Jürg Wiedemann (Grüne) zum Lehrplan 21 und zu den Sammel­fächern führt die Bildungskommission des Landrats zurzeit ein Vernehmlassungsverfahren durch. Die Parlamentarische Initiative zu den Sammelfächern verlangt den expliziten Fortbestand der traditionellen Fächer Chemie, Physik, Biologie, Geschichte, Geografie und Hauswirtschaft. Stimmt der Landrat den beiden Initiativen zu, kommt es zu einer Volksabstimmung.

Abgelehnt wird die Initiative von der SP und der CVP sowie vom Bildungsrat und von der Schulrats-Präsidentenkonferenz. Die SP schlägt im Sinne eines Kompromisses vor, auf der Grundlage des bestehenden Bildungsgesetzes die entsprechenden Beschlüsse des Bildungsrats dem Landrat vorzulegen.

Der Bildungsrat möchte die neuen Sammelfächer zwar einführen, den einzelnen Schulen aber freistellen, ob sie mehrere Lehrer für die einzelnen Teilfächer einstellen. Die Pädagogische Hochschule (PH) der Fachhochschule Nordwestschweiz bietet zurzeit keine Sekundarlehrerausbildung für die Sammelfächer an und verlangt für die Lehrbefähigung für jedes einzelne Teilfach eine separate Ausbildung. Eine verkürzte Ausbildung schliesst die PH auch in Zukunft aus. td

Umfrage

Physik, Bio und Chemie wurden bislang einzeln unterrichtet. Soll der Unterricht nun in Sammelfächern stattfinden?

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