Basel
«Ich dachte, wir würden sterben»
Von Alexander Müller. Aktualisiert am 16.01.2012 8 Kommentare
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Die Baselbieter Eli und Tony Schläppi waren am letzten Freitag an Bord der Costa Concordia, als das Kreuzfahrtschiff vor der Insel Giglio auf einen Felsen auflief. Seit Sonntagabend sind sie wieder zu Hause. Noch immer stehen beide unter Schock. Nachdem sich die 55-jährige Frau einer Operation an beiden Füssen unterziehen musste, gönnte sich das Paar eine Woche Ferien auf der Costa Concordia. Es war ihre dritte Kreuzfahrt auf einem Schiff dieser Grösse. Sie besitzen ein eigenes Boot auf dem Neuenburgersee und haben auch schon Segelturns auf dem Mittelmeer gemacht. Deshalb war dem Ehepaar Sekunden nach der Havarie klar, dass sie sofort reagieren müssen.
Eli Schläppi, was haben Sie gemacht, als die Costa Concordia auf den Felsen auflief?
Ich war gerade am Koffer packen, da wir am nächsten Morgen in Savona ausgestiegen wären. Plötzlich fiel der Koffer um und rutschte durch unsere Kabine im neunten Stock. Dann kippte das Schiff ungewöhnlich stark auf die Seite. Mein Mann und ich sind passionierte Segler. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmt. Darum ging ich auf den Balkon und sah einen Felsbrocken neben dem Schiff aus dem Wasser ragen. Ich bin wahnsinnig erschrocken. Nicht mal mit unserem Segelboot würden wir so nahe an diesem Fels vorbeifahren!
Was haben Sie dann gemacht?
Ich bin vom Balkon weg und habe die Türe geschlossen. Aus Angst, dass Wasser eindringen könnte, wenn das Schiff plötzlich ganz kippt oder sinkt. Dann ist das Licht ausgegangen. Ich habe mich im Dunkeln zum Schrank getastet und die Schwimmwesten herausgenommen. Dann dachte ich, dass ich noch eine Taschenlampe brauche, wenn ich nun im Dunkeln meinen Mann suchen muss, der zu diesem Zeitpunkt im Theater unten im dritten Stock war. Also habe ich mich nach dem Tresor getastet, wo unsere iPhones drin lagen. Dann ist das Licht wieder angegangen, den Tresor habe ich jedoch nicht mehr aufgekriegt. Anschliessend bin ich nur mit den Schwimmwesten aus dem Zimmer gestürmt. Das war vielleicht etwa zwei Minuten nach der Havarie. In diesem Moment ist mir bereits mein Mann entgegengekommen. Er ist die Treppe hochgerannt so schnell es ging.
Dann wollten Sie auf Deck?
Ja. Im Gang hat uns dann das Kabinenpersonal angeherrscht, wir sollen unsere Schwimmwesten wieder abziehen und im Zimmer verstauen. Wir würden den anderen Passagieren nur Angst machen. Das Schiff habe nur ein Problem mit den Generatoren.
Haben Sie das geglaubt?
Nein, keine Sekunde. Wir haben uns geweigert, die Schwimmwesten wieder auszuziehen und sind in den zwölften Stock zum Aussendeck gegangen. Oben hatten wir einen guten Überblick und dabei zugesehen, wie das Schiff um die eigene Achse gedreht wurde. Es war wie beim Schlitteln, wenn man mit einem Fuss anhängt und es dann den Schlitten dreht. Zuerst dachten wir, der Kapitän sei so weise, dass Schiff noch in die Bucht zu steuern. Dann haben wir aber bald gemerkt, dass vom Kapitän und der Besatzung keine Reaktion kommt. Ausser dass man ein Generatorenproblem habe und man die Schwimmwesten nicht benötigt. Langsam hat dann das Schiff begonnen auf die andere Seite zu kippen.
Wie haben Sie reagiert?
Wir haben grosse Angst bekommen, weil der zwölfte Stock so hoch ist. Viel zu hoch, um ins Wasser zu springen. Wir wären dort oben verloren gewesen, wenn das Schiff gekippt wäre. Darum sind wir hinunter in den vierten Stock gegangen, wo die Rettungsboote sind. Auf jener Seite des Schiffes, die am Schluss noch aus dem Wasser ragte. Als wir dort ankamen, etwa 30-45 Minuten nach der Havarie, standen schon zahlreiche Passagiere vor den Rettungsbooten in Reih und Glied. Zu diesem Zeitpunkt kam immer noch der Hinweis über Lautsprecher, dass das Schiff ein Generatorenproblem habe. Das Besatzungspersonal liess niemanden in die Rettungsboote einsteigen. Obwohl das Schiff langsam immer mehr in Schieflage geriet, standen wir fast eine Stunde lang vor den Booten und warteten. Dann endlich kam überhaupt erst das Signal, dass die Passagiere sich zu den Rettungsbooten begeben sollen. Irgendwann ist Panik ausgebrochen und die Menschen begannen zu drücken. Dann kapitulierte das Personal und liess die Leute einsteigen.
Und dann wurden sie ins Wasser gelassen?
Nein, selbst als das Boot längst voll war, mussten wir weiter warten. Etwa 45 Minuten lang ist überhaupt nichts passiert. Wir haben die Besatzungsmitglieder angefleht, endlich das Rettungsboot zu ins Wasser zu lassen. Diese weigerten sich und warteten auf das Signal des Kapitäns. Wir hatten riesige Angst, dass man das Retttungsboot wegen der Schieflage gar nicht mehr ins Wasser lassen kann.
Wie war die Stimmung im Rettungsboot?
Einige haben geweint, andere haben geschrien. Wieder andere waren ganz still oder haben gebetet. Und die Männer von der Besatzung haben die ganze Zeit aufgeregt miteinander diskutiert und vergeblich auf das Signal des Kapitäns gewartet. Irgendwann haben sie dann selbst entschieden und den Mechanismus zum Wassern in Gang gesetzt. Dann sackte das Boot sofort etwa zwei Meter ab und prallte an die Schiffswand. Im Boot haben alle panisch geschrien. Dann verhedderte sich das Rettungsboot mit irgendetwas. Die Männer von der Besatzung nahmen eine Axt und schlugen irgendetwas Metallisches ab. Danach sackte das Boot weitere zwei Meter hinunter und begann zu kippen und schlug erneut an die Schiffswand. Alle Passagiere rutschten auf eine Seite und wir dachten, nun fallen wir hinaus und werden sterben. (bricht in Tränen aus). Danach gelang es der Besatzung, das Boot mit den Holzpaddeln wieder von der Schiffswand wegzustossen, worauf das Schiff ein Stück weiter absackte. So ging das etwa während 20 Minuten hin und her bis wir endlich doch heil im Wasser ankamen. Als das Rettungsboot im Wasser schaukelte, brach unter den Passagieren unbeschreiblicher Jubel aus. Alle waren erleichtert und bedankten sich bei der Besatzung. Etwas um halb zwei Uhr in der Nacht, also dreieinhalb Stunden nach der Havarie, erreichten wir den Hafen auf der Insel. Andere erzählten uns später, dass die Besatzung in ihrem Rettungsboot nicht in der Lage war, dieses zu steuern. Sie fragten unter den Passagieren, ob jemand an Bord ein Schiff steuern kann. Wieder andere erzählten, dass ein Rettungsboot auf ein anderes hinunterstürzte. Es herrschte das nackte Chaos. Wir hatten Glück.
Wie ging es auf der Insel weiter?
Der kleine Hafen war schnell voll mit tausenden Schiffbrüchigen. Wir hatten wahnsinnig Durst und gingen in eine Bar und baten um Wasser. Da wir jedoch kein Geld hatten, wurden wir relativ unfreundlich wieder hinauskomplimentiert. Leider war das Hahnenwasser auf der Insel nicht trinkbar. Wir konnten darum nicht einfach auf eine Toilette gehen, um etwas Wasser zu trinken. Irgendwann später wurden wir von Kindern in einen Kindergarten geführt, wo wir von Nonnen umsorgt wurden. Wir erhielten Decken, etwas zu trinken und konnten uns endlich ein wenig ausruhen. Wir waren völlig erschöpft. Und überglücklich, dass wir noch am Leben waren. Wir danken an dieser Stelle den Nonnen und Frauen der Insel Giglio für ihre uneingeschränkte Hilfe und Fürsorge.
Wie kamen sie wieder aufs Festland?
Am Samstagmorgen wurden wir auf eine Fähre gebracht, die uns aufs Festland brachte. Dort wurden wir in Empfang genommen. Ich wurde zur Kontrolle in ein Spital gebracht und meine frisch operierten Füsse wurden geröntgt. Danach brachte man uns in eine Zivilschutzanlage, wo wir vom Roten Kreuz sehr gut betreut und versorgt wurden. Am Abend brachten uns ein Bus nach Savona, wo wir in einem Vierstern-Hotel untergebracht wurden. Das Personal der Schweizer Botschaft brachte uns die Papiere, die wir benötigten, um wieder in die Schweiz einreisen zu können. Und man hat uns Geld geliehen.
Sind sie von Savona aus selbst nach Liestal gefahren?
Ja. Wir hatten in Savona unser Auto. Der Schlüssel war zum Glück vor Ort deponiert. Man hat uns aber abgeraten, selbst zu fahren. Wegen dem Schock. Aber wir wollten unbedingt so schnell wie möglich nach Hause zu unserer Familie. Am Sonntag sind wir dann endlich zu Hause angekommen.
War das ihre letzte Kreuzfahrt?
Ich weiss es nicht. Was mich am meisten verunsichert, ist das Gefühl der Machtlosigkeit. Man ist dem Willen des Kapitäns so ausgeliefert, da keine Rettungsmassnahmen von der Besatzung eingeleitet werden ohne offizielles «go» von der Brücke. Alleine hat niemand die Möglichkeit, das Schiff zu verlassen. Und das ist in diesem Fall umso frustrierender. Denn wenn man kurz nach der Havarie die Boote ins Wasser gelassen hätte, wäre niemand gestorben. Die Zeit hätte längstens gereicht, um alle in Sicherheit zu bringen. Der Kapitän hat seine Verantwortung nicht übernommen.
Wie geht es jetzt weiter?
Wir müssend das Ganze nun erst verarbeiten. Wir brechen derzeit immer wieder in Tränen aus, weil die ganze Geschichte wieder hochkommt. Und dann müssen wir irgendwann unsere Ausweise und Schlüssel wieder beschaffen. Aber das ist nebensächlich. Wir sind einfach froh, dass wir noch leben. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 16.01.2012, 22:14 Uhr
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8 Kommentare
Wer für ab billige 400.- Franken meint man bekomme eine 100% Garantie, der ist schon ziemlich Naiv! Je Billiger solche Billig-Kreuzfahr-Angebote mit, je Grösser das Havarierisiko, denn irgendwo muss ja gespart werden, dann eben beim Personal u.den Sicherheitschecks! Sicherlich ist diese Story auch für mich mit einem Jöö-Efekt behaftet, sochles wünscht man ja niemand, doch man sollte vorher denken! Antworten
Geehrte Herr + Frau Schäppi, ich wünsche Ihnen nach diesem Horror alles Gute und vergessen Sie bald diesen Schreck und denken an das Positive. 5 Stunden vor dieser Kathastrophe haben meine Frau und ich mit der Costa Poesia die Kreuzfahrt nach Norwegen gebucht. Und jetzt fragen wir uns mit einem mulmigen Gefühl sollen wir uns auf diese Fahrt freuen? Antworten


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