Basel
Initiative für freie Schulwahl scheidet Geister
Pia Amacher, Elternlobby Schweiz. (Bild: Roland Schmid)
Urs Wüthrich, Bildungsdirektor Baselland. (Bild: Henry Muchenberger)
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Die Initiative
«Ja, Bildungsvielfalt für alle» lautet der Titel des Begehrens, das fordert, dass Eltern zwischen den einzelnen öffentlichen Schulen wählen oder sich auch für eine Privatschule entscheiden können. Der Unterricht an nicht staatlichen Schulen soll vom Staat finanziert werden. Dies «entsprechend den Durchschnittskosten der öffentlichen Schule», wie es im Initiativtext heisst.
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1. Sind unere Schulen derzeit so schlecht und würde mit einem Ja zur Initiative die Qualität steigen?
Pia Amacher: Für ein Drittel der Fünftklässler, welche die Lernziele erwiesenermassen nicht erreichen, ist die Schule nicht gut. Ein einziges Schulmodell kann nicht allen Kindern gerecht werden. Pädagogischer Wettbewerb spornt an. Durch die Möglichkeit, eine Schule «abzuwählen», steigt die Qualität aller Schulen.
Urs Wüthrich: Die gute Schule Baselland ist leistungsorientiert, entwicklungsfähig und integrationsstark. Erfolgreiche Berufslernende und Studierende an den Hochschulen sind dafür genau so Beleg wie unsere Positionierung als zweitstärkste Wirtschaftsregion. Die freie Schulwahl auf der Volksschulstufe bringt keine Verbesserung.
2. Wie sollen die Bildungsstandards nach einer Annahme der Initiative garantiert werden?
Amacher: Alle Schulen, auch nicht staatliche, unterstehen der Aufsicht des Kantons und erfüllen die Vorgaben des Amts für Volksschulen. Das soll auch in Zukunft so bleiben. Der Staat gibt die Kernziele bekannt, der Weg zum Ziel soll jedoch den einzelnen Schulen überlassen werden.
Wüthrich: Die Lernfortschritte der Schülerinnen und Schüler müssten durch externe Prüfungen überwacht werden. Qualitätssicherung und das Zugangsverfahren zu weiterführenden Schulen müssten neu konzipiert werden. Das regelt der Markt nicht.
3. Muss man ncach einem Ja zur Initiative mit staatlich finanzierten Koran- oder Scientology-Schulen rechnen?
Amacher: Der Staat erteilt Betriebsbewilligungen und entscheidet, welche Schulen den kantonalen Vorgaben entsprechen. Alle Eltern, nicht nur reiche, könnten innerhalb aller staatlichen und nicht staatlichen Schulen wählen, die ohne ethnische, religiöse und finanzielle Einschränkung offen für alle Kinder sind.
Wüthrich: Die öffentlichen Schulen sind aufgefordert, mit der Erarbeitung von Schulprogrammen ihr eigenes Profil zu entwickeln – immer auf der Grundlage demokratisch festgelegter Spielregeln. Wenn eine private Schule offiziell anerkannt werden will, muss sie die Eckwerte unserer bildungspolitischen Grundlagen einhalten.
4. Welches sind die wichtigsten Erfahrungen mit freier Schulwahl im Ausland?
Amacher: Die neuste OECD-Studie beweist: Freie Schulwahl, mehr Schulautonomie und externe Prüfungen erhöhen Chancengleichheit, Qualität und Effizienz. Die öffentliche Finanzierung nicht staatlicher Schulen führt zu einer starken Reduktion der Abhängigkeit des Schulerfolgs vom sozio-ökonomischen Status der Kinder.
Wüthrich: Die Ungleichheit der Schulqualität hat sich vergrössert. Die Schulen verlieren erheblich an Integrationsgrad. Es entstehen Reservate unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten. Für die Gesamtheit der Lernenden konnte keine Leistungssteigerung belegt werden. Die Bildungskosten für die öffentliche Hand steigen.
5. Können diese Erfahrungen in der Schweiz umgesetzt werden?
Amacher: Wir haben bereits positive Erfahrungen mit der freien Schulwahl innerhalb der Gymnasien und mit der Finanzierung der privatrechtlichen KV-Schulen seit über 100 Jahren. Wir Schweizer sind gut im Organisieren und können zudem von den guten Erfahrungen der erfolgreichen Länder profitieren.
Wüthrich: Weil die Herausforderung «Heterogenität» in der Schweiz besonders anspruchsvoll ist, stellen die im Ausland festgestellten Probleme ein beträchtliches Risiko für gesellschaftlichen Zusammenhalt und die direkte Demokratie dar. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass die negativen Folgen vermieden werden könnten.
6. Müssen kleine Gemeinden befürchten, ihre Schulen zu verlieren?
Amacher: Die Erfahrungen sprechen für uns: Die kleinen Dorfschulen in Bever (GR) und Mettlen (ZH) konnten mit ihrem attraktiven Bildungsangebot Schüler aus anderen Gemeinden anziehen. In Engishofen (TG) haben initiative Eltern ihre geschlossene Dorfschule selber in freier Trägerschaft übernommen und so gerettet.
Wüthrich: Kleine und grosse Gemeinden, aber auch der Kanton, verlieren in erster Linie Planungssicherheit. Während an grossen Schulstandorten die Klassenbildung nicht mehr optimal gestaltet werden kann und die Schulen teurer werden, bedeutet dies in kleinen Gemeinden die Schliessung der Dorfschule.
7. was kostet die Umsetzung der Initiative?
Amacher: Die widersprüchlichen und um zehn Millionen reduzierten Zahlen der Bildungsdirektion zeigen, dass die Kostenfrage schwierig zu beantworten ist. Nur offen zugängliche Schulen werden von der Öffentlichkeit mit einer Pro-Kind-Pauschale bezahlt und kommen auf die Schulliste.
Wüthrich: 16,4 Millionen Franken Mehrkosten entstehen bereits, wenn für die heute an Privatschulen unterrichteten Schülerinnen und Schüler durch Kanton und Gemeinden die Durchschnittskosten finanziert werden. Kommt noch die Sekundarstufe II dazu, erhöht sich der Mehraufwand auf jährlich 30 Millionen Franken.
8. Fördert die Initiative ein Zweiklassensystem für Kinder?
Amacher: Die meisten angelsächsischen Länder kennen den Bildungsgutschein, bei dem reiche Eltern zusätzlich noch ein Schulgeld zahlen können. Die elternlobby.ch will eine finanziell unabhängige Schulwahl für alle Schichten der Bevölkerung, nicht nur für die Reichen. Nur so können auch alle Schulen durchmischt sein.
Wüthrich: Alle gesellschaftlichen Gruppierungen sollten sich für eine hohe Bildungsqualität engagieren. Dieses Engagement wird durch die freie Schulwahl gefährdet, wenn sich ausgerechnet Eltern in Privatschulen abmelden, die von Bildungsstand und von sozialer Stellung her die öffentlichen Schulen unterstützten könnten.
9. Haben wir diese Zweiklassengesellschaft nicht schon heute?
Amacher: Die Zweiklassengesellschaft haben wir mit Getto- und Villenschulen, mit der Frühselektion in drei Schulniveaus und mit der käuflichen Schulwahl nur für Reiche. Die Schweiz ist bei der Chancengleichheit an drittletzter Stelle aller OECD-Länder. Mit einem Ja zur Initiative würden alle Schulen besser durchmischt.
Wüthrich: Unterschiede und ungleiche Bildungschancen sind eine Realität. Es ist die Aufgabe der öffentlichen Schulen, mit gezielten Förderangeboten für möglichst viel Bildungsgleichheit, für eine Schule für alle, zu sorgen.
10. Tangiert die Initiative die laufenden Schulreformen Harmos und Bildungsraum Nordwestschweiz?
Amacher: Die Initiative tangiert die laufenden Schulreformen nicht. Wer Harmos gut findet, soll dieses Modell wählen können, aber freiwillig. Wer eine selektionsfreie Gesamtschule oder ein jahrgangsübergreifendes Schulmodell für sein Kind will, soll dies tun können, aber freiwillig.
Wüthrich: Gemeinsame Anstrengungen für mehr Bildungsgerechtigkeit und das Ausschöpfen des Bildungspotenzials sind zentrale Zielsetzungen des Bildungsraums Nordwestschweiz. Wenn sich das Baselbiet nun in den Alleingang abmeldet, verspielen wir die Chance, durch Bündelung der Kräfte unsere Wissensregion zu stärken.
Erstellt: 21.10.2008, 16:30 Uhr
Basel
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