Basel

Nicht über jeden Zweifel erhaben

Von Alessandra Paone. Aktualisiert am 15.08.2012 24 Kommentare

Ein Besuch in Eptingen zeigt: Die tätlich angegriffene Gemeindepräsidentin Renate Rothacher ist mit ihrer direkten Art im Dorf angeeckt.

Präsidentin Renate Rothacher und Verwalter Thomas Marti haben den Schock verdaut.

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Bild: Anna Furrer

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Endstation Eptingen. Weiter fährt das Postauto nicht. Weit und breit ist niemand zu sehen. Auch keine Schüler, die nach Hause laufen. Das 530-Seelen-Dorf hat keine eigene Schule mehr, keinen Dorfladen und keine Poststelle; auf dem Schild vor dem Restaurant Post steht «Heute zu». Im Bad Eptingen, der anderen und weit bekannteren Gastwirtschaft im Ort, treffen wir endlich auf Leute.

Am Tisch hinter uns sitzen zwei Kollegen von Telebasel. Das Schweizer Fernsehen und der «Blick» seien ebenfalls unterwegs, erzählen sie. Grund für das plötzliche Medieninteresse am kleinen Dorf am Rande des Baselbiets ist ein Angriff auf die Gemeindepräsidentin Renate Rothacher. Die 53-Jährige war am vergangenen Donnerstag in der Gemeindeverwaltung von einem Mann attackiert und verletzt worden.

Dank Gemeindeverwalter Thomas Marti, der sofort eingriff, kam sie nur mit ein paar blauen Flecken davon. Die Polizei konnte den Täter noch in der Gemeindeverwaltung stellen und festnehmen. Das Zwangsmassnahmengericht hat gestern auf Antrag der Staatsanwaltschaft bis auf Weiteres Untersuchungshaft angeordnet, sagt Meinrad Stöcklin, Sprecher der Baselbieter Polizei, auf Anfrage. Der 37-jährige Mann sei polizeilich ein unbeschriebenes Blatt. Mehr ist über den Täter nicht zu erfahren.

Auch im Dorf scheint niemand zu wissen, wer der Mann ist. «Wir können nur spekulieren», sagt «Bad-Eptingen»-Wirt Heinz Schwander. In Eptingen kennt jeder jeden. Und jeder weiss alles über jeden. Dennoch wusste bis am Montagabend niemand vom Angriff auf Renate Rothacher. Sie hielt den Vorfall übers Wochenende geheim, sprach nur mit ihrem Mann und der Polizei darüber. Selbst die Gemeinderatskollegen wurden erst am Montagabend informiert. Man habe es in den Nachrichten gehört, erzählt Schwander. Darauf sei der Angriff am Stammtisch kurz ein Thema gewesen.

Schweigen wegen Amtsgeheimnis

Schwander unterbricht das Gespräch und geht auf die Gemeindepräsidentin zu, die gerade am Restaurant vorbeigeht. Sie ist auf dem Heimweg, war den ganzen Morgen auf der Gemeindeverwaltung und hat Interviews gegeben, sagt sie. Ihr Handy habe ununterbrochen geklingelt, sie brauche jetzt eine Pause, bevor sie wieder Fragen beantworten könne. Der Wirt erkundigt sich nach ihrem Befinden. Sie antwortet freundlich und gefasst. Details erfährt Schwander aber nicht. Sie darf aus Datenschutzgründen nichts sagen. Der Rechtsdienst des Kantons sowie die Staatsanwaltschaft haben der Präsidentin geraten zu schweigen, um das Amtsgeheimnis nicht zu verletzen. Dafür hat Gemeinderätin Stephanie Eymann kein Verständnis: Der Gemeinderat habe das Recht, Näheres über die Tat und vor allem den Namen des Täters zu erfahren.

Zwei Damen betreten die Restaurant-Terrasse. Während eine den freien Tisch in der Ecke ansteuert, begrüsst die andere eine Familie aus Eptingen. Sie unterhalten sich über den Vorfall auf der Gemeindeverwaltung, rätseln über den Täter und nennen dabei einige Namen, die sie dann aber wieder ausschliessen.

Als forsch bekannt

Ob Renate Rothacher denn im Dorf beliebt sei? Nicht nur, antwortet Schwander. Sie sei sehr direkt und bestimmt, was nicht bei allen gut ankomme. «Sie ist ein Feldweibel», bringt es eine Frau auf den Punkt, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Da könne es schon einmal vorkommen, dass bei einem die Sicherung durchbrenne. Gewaltanwendung sei aber nicht die richtige Lösung, räumt sie ein. Die Gemeindepräsidentin gehe nicht auf die Anliegen der Bevölkerung ein, kritisiert auch Liliane Schumacher, die seit über 44 Jahren in Eptingen wohnt. Rothacher lasse andere Meinungen kaum zu. «Kein Wunder, dass fast niemand mehr die Gemeindeversammlungen besucht.» Gemeinderätin Eymann verteidigt ihre Kollegin. Sie mache einen guten Job. Wäre das nicht so, hätten sie die Einwohner im Frühling nicht wiedergewählt. Roth­acher ist in Eptingen unter anderem für die Bereiche Vormundschaft, Sozialhilfe und Finanzen zuständig.

Die Mittagspause der Gemeindepräsidentin war kurz. Um 13.45 Uhr ist sie bereits wieder auf der Gemeindeverwaltung. Den Schock hat die gebürtige Deutsche inzwischen verdaut. Zusammen mit Gemeindeverwalter Marti wartet sie auf einen Berater der kantonalen Präventionsstelle, um mögliche bauliche Massnahmen im Bereich der Schaltersicherheit zu diskutieren. Zum Täter gibt sie keine Auskunft – sie bestätigt nur, ihn zu kennen und dass er vor dem Angriff nie als gewalttätig aufgefallen sei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.08.2012, 12:15 Uhr

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24 Kommentare

klara mäder

15.08.2012, 12:33 Uhr
Melden 110 Empfehlung 0

"...die gebürtige Deutsche...". Für diese "heissen" Dossiers sollte man Einheimische anstellen, die mit der Mentalität und der Sprache verwurzelt sind. Bei der Sozialhilfe BS sollte man ebenfalls hochdeutsch sprechen, die Aktzeptanz ist so bei weiten Teilen nicht gegeben. Hier liegt m.E. das Problem. Antworten


max meier

15.08.2012, 13:51 Uhr
Melden 79 Empfehlung 0

...wenn man zwischen den Zeilen liest, erkennt man schnell, dass da mancher Dreck am Stecken hat und nun eine eingeschwoeren Dorfgemeinschaft mit Hilfe der Polizei mauert. Wohl in ein Wespennest gestochen?! Hier gehören alle Fakten auf den Tisch! Zudem: "gebürtige Deutsche" und "lässt keine andere Meinung zu" - Hallo??? Wo sind wir eigentlich hingekommen??? Ist ja wie im Mittelalter! Antworten



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