Basel

Sexy Bauern-Girl gegen schuftende Landfrau

Von Christian Keller. Aktualisiert am 16.09.2014 8 Kommentare

Aufeinandertreffen zweier Kalender-Bäuerinnen aus der Region: Marina Hersperger zeigt nackte Haut, Myriam Gysin Muskeln – beide kämpfen für die Emanzipation der Bäuerin.

Hautnah: Bauerntochter Marina Hersperger (links) gefällt die Naturverbundenheit der Fotos. Realitätsnah: Myriam Gysin danaben will zeigen, was Bäuerinnen jeden Tag leisten.<br />
Fotos: www.bauernkalender.ch / Regine Flury

Hautnah: Bauerntochter Marina Hersperger (links) gefällt die Naturverbundenheit der Fotos. Realitätsnah: Myriam Gysin danaben will zeigen, was Bäuerinnen jeden Tag leisten.
Fotos: www.bauernkalender.ch / Regine Flury

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Kühn blickt die 23-jährige Marina Hersperger in die Kamera (Bild links). Das Bauernmädchen aus Büren im Schwarzbubenland spielt mit der Verführung ihres Betrachters. Lust auf ein romantisches Abenteuer in grasduftender Alpenkulisse?

Für die neuste Ausgabe des Schweizer Bauernkalenders hat sich die junge Schönheit aus der Region Basel im glarnerischen Elm ablichten lassen. Die Fotografie wirkt ästhetisch, nicht billig. Keine entblössten Brüste, keine Enthüllungen von Schamzonen. Gerade im Bauernkalender hat Mann schon Freizügigeres zu sehen bekommen.

«Kalender verzerrt unser reales Leben»

Myriam Gysin, die 34-jährige Landwirtin des Neuhofs in Lausen, stört sich dennoch daran. Sie ist die Präsidentin des Bäuerinnen- und Landfrauenvereins beider Basel, der in diesen Tagen einen «Gegen-Kalender» in Druck gegeben hat, um die öffentliche Wahrnehmung des Berufsstandes ins rechte Licht zu rücken. Auch Gysin tritt darin in Erscheinung: als eine Gewicht stemmende Power-Landfrau. Die BaZ hat die zwei Frauen, die sich fotografisch so unterschiedlich inszenieren, zu einer Diskussion über das Rollenbild der modernen Bäuerin eingeladen.

Als die beiden Damen für das Interview auf Gysins Neuhof zusammenkommen, wirken sie gutgelaunt. Man kennt sich flüchtig und hat das Heu offensichtlich auf der gleichen Bühne. «Sie schuftet und ich stehe nur blöd rum», meint Marina lachend, als sie die beiden Fotos miteinander vergleicht. Gysin nimmt sie in Schutz: «Meine ­Kritik gilt nicht dir. Immerhin bist du eine richtige Bäuerin. Und an heissen ­Sommertagen habe ich auch schon im Top im Garten gearbeitet.» Doch Gysin, die erfahrener und selbstsicherer wirkt, sagt auch: «Ich hätte mich nie für einen solchen Bauernkalender hergegeben. Er verzerrt unser reales Leben stark.»

Eine Frage der Inszenierung

Tatsächlich kann man sich fragen: Verkörpert diese Blondine, die ihre Haare über die Schultern fallen lässt, ein bauchfreies Oberteil und weisse Shorts trägt und mit Hirtenstock bewaffnet ihre Schafherde kommandiert, das reale Leben einer Bauersfrau? Marina Hersperger selber wird während der Diskussion ihre Meinung zu diesem Thema ändern. Als sie zum ­ersten Mal über ihre Beweggründe spricht, an dem Fotoshooting teilzunehmen, sagt sie: «Viele junge Frauen, die im Bauernkalender ihren Körper zeigen, haben mit der Landwirtschaft nichts am Hut. Das ärgert mich extrem.» Die zierliche Bauerntochter wird im April nächsten Jahres die Bäuerinnenschule abschliessen.

Mit ihrem Freund schmiedet sie grosse Pläne: Schon bald soll der Hof des Vaters im luzernischen Buttisholz übernommen werden. Marina Hersperger erklärt ihren Standpunkt: «Wer einen Kalender kauft, in dem Bäuerinnen versprochen werden, sollte nicht die Töchter von Automechanikern, sondern von Bauern zu sehen bekommen. Das ist der Grund, weshalb ich mich für das Casting angemeldet habe.» Und zu ihrer Inszenierung sagt sie: «Mir gefällt die Naturverbundenheit, die zum Ausdruck kommt. Natürlich bin ich auf dem Foto nicht am Arbeiten. Aber selbst Bäuerinnen dürfen mal eine Pause einlegen. Das Bild zeigt die schöne Seite der Landwirtschaft.»

Konservative Gegenbewegung

Zurück ins Bauernhaus Neuhof oberhalb von Lausen. Wir sitzen zu dritt am Holztisch in der Küche des Guts­hofes. Die Gastgeberin Myriam Gysin hat frischen Most ausgeschenkt. Ihre siebenjährige Tochter spaziert durch den Raum, auf ihrem Arm kuscheln sich zwei neugeborene Katzenbabys.

Gysin sieht den erotischen Bauernkalender weit weniger gelassen als Hers­perger. Seit geschäftstüchtige Kleinverleger die Anziehungskraft unschuldiger Heugabel-Models als Marktlücke entdeckt haben und kommerziell bewirtschaften, wächst in Bäuerinnenkreisen die Verärgerung über die Reduktion auf die Sexualität. Im Baselbiet ist es nun zur konservativen Gegenbewegung gekommen: Mit einem eigenen Kalender kämpfen die Landfrauen gegen gängige Klischees.

Vereinspräsidentin Myriam Gysin, verheiratet und Mutter einer Tochter, präsentiert sich in ausdrucksstarker Haltung: Den linken Arm hinter dem Rücken verschränkt, stemmt sie mit ihrer starken Rechten einen Steinquader in die Höhe (Bild rechts). Im Hintergrund sind nicht Heidi-Berge, sondern die Umrisse ihres Gehöfts zu erkennen. Die Gysins führen einen klassischen Milchwirtschaftsbetrieb.

Die Botschaft hinter dem Bild ist deutlich: Hier räkelt sich Frau nicht auf Strohballen, sondern leistet harte Arbeit auf dem Bauernhof. Dazu passt das Erscheinungsbild: Senffarbenes T-Shirt, schwarze Trainerhosen und eine schnittige Kurzhaar-Frisur. «Wir wollen zeigen, was wir Bäuerinnen jeden Tag leisten. Wir sind keine halbnackten Mädels, die sich Männer anlachen», sagt Gysin. Stellt man ihr Porträt demjenigen von Marina Hersperger gegenüber, ist der Kontrast krass. Doch die beiden Frauen haben mehr Gemeinsamkeiten als es auf den ersten Eindruck scheint. Sie kämpfen mit verschiedenen Bildern für dasselbe Ziel: Die Emanzipation der Bäuerinnen.

Fachstelle mischt auch mit

Um ihr Ziel zu erreichen, haben sich die konservative Gysin und ihr Verein mit einer Behörde verbündet, die das traditionelle Frauenbild, wie es gerade die Bäuerinnen verkörpern, seit der Gründung bekämpft: der Baselbieter Fachstelle für Gleichstellung. Amtsleiterin Sabine Kubli war in das Projekt involviert und half bei der Suche nach geeigneten Protagonistinnen mit. Die emanzipatorische Haltung, um die es beiden Interessengruppen geht, hat aus den Gegnerinnen Partnerinnen gemacht.

Myriam Gysin stört sich daran, dass die Bäuerinnen im Schatten ihrer Männer stehen würden. «Wir schuften genauso viel, aber niemand bemerkt es.» Haushalt schmeissen, Stall putzen, Ernte einfahren, Büro verwalten, bügeln, kochen. Und nebenbei auch die Kinder grossziehen. «Auch darum haben wir diesen Kalender gemacht. Wir wollen die Bevölkerung wachrütteln: Merkt ihr eigentlich, was ihr an uns habt?»

Marina Hersperger pflichtet Myriam Gysin bei. «Es wird als Selbstverständlichkeit angesehen, dass wir allen Pflichten nachkommen. Die Gesellschaft muss wieder lernen, die Dienste der Landfrauen zu schätzen.» War es in diesem Fall nicht kontraproduktiv, sich als leichtes Bauern-Mädchen in Szene zu setzen? Marina ­Hersperger überlegt einen Moment. Dann sagt die 23-Jährige: «Ja, das ist tatsächlich ein Widerspruch. Ich würde es nicht mehr machen. Der Kalender der Landfrauen ist viel natürlicher.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.09.2014, 07:42 Uhr

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8 Kommentare

Beat Bannier

16.09.2014, 09:37 Uhr
Melden 62 Empfehlung 23

Hersberger ist auf dem Bild nicht nur nicht am Arbeiten, sondern gar nicht dort. Das Bild ist aus vier Fotos zusammengesetzt, Hintergrund, Schafe, Modell und Hund, Photoshop lässt grüssen.
Inmitten der Insekten, welche eine Schafherde umgeben, würde sie nicht eine halbe Minute entspannt dastehen, in ihrer Kleidung.
Antworten


Reto Karrer

16.09.2014, 19:18 Uhr
Melden 26 Empfehlung 2

und schön sind sie beide, egal in welchem Kalender Antworten



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