Basel

So einfach kaufen Schüler Alkohol

Bis zum endgültigen Bundesgerichtsurteil setzen die Baselbieter Behörden weiter auf die umstrittenen Alkohol-Testkäufe. Die BaZ begleitete zwei Testkäufer auf einer Kontrolltour.

In drei von sechs Fällen erhielten die Testkäufer Alkohol.

In drei von sechs Fällen erhielten die Testkäufer Alkohol. (Bild: Keystone)

Umstrittene Testkäufe

Nachdem die Baselbieter Staatsanwaltschaft ein Urteil des Kantonsgerichts angefochten hat, ist nun das Bundesgericht am Zug: Die Richter in Lausanne sollen endgültig klären, ob es sich bei den Testkäufen mit Jugendlichen um unzulässige verdeckte Ermittlungen handelt. Dies hatte das Baselbieter Kantonsgericht im Februar entschieden und so die Verkäuferin eines Tankstellenshops freigesprochen, die Bier an eine 15-jährige Testkäuferin verkauft hatte. Wann das Urteil des Bundesgerichts fällt, ist noch offen.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Bier kaufen – das ist für Luca* und Dario* (beide 14) an diesem Nachmittag kein Problem. Als die Schüler das Verkaufslokal im Oberbaselbiet betreten, sind sie die einzigen Kunden. Luca greift sich drei Büchsen Bier und schreitet zur Kasse. Die Verkäuferin schaut ihn lange an. Sehr lange. Nach Lucas Ausweis fragt sie aber nicht. Die Jugendlichen bezahlen und gehen. Betrinken wollen sich Luca und Dario nicht: Sie sind Testkäufer im Auftrag des Baselbieter Pass- und Patentbüros. Das gekaufte Bier geben die beiden draussen wieder ab – an Guido Langenegger, Sozialarbeiter bei der Jugendstiftung Blaues Kreuz. Dieser macht kurzen Prozess: Mit dem Bier in der Hand geht er zurück in den Laden. Und als ihn die Verkäuferin sieht, weiss sie sofort, was ihr blüht. «Pass- und Patentbüro», sagt Guido Langenegger. «Das war ein Testkauf.» Die Verkäuferin stammelt etwas vor sich hin, schlägt die Hände vors Gesicht. Dann bricht die Frau in Tränen aus.

Happige Bussen

Solche Situationen erlebt Langenegger häufig. Rund 150 Testkäufe führt der Sozialarbeiter jährlich für das Pass- und Patentbüro durch. Davon verläuft rund ein Viertel der Kontrollen «positiv», wie es beim Kanton heisst: Das Verkaufspersonal fällt auf die Scheinkäufe herein. Was nach der Konfrontation durch den Sozialarbeiter folgt, ist oft sehr emotional: «Manche Leute weinen, andere werden ausfällig», sagt Langenegger. «Damit müssen wir umgehen.»

Diese Reaktionen überraschen nicht – denn die Konsequenzen sind für fehlbare Verkäufer oft happig. Sie werden beim Statthalteramt verzeigt und bezahlen eine Busse in der Höhe von 200 bis 400 Franken. Haben die Verkäufer harten Alkohol an unter 16-Jährige abgegeben, folgen zusätzlich ein Strafverfahren und ein Eintrag ins Strafregister. Nicht selten droht den Angestellten deshalb eine Kündigung. Die Verkäuferin im nächsten Geschäft, einem kleinen Quartierladen, reagiert korrekt. Als Luca und Dario eine Flasche Wodka aus dem Regal greifen und damit zur Kasse gehen, kneift die junge Frau die Augen zusammen. «Wie alt seid ihr?» Die Testkäufer handeln nach Anweisung: Sie geben sich zuerst als 18-Jährige aus. Das glaubt die Verkäuferin offensichtlich nicht. Sie will von den Schülern einen Ausweis sehen – und nimmt ihnen den Wodka wieder ab.

Nachdem die Jugendlichen weg sind, betritt Langenegger das Geschäft und gratuliert der Verkäuferin zum «bestandenen» Testkauf. Auch Lob sei wichtig, sagt er später draussen. Schliesslich wolle man das Verkaufspersonal sensibilisieren. Die Statistik gibt den Behörden recht: Im ersten Testjahr 1999 wurden noch 86 Prozent der Läden beanstandet.

Hälfte fiel durch

Die Testkäufer rekrutiert Langenegger in den Jugendhäusern der Region. Mitmachen darf nur, wer die von den Eltern unterschriebene Bestätigung mitbringt. Für ihren Einsatz erhalten die Jugendlichen einen Kinogutschein oder ein Essen. In der Regel sind die Testkäufer laut Langenegger 14 Jahre alt, beim Kauf von Spirituosen werden auch 16-jährige Jugendliche eingesetzt.

Zumindest Luca (im Kapuzenpullover) und Dario (mit Lederjacke) kann man nicht vorwerfen, dass sie älter aussehen, als sie tatsächlich sind. Und trotzdem kaufen sie an diesem Nachmittag in drei von sechs Testkäufen erfolgreich Alkohol. Die Inhaberin eines Dorfladens zuckt nur mit den Schultern, als Langenegger den Testkauf auflöst. Dann bezahle sie eben die Busse, sagt sie lapidar.

Anders die junge Verkäuferin einer Discounterfiliale: Sie fragt die beiden Schüler zwar nach dem Ausweis, verkauft ihnen die Sechserpackung Alcopops aber trotzdem. Als Langenegger mit den Getränken zurückkehrt, reagiert sie verstört. «Das kann doch nicht sein», sagt sie immer wieder. Wenig Freude hat auch der Filialleiter, der dazu stösst. Er begreift nicht, weshalb die Verkäuferin einen Ausweis verlangte und die Alcopops dennoch verkaufte. «Dass sich die Verkaufspersonen beim Alter verrechnen, sehen wir immer wieder», sagt Langenegger.

Ohne Bedenken

In der Kritik stehen die Alkohol-Testkäufe nicht nur, weil sie rechtlich umstritten sind (siehe Text links). In Deutschland sorgte sich etwa der Kinderschutzbund um die «Würde» der Jugendlichen, die als Agents provocateurs «missbraucht» würden. Das sehen Luca und Dario anders: «Uns macht das nichts aus», sagen sie. Und Langenegger ist überzeugt, dass an den Testkäufen «moralisch nichts auszusetzen» sei. Im Gegenteil: «Den meisten unserer Testkäufer wird dadurch bewusst, welche Folgen der illegale Verkauf von Alkohol haben kann.» Werde eine Verkäuferin dabei erwischt, könne dies ihr Leben verbauen. Langenegger: «Das fährt vielen Jugendlichen ziemlich ein.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.04.2009, 12:05 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

22 Kommentare

Jutta Meier

16.04.2009, 16:24 Uhr
Melden

ja man könnte auch endlich die Pronto-Abfüllstation am Barfi schliessen. Diese Bude leistet einen schönen Teil zur Verschmutzung der City und Narkotisierung der Kids bei. Schande über Coop. Wenn man bedenkt was früher dort für ein schöner Laden war. Antworten


Peter Meier

16.04.2009, 13:28 Uhr
Melden

Alkohol per Verkaufsverboten regulieren zu wollen ist unrealistisch und scheinheilig. Viel eher wären Konsumationsverbote in der Öffentlichkeit für Jugendliche (oder Alle!) angesagt. Manch einer schickt einen älteren Bruder zum einkaufen, denn wer Alk will kommt auch irgendwie daran. Antworten


Heinz Ladner

16.04.2009, 12:17 Uhr
Melden

Testkäufe finde ich super! Nur so funktioniert's auch, wenn es 1:1 in der Praxis getestet wird! Alle die die Gesetzgebung rügen, müssen zu den Praxis-Tests stehen. Dass es auch wirkt zeigen die Resultate! Eine echte, nachhaltige Wirkung wird oft nur über Emotionen erreicht - egal ob bei Käufer oder Verkäufer! Die sind für das Verantwortungsbewusstsein sehr nötig. - Weiter so!! Antworten


gabi rüegg

16.04.2009, 11:04 Uhr
Melden

Ist doch toll, wenn die Jugendlichen sich ein Essen verdienen können :-)) Zum ganzen Thema muss ich einfach sagen, dass die jungen Menschen IMMER zu ihrem Alkohol kommen. Man hat doch genug Kollegen, die im richtigen Alter sind. Also, was solls? Und die Erfahrung mit dem Alkohol müssen sie schlussendlich selbst machen. Wir, die Erwachsenen, leben ihnen die Sucht tagtäglich vor. Thats the point. Antworten


Peter Waldner

16.04.2009, 11:01 Uhr
Melden

Wow - wenn unsere "Obrigkeit" und Justiz nur auch bei den echten Verbrechen so einsatzfreudig und bemüht wäre. Wenn man bedenkt, was jugendlichen Strassenräubern oder Schlägern in Basel so "passiert", wenn sie mal rein zufälligerweise erwischt werden - und was einem ehrlich arbeitenden Kassenfräulein angetan wird, wenn es mal unaufmersam ist... Antworten


Walter Wegmann

16.04.2009, 10:48 Uhr
Melden

Die Bussen sind eindeutig viel zu nieder. 1000.- als Mindestbusse wäre nötig!è Antworten


Andreas M

16.04.2009, 10:08 Uhr
Melden

Ich finde die Testkäufe problematisch. Die Konsequenzen für die Verkäufer sind teils massiv. In keinem anderem Berufszweig ist mir bekannt, dass auf diese Art getestet wird ob sich die Leute an die Gesetze halten. Wieso geht der Staat nicht einmal pro Monat auf ein Bank und versucht Schwarzgeld anzulegen...und erhebt dann Strafbefehl gegen die Mitarbeiter...etc...etc.... Antworten


Ursula Vögeli

16.04.2009, 09:55 Uhr
Melden

Bravo, ich finde diese Testkäufe von Alkohol sehr wichtig. Ich habe auch einmal einer Verkäuferin gesagt,diese 2 Jungs vor mir mit Wodkakauf hätte ich den Ausweis verlangt, sie meinte dann die seinen 18 was ich nicht glaubte. MFG Antworten


Fritz Wasser

16.04.2009, 09:49 Uhr
Melden

Ich finde es gut,wenn man test käufe macht. Auch bei uns im Telli-Center sollte man das einmal durchziehen.Denn bei uns liegen überall bierflaschen und büchsen rum, auch zerschlagene,es hat viele Jugendliche die Saufen einfach,und lassen den dreck liegen Antworten


Roman Stäger

16.04.2009, 08:58 Uhr
Melden

Das Verkaufspersonal wird bestraft und sogar eingetragen, aber der Ladenbesitzer, der vom Verkaufspersonal das Maximum verlangt, reibt sich die Hände und kassiert den Gewinn. Antworten


Marco Lardi

16.04.2009, 08:36 Uhr
Melden

Hab gedacht es gibt nur in der dritten Welt Kinderarbeit. Da werden Kinder im Auftrag von Sozialarbeiter zu Verbrecher gemacht und das wohl noch im Auftrag der Regierung. Und sicher bekommen die Kinder nicht mal einen Lohn für ihre Arbeit, dann erginge es den Arbeitskindern in Indien etc. noch besser als bei uns. Antworten


Frank Schwendener

16.04.2009, 08:01 Uhr
Melden

Aktion ist richtig. Sie ist präventiv. Habe selber schon vor jahren bei solchen Aktionen mitgemacht. Dabei kammen vor allem Grossverteiler sehr negativ weg, Sogar in Restaurant wurden an 13jährige Schüler Kafifertig abgegeben. Ich als Schulsozialarbeiter bin der Meinung auch die Erwachsenen müssen Verantwortung übernehmen. Man kann nicht nur von den schlimmen Jugendlichen lamentieren u. schreiben Antworten


Georg Ritter

16.04.2009, 07:45 Uhr
Melden

Aha! Das wird als die "Busse einfach bezahlt". Somit ist also die Busse zu tief. Soll man den Krämern eben die Gernehmigung zum Verkauf von Alkohol entziehen. Übrigens gibt es Registrierkassen, in die man das Geburtsdatum der Käufer eintippen kann - für Leute, die das Alter nicht ausrechnen können. Antworten


Ch.-J. Sutter

16.04.2009, 07:10 Uhr
Melden

Herr König........Realität ist, dass wir Gesetze zum Schutze von Jugendlichen und Kindern haben und diese auch dann eingehalten werden müssen, wenn Lädelibesitzer um ihre Existenz kämpfen müssen. Oder sollten wir Ihrer Meinung nach dem Volg um die Ecke zuliebe unsere Kinder wöchentlich einmal abfüllen? - Testkäufe sind übrigens kreativer als Überwachungskameras und legitim, solange es nötig ist! Antworten


Fritz Nussbaumer

16.04.2009, 00:27 Uhr
Melden

Was hier dem Verkaufspersonal zugemutet wird, ist schlicht Erpressung. Diese kleinen Bürschchen wissen sehr wohl, dass sie eigentlich keinen Alk kaufen dürfen. Wenn die Eltern hier nicht zum Rechten sehen können, dann lassen sich diese Bubis den Alkohol sogar von coop nach hause liefern. Antworten


Roland Horni

15.04.2009, 22:59 Uhr
Melden

Und wie ist es mit den Rauchwaren? Wird das auch kontrolliert? Und andererseits: 16 jährige sollen, ginge es nach gewissen Kreisen, schon politisch mündig erklärt werden und abstimmen können, die werden dann sicher wenn es soweit kommen sollte, für die Freigabe von Alkohol an jugendliche stimmen!!! Mal sind sie "verantwortungslose" Kinder, dann wieder Erwachsene. Helfen täte mehr gutes Vorbild! Antworten


Harry Berger

15.04.2009, 22:28 Uhr
Melden

Sorry aber die Testkäufe wären nicht nötig würde man zB. in Basel Freitag, Samstag und Sonntag mit Ausweiskontrollen in den verschiedenen Discountern um den Barfüsserplatz richtige Kontrollen machen. Was wir dort allwöchentlich erleben ist unter aller Sau. Antworten


Fredy Brülhart

15.04.2009, 21:55 Uhr
Melden

Diese Kontrollen müssen sein damit dieses sinnlose besaufen in der Innerstadt aufhört, aber warum wird nicht vermehrt vor den Läden kontrolliert wo 18 j harten Alkohol kaufen und ihn dann draussen an die jungen weitergeben? x-mal schon gesehen vor dem Prontoshop am Barfi!!! Weitergeben an jüngere ist auch verboten hab ich gelesen aber hat da die Justiz mal durchgegriffen? Bei Zigi das selbe. Antworten


Markus Weber

15.04.2009, 21:32 Uhr
Melden

Als ehemaliger Alkoholiker (seit 16 Jahren Abstinent Suchtfrei lebend auch vom Nikotin) befürworte ich solche kontrollierte Testkäufe durch Jugendliche absolut. Ist ja gerade wieder rausgekommen wieviele Jugendliche sich schon ab 12 besaufen. Diese Käufe sind also sehr wichtig.Generall sollte das Alter für jede Alkoholika auf 20 Jahre heraufgesetzt und mehr Aufklärung betrieben werden. Antworten


Jeannette Zellweger

15.04.2009, 18:59 Uhr
Melden

@R. König...... eine gute Lösung; Ein wahrer Erwachsener zu sein (und nicht nur heran gewachsen) der willens ist 100% Verantwortung zu übernehmen, denn die Realität ist eine Reflektion der eigenen Gedanken, Ueberzeugungen, Mustern, Gefühlen und inneren Bildern und somit hat natürlicherweise auch jeder für sich seine ganz eigene und individuelle Realität. Antworten


Jeannette Zellweger

15.04.2009, 18:41 Uhr
Melden

@R. König..... sie schreiben "haben fast keine Wahl, als solche Verkäufe"...... sie glauben also solche Unintegere und Unreine Geschäfte an Jugendliche (oder/aber auch an Erwachsene) seien ok und gut und glauben somit hilflos keine Wahl zu kreativen, integren Ideen zu haben?! Vermutlich sind Sie selber verletzt worden und glauben nun durch diese Verletzungs-Verkäufe ihre Verletzungen loszuwerden! Antworten


Ronnie König

15.04.2009, 16:06 Uhr
Melden

Der Bierverkauf war nicht ok. Aber in der Krise müssen wir uns gefasst machen auf weitere solche Taten. Und der Bund wirft Milliarden den Banken in den Rachen. Was tut er für die kleinen Lädelibesitzer? Die müssen sich selber helfen und haben fast keine Wahl, als solche Verkäufe. Oder weiss jemand eine gute Lösung? So sieht die Realität aus. Und war der Kauf ok? Ich dachte dies sei verboten? Antworten



Basel

Populär auf Facebook Privatsphäre

Verzeichnis

Werbung

Umfrage

Erst Metropolitanregion dann Kantonslobbyist – und nun eine parlamentarische Gruppe: Die Region Basel will in Bern besser gehört werden. Braucht es diese neue Organisation?