Unbewilligter Unterricht zuhause

Ein halbes Jahr vor dem Übertritt in die Sekundarstufe wechseln drei Schüler aus Arlesheim in eine Privatschule – sagen die Eltern. Bloss: Der Unterricht findet zu Hause statt. Das ruft die Behörden auf den Plan.

Vertraute Umgebung: Heimunterricht ist nur unter strengen Auflagen zulässig.

Vertraute Umgebung: Heimunterricht ist nur unter strengen Auflagen zulässig. Bild: Keystone

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Misstrauen schien zunächst nicht angebracht: Vorschriftsmässig meldeten im vergangenen November drei Eltern aus Arlesheim ihre Sprösslinge per Formular von der Primarschule ab. Die Fünftklässler, so hiess es darin, würden fortan eine Privatschule mit Sitz in Basel besuchen. Um sicher zu sein, dass alles korrekt abläuft, legte die Schulleitung das Schreiben auch Helen Frei vom Baselbieter Amt für Volksschulen (AVS) vor: «Ich habe überprüft, ob für diese Schule eine offizielle Bewilligung vorliegt», sagt Frei, die den Namen des Bildungsinstituts aus Datenschutzgründen nicht nennt. Da es sich um eine anerkannte Privatschule handelt, schien einem Schulwechsel der Kinder nichts im Wege zu stehen. «Für mich hatte sich die Sache damit erledigt.»

Ein Irrtum – denn bereits wenige Tage nach ihren ersten Abklärungen wurde sie erneut kontaktiert von der Primarschulleitung: Es gebe Anzeichen, dass die Kinder nicht in Basel zur Schule gehen, so Frei. «Man sagte mir, dass die drei Buben während den Pausenzeiten immer wieder auf dem Schulhof auftauchten, wo sie mit ihren ehemaligen Klassenkameraden spielten.»

Inspektion angeordnet

In diesem Moment sei sie erstmals stutzig geworden: «Das deutete stark auf Heimunterricht hin.» Weil für diese Unterrichtsform – auch Homeschooling genannt – deutlich strengere Vorschriften gelten als bei einem Wechsel zu einer Privatschule, ordnete sie für den 6. Januar eine Inspektion an. «Ich wollte mir vor Ort ein Bild machen.»

Freis Vermutung bestätigte sich, als die Einladung der Privatschule nicht in die Schulräume nach Basel erfolgte – sondern in das Elternhaus eines der drei Kinder, wo sie von Lehrkräften besagter Schule unterrichtet wurden. «Das fällt klar unter die Kategorie Homeschooling», so ihr Urteil.

Für diese grundsätzlich erlaubte Schulform braucht es gemäss AVS-Aufsichtsleiter Dieter Kaufmann einen offiziellen Antrag der Eltern: «Darin muss nachgewiesen werden, dass die Kinder von Lehrpersonen unterrichtet werden, die ein der Schulstufe entsprechendes Lehrpatent vorweisen können.» Nach Gesprächen mit den Eltern folge der verbindliche Behördenentscheid: «Dabei zählt für uns ausschliesslich das Wohl des Kindes und nicht die Interessen der Eltern», betont Kaufmann.

Hohes Niveau

Die Beurteilung, ob es zum Besten der drei Arlesheimer Buben ist, wenn sie daheim unterrichtet werden, obliegt Helen Frei. Grundlage dafür ist in erster Linie die Auswertung ihrer Inspektion. Während zwei Stunden nahm sie die Lehrkräfte, die Lehrmittel und den Unterricht unter die Lupe. Ihr Fazit: «Die Kinder wirkten zufrieden, sie wurden auf hohem Niveau betreut.»

Für eine Gesamteinschätzung gelte es neben den Eindrücken des Schulbesuches noch weitere Faktoren zu berücksichtigen. Dazu gehöre beispielsweise, dass die Buben aus einem Klassenverbund genommen wurden, wo sie eine Lücke hinterliessen, sagt Frei. Auch das Argument der besonders intensiven Betreuung durch Privatlehrer sei mit Blick auf die Situation an der Volksschule zu beurteilen: «Die Kinder wurden in der Primarschule ebenfalls speziell gefördert. Neben dem normalen Unterricht besuchten sie einen Begabtenkurs.»

Um ihre Kinder zu schützen, verzichten die Eltern bewusst auf eine Stellungnahme hierzu. Auch die Schulleitung möchte sich nicht äussern. «Man kann aber davon ausgehen, dass in der Schule ein gewisses Unverständnis herrscht», so Frei. Fragen werfe nämlich auch der Zeitpunkt der Aktion auf: «Dass die Buben ein halbes Jahr vor Übertritt in die Sekundarstufe aus der Schule genommen wurden, scheint vielen unlogisch.»

Kindswohl

Vielleicht war das Datum des Austritts aber auch bewusst gewählt. «Ich kann nicht ausschliessen, dass hier auf Zeit gespielt wird», sagt Frei. Während des laufenden Verfahrens werden die Fünftklässler nämlich weiterhin zu Hause unterrichtet – möglicherweise bis Ende Schuljahr. Der Grund: «Sollten wir zum Schluss kommen, dass eine Rückkehr in die alte Klasse nicht zum Besten der Kinder ist, werden wir den Heimunterricht erlauben.»

Noch kann Frei sich nicht verbindlich äussern. Aber jetzt schon stellt sie klar: «Es handelt sich hier um eine Situation, wie wir sie noch nie erlebt haben. Eine allfällige Bewilligung wäre kein Präjudiz, sondern die absolute Ausnahme, die wir ausschliesslich unter der Optik des Kindswohles getroffen haben.» Grundsätzlich, macht Frei deutlich, bleibe das Baselbiet bei seiner restriktiven Handhabung in Sachen Homeschooling. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.01.2011, 06:44 Uhr

Umfrage

Drei Kinder aus Arlesheim erhalten seit November Privatunterricht daheim – ohne Bewilligung. Sollte Homeschooling verboten werden?

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Nein

 
51.8%

739 Stimmen


Restriktive Vorschriften

Homeschooling erfreut sich vor allem in den USA grosser Beliebtheit. In Europa ist der Heimunterricht hingegen oft nur eingeschränkt möglich oder gar verboten, wie zum Beispiel in Deutschland. Hierzulande ist es Sache der Kantone, Vorschriften dazu zu erlassen. Besonders restriktiv ist St. Gallen, wo im vergangenen Jahr einem Elternpaar per Gerichtsentscheid der Privatunterricht ihrer Töchter untersagt wurde, weil es keine Lehrbewilligung hatte.
Strenge Auflagen für den Heimunterricht gibt es auch in Basel: Eine Dispensation von der allgemeinen Schulpflicht sei nur möglich, wenn zwingende Gründe wie Krankheit oder ein nur kurzer Aufenthalt in der Region vorliege, sagt Hans Georg Signer vom Erziehungsdepartement. Überdies müsse die Lehrperson befähigt sein, zu unterrichten.
Derzeit gibt es in Basel einen und im Baselbiet (nebst dem Arlesheimer Fall) zwei Fälle von Homeschooling. Schweizweit schätzt Willi Villiger vom Verein «Bildung zu Hause Schweiz» die Anzahl der Homeschooler auf 350. Die Motive für diese Bildungsform seien verschieden, «sie reichen von weltanschaulichen Gründen über die Unzufriedenheit mit der Volksschule bis zum Wunsch, Erziehung und Bildung der Kinder nach alternativen pädagogischen Konzepten selber zu gestalten». (kr)

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