Ein zu strenges Leben nach dem Koran

Eine Schwester der Handschlag-Verweigerer musste vor ihrer muslimischen Familie in ein Frauenhaus fliehen.

Imam I.S., Vater der beiden Therwiler Handschlag-Verweigerer, in der König Faysal Moschee in Basel.

Imam I.S., Vater der beiden Therwiler Handschlag-Verweigerer, in der König Faysal Moschee in Basel. Bild: Jürgen Endres

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Der Vater der Handschlag-Verweigerer, der zwei Buben, die in Therwil ihrer Lehrerin die Hand nicht mehr reichen, wird als Imam in der König-Faysal-Moschee in Basel in den höchsten Tönen gepriesen: «Er ist ein Vorbild für uns Muslime», sagt Arab Nabil, Geschäftsführer der König-Faysal-Stiftung, die wegen ihrer undurchsichtigen Finanzierung ins Visier der Behörden geraten ist. Nabil findet über den Imam I.S., der freitags in seiner Moschee predigt, nur gute Worte. I.S. sei ein Friede suchender Imam. Kommt es zu Konflikten zwischen Behörden und jungen, gläubigen Muslimen, dann finde er immer Lösungen. Imam I.S., der für sich und seine Familie den Schweizer Pass beantragt hat, wird dargestellt als bester Jugendarbeiter, als engagierter Vater von zwei Söhnen im Alter von 14 und 15 Jahren sowie vier Töchtern. Mehr als orientalische Erzählkunst sind die Aussagen aus der Moschee aber nicht.

Das Bild, welches Lehrer seiner Kinder und Nachbarn vom Imam und seiner Familie zeichnen, ist so beklemmend wie beängstigend. Zumindest für Tochter B., deren Lebensstationen nach BaZ-Recherchen verlässlich nachgezeichnet werden können. Die Minderjährige ist aus dem strengen Elternhaus in ein Frauenhaus geflohen und wird an einem Ort, an dem sie vor ihrer Familie sicher ist, betreut. Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde ist eingeschaltet. Es sind neue Sachverhalte, die auch die Darstellung der Religions- und Integrationsbehörden in Basel, allen voran Regierungspräsident Guy Morin, in neuem Licht erscheinen lassen. In Basel hat man die Familie als «streng fromm», als transparent und mittels Integrations-Vereinbarung völlig kontrolliert dargestellt. Es ist Augenwischerei.

«Ich wurde nur angelogen»

Der erste Wohnort in Ettingen lag an der Schiblismattstrasse. Nachbar K. mag sich an den Zuzug von Imam I.S. erinnern, als wäre es gestern gewesen. Die Eltern besichtigten die Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung und gaben vor, sie zu zweit nutzen zu wollen. «Nach drei, vier Wochen kamen mindestens fünf Kinder hinzu», erzählt er. Die Eltern hätten vorgegeben, ihre Kinder seien eben aus Syrien nachgezogen. «Dabei konnten sie besser Deutsch als die Eltern. Ich wurde ohnehin nur angelogen.» Bald sei er von I.S. für alles verantwortlich gemacht worden – für das Verschwinden eines Velos oder eines Mopeds. Die Frau des Imams tauchte im Flur ausschliesslich verhüllt auf. Wenn er nicht im Haus war, ging die Tür nie auf. «Seine Frau war eine unsichtbare Unperson und will nun dennoch eingebürgert werden», bemerkt K. Dann machte er Druck bei der Liegenschaftsverwaltung, die Familie suchte in Ettingen eine neue Bleibe.

Die Beschreibungen K.'s werden von Nachbar S. ergänzt: «Der Schulweg zweier Töchter von der Schiblismattstrasse nach Therwil ging vor meinem Haus durch. Sobald sich die Kinder aus dem Blickwinkel der Elternwohnung wähnten, zogen sie ihr Kopftuch aus und im Sommer die langärmlige schwarze Kleidung», erzählt er. Das sei dann irgendwie vom Elternhaus bemerkt worden. Es kam zum Eklat: «Die Töchter wurden für Stunden auf den Balkon gesperrt. Sie warfen Kopftuch und die Islam-Kleidung in den Garten. Und schliesslich tauchten Burka-Frauen auf dem Balkon auf, welche unter grossem Geschrei auf die Mädchen einredeten. «Ob das jene Töchter sind, die nach Syrien verfrachtet wurden?», fragt er sich und hegt den Verdacht der Zwangsverheiratung. Sorgen, die auch Lehrer an der weiterführenden Schule in Oberwil teilen.

Ältere Schwestern in Syrien

Nein, hier handelt es sich um die jüngeren Töchter A. und B. Die beiden anderen Töchter, die angeblich zur Ausbildung nach Syrien gingen, sind beide über zwanzig Jahre alt. An der Schule in Oberwil hiess es, eine Tochter befinde sich dort im Gefängnis. Aber das ist unbestätigt. Mit der Familie musste sich die Schule in Oberwil mehrfach beschäftigen. Beispielsweise liess der Imam seine Tochter B. von der Teilnahme am Klassenlager dispensieren. Der Grund: Sie gebe sich dem strengen Ramadan hin. Das Mädchen durfte tagsüber kein Wasser trinken. Im heissen Frühsommer 2015 drohte ihr der Kreislaufkollaps. So war sie nicht mehr schulfähig und konnte selbst am Ersatzprogramm nicht mehr teilnehmen, das die Schule bereithält für Jugendliche, die nicht an Lagerprogrammen partizipieren.

An der Schule wurde B. als schüchtern wahrgenommen. Sie trug das Kopftuch pflichtbewusst, hatte die Lippen auffällig stark geschminkt. «Ich wertete es als stillen Protest gegen die Kleiderauflagen aus der Familie», sagt eine ihrer Lehrpersonen. Leistungsprobleme führten schliesslich dazu, dass das Kind hätte repetieren müssen, worauf es aus der Schule genommen wurde und von der Bildfläche verschwand. Dasselbe Schicksal wie ihre beiden älteren Schwestern ereilte B. aber nicht. Rechtzeitig suchte sie Schutz im Haus für Frauen in Not. Das Frauenhaus war nur ein Zwischenaufenthalt. B. ist nun in Sicherheit vor der Familie. Der Imam konnte nicht erreicht werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.04.2016, 07:17 Uhr

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