Vom Kesb-Leiter zum Hausmann in Peru

Luca Giacobini hat seinen Chefposten an den Nagel gehängt und wandert aus. Die Zeit bei der Kesb sei ihm an die Substanz gegangen, nicht zuletzt wegen der Anfeindungen und Drohungen.

Auswandern auf Zeit: Luca Giacobini mit seiner Lebenspartnerin Flurina Doppler und den gemeinsamen Kindern Meret und Manuel.

Auswandern auf Zeit: Luca Giacobini mit seiner Lebenspartnerin Flurina Doppler und den gemeinsamen Kindern Meret und Manuel. Bild: Florian Bärtschiger

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In zwei Wochen wird sich Luca Giacobinis Leben radikal ändern. Bis vor Kurzem war er Präsident der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Laufental und somit verantwortlich für das Schicksal von Hunderten Menschen.

Nun kümmert sich der 42-jährige Jurist nur noch um seine eigenen zwei Kinder. Er wird Hausmann – in Peru. «In einer machoiden Gesellschaft, in der die Erwerbsarbeit beim Mann angesiedelt ist, werde ich als Hausmann sicher schräg angeschaut. Doch ich scheue diese Auseinandersetzung nicht», sagt Giacobini, während sein acht Monate alter Sohn Manuel auf ihm herumkraxelt. Er sitzt mit seiner Lebenspartnerin Flurina Doppler, die die zweijährige Meret auf dem Schoss hat, in der Küche seiner Altbauwohnung in Basel. Wie ihre Küche in Lima aussehen wird, wissen sie nicht, denn sie haben dort noch keine eigene Wohnung.

Klar ist, dass es keine Luxusresidenz mit Pool sein wird. Denn die Familie muss mit dem lokal angepassten Lohn von 2300 Franken durchkommen, den Flurina Doppler dort erhalten wird. Die Sozialanthropologin hat in der peruanischen Hauptstadt einen dreijährigen Einsatz für die Schweizer Non-Profit-Organisation Comundo. Bei einer peruanischen Nichtregierungsorganisation wird sie sich für Korruptionsbekämpfung, nachhaltige Entwicklung und für die Wahrung der Rechte der Anden- und Amazonasvölker bei Megaprojekten einsetzen. Mit diesem Auslandeinsatz geht vor allem für Flurina Doppler ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung – wobei die Millionenstadt Lima weder für sie noch für Luca Giacobini Wunschziel war. «Es wird sicher eine Herausforderung, in einer solchen Megacity zu leben.»

Pistolenkugel in der Post

Die Familie wäre lieber in eine ländliche Gegend versetzt worden, die weniger von Verkehrschaos und Dauernebel geplagt ist. Dass sie trotzdem nach Lima gehen, hat mir dem Projekt zu tun: «Ich finde es spannend, dass Flurina dort für Benachteiligte einsteht und eine kritische Stimme unterstützt.» Comundo ist eine christliche Organisation. Für Giacobini und Doppler, die beide «mit der Kirche wenig anfangen können», ist dies jedoch kein Problem. «Ich werde neben der Kinderbetreuung als Erstes besser Spanisch lernen. Danach steige ich vielleicht auch in das Projekt ein», sagt der Jurist.

Obwohl Flurina Doppler die treibende Kraft hinter dem Einsatz im Ausland ist, sagt Giacobini, dass es für ihn der ideale Zeitpunkt war, bei der Kesb aufzuhören: «Die letzten acht Jahre Vormundschaftsbehörde und Kesb waren extrem stressig und haben definitiv Spuren hinterlassen.» Zu schaffen gemacht hätten ihm nicht nur die drei Reorganisationen und die knappen Personalressourcen, sondern auch die vielen Anfeindungen, denen man als Kesb-Präsident ausgesetzt sei: « Ich habe beispielsweise eine Patrone zugesandt bekommen. Das geht schon an die Substanz», sagt er. Vor allem, da er die Gedanken an schwierige Fälle am Abend oft mit nach Hause nahm.

Himmeltrauriger Fall

Einer dieser Fälle ist das tragische Schicksal dreier kleiner eritreischer Knaben. Deren Mutter hatte sich nach einem gescheiterten Ausschaffungsversuch in der Psychiatrie Baselland das Leben genommen. Da sie ihren Ehemann aus asyltaktischen Gründen verschwiegen hatte, wurden die Buben fremdplatziert. Der Vater, Michael Ghebremeskel, gab sich zu erkennen und wollte seine Kinder zu sich holen. Doch die Kesb, der Vater und dessen Mitstreiter Ernst Madörin hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, was für die Knaben das Beste sei. Ghebremeskel wollte seine Kinder am liebsten sofort bei sich. Die Kesb ordnete jedoch einen behutsamen Übergang von der Pflegefamilie zum Vater an, ohne anzugeben, wann er die Kinder definitiv zu sich nehmen kann.

Die Fronten verhärteten sich, mit dem Resultat, dass sich bereits mehrere Gerichte mit dem Fall befassen mussten oder noch müssen. Auch Giacobini selbst wurde angezeigt. Die Kinder aber sind noch immer fremdplatziert. Dies sei einer jener Fälle, die sehr viel Kraft gekostet hatten, sagt Giacobini: «Das ist eine himmeltraurige Geschichte, wegen der bereits viele Menschen krank geworden sind – nicht nur bei der Kesb.» Die Rolle der Medien sei ein weiterer Stressfaktor gewesen: «In letzter Zeit werden immer wieder Einzelfälle aufgebauscht. Natürlich hat die Kesb auch Fehler. Doch die Presse lässt sich oft instrumentalisieren», sagt Giacobini. Er macht sich Sorgen, dass die Bevölkerung deshalb das Vertrauen in rechtsprechende Institutionen wie die Kesb oder Gerichte verlieren könnte und die Unabhängigkeit verloren geht.

Sein Auslandsaufenthalt macht ihm hingegen keine allzu grossen Sorgen mehr: «Nach Phasen des Zweifelns überwiegt nun klar die Vorfreude», sagen sowohl Giacobini als auch Doppler. Denn obwohl sie in Lima mit einem lokalen Lohn leben müssen, seien sie doch immer noch privilegiert. «Wir wurden beispielsweise sehr gut versichert. So haben wir etwa eine Rega-Gönnerschaft und können im Ernstfall zur Behandlung in die Schweiz», sagt Flurina Doppler. Zudem macht Comundo monatliche Rückstellungen. Nach ihrem dreijährigen Einsatz erhält die Familie so eine Rückkehrhilfe von knapp 30'000 Franken. «Natürlich wird, beruflich gesehen, niemand auf uns warten, wenn wir zurückkommen. Doch wir werden unseren Platz schon finden», sagt Giacobini. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.09.2015, 09:13 Uhr

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