Das Ende der Geschichte

Der Lehrplan 21 schafft das Fach Geschichte in der Oberstufe ab – Fachleute sind besorgt. Die Schüler könnten so die Übersicht darüber verlieren, was sie eigentlich lernen.

Schüler werden sich künftig weniger an Geschichte den Kopf zerbrechen müssen – aber ist das gut?

Schüler werden sich künftig weniger an Geschichte den Kopf zerbrechen müssen – aber ist das gut? Bild: Keystone

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Norah ist in der vierten Klasse und lernt gerade die Römer kennen – sie ist begeistert. In welchem Fach das denn drankomme? «Im NMM», ruft sie. «Natur, Mensch, Mitwelt» ist ein Konglomerat aus Geschichte, Geografie, Gesellschafts- und Staatskunde. «Die Idee war, einzelne Perspektiven zu einem Bild zusammenzufügen. Das war nicht erfolgreich», erläutert Béatrice Ziegler, Präsidentin der Deutschschweizer Geschichtsdidaktik.

Umso erstaunlicher, dass der Lehrplan 21 mit dem Fach «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG), das in Unter- und Oberstufe Geografie, Geschichte und politische Bildung ersetzt, den missglückten NMM-Versuch zum Vorbild nimmt. Die Folge: Die Schüler werden zwar über historische Geschehnisse informiert, ein Fach «Geschichte» kennen sie allerdings nicht mehr. Römer und Ritter, Weltkriege oder Bundesverfassung – für Norah und ihre Gspäänli ist alles NMM – und bald RZG.

(Nicht) nur eine Bezeichnung

Zweck der Schule ist es, auf das Leben und die selbstbestimmte Teilnahme an der Gesellschaft vorzubereiten. «Wir brauchen ein gesellschaft­liches Bewusstsein, das stark historisch geprägt ist, denn das schafft Identität», sagt Ziegler. Nur so können Fragen wie: «Wie wollen wir miteinander leben? Woher kommen die herrschenden Konflikte und wie möchte ich diese gelöst wissen», selbstständig gelöst werden. «Wenn man das nicht macht, ist der Bildungsauftrag nicht erfüllt», sagt Ziegler klar. Dann seien die Jugendlichen für eine sinnvolle Teilnahme an der Gesellschaft nicht ausgestattet.

«Ich reite nicht darauf herum, dass das Fach dringend ‹Geschichte› heissen muss. Aber Jugendliche müssen erkennen, was Geschichte ist, was Geografie und was Politik.» Denn: «Jugendliche haben diese Disziplinen nicht im Kopf, die werden dahin getragen – oder eben nicht. Wenn Geschichte nicht als Geschichte in Erscheinung tritt, ist sie in ihren Köpfen nicht vorhanden.» Was dann passiere, zeige beispielsweise die Soziologie: «Die gibt es in der Schule nicht und darum gibt es sie auch für die Jugendlichen nicht.» Was bleibe, seien die Ruinen der Römer, die manche als Hobby gern anschauen. Ulrich Maier, Leiter Mittelschulen und Berufsbildung, schüttelt den Kopf. Er ist überzeugt, dass die Disziplinen klar bleiben: «Die Schüler sollen wissen, was sie lernen. Das geschieht aber nicht durch den Namen eines Fachs, sondern durch methodisches Reflektieren.»

Zieglers Angst, dass mit dem Namen auch das Wissen um die Zusammenhänge geschichtswissenschaftlicher Stoffe verloren gehe, rührt daher, dass sie im neuen RZG von der Geschichte nur noch einzelne Fragmente erkennen kann, deren Gewichtung nicht festgelegt, sondern in das Ermessen der einzelnen Lehrpersonen gelegt würden.

Verlust an Relevanz

Das Konglomerat RZG ist in acht Kompetenzen aufgeteilt: Vier entfallen auf die Geografie, vier auf die Geschichte. Mit dabei ist bei den Geschichtskompetenzen aber auch die politische Bildung, wodurch laut Ziegler das eigentliche Geschichtspensum noch stärker beschnitten wird: «Auch das ist eine Mogelpackung, die niemandem etwas bringt.» Maier dagegen sieht darin einen Gewinn für das integrierende Konzept der Geschichte, die sich seit jeher auf Hilfswissenschaften stützt. Das formale Aufgehen der verschiedenen Kompetenzen ineinander, befürchtet Ziegler aber, sende eine schwerwiegende Botschaft für die Lehrer, aber auch für die breite Öffentlichkeit: «Es impliziert, dass Geschichte als gering geachtet wird.» So wirkt das auch auf Peter Gautschi, Leiter des Luzerner Zentrums für Geschichts­didaktik: «Die Deutschschweiz erachtet heute gemäss Lehrplan 21 Geschichte als weniger wichtig als früher.» Er bestätigt, dass RZG weniger historisches Wissen vermitteln wird als bisher.

Entsprechend, und das sei neben dem Bewusstsein der Schüler die zweite wichtige Hürde, würden weniger Menschen sich darauf einlassen, so Ziegler. Das wiederum beeinflusse die Politik: Die definitive Entscheidung, ob die acht Kompetenzen als Geschichte und Geografie, oder als Mix unterrichtet werden, liegt beim Kanton. «Wird Letzteres gewählt, entscheidet erst recht die Lehrperson, wie viel Zeit sie welchem Thema pro Woche zugesteht.»

Was passiert mit den Lehrern?

Wenn es keinen Geschichtsunterricht mehr gibt, fragt sich Ziegler, braucht es denn dann noch Geschichtslehrer? «Je nach Entscheidung der Kantone, müssen die Pädagogischen Hochschulen entscheiden, ob sie weiterhin Geschichtslehrer ausbilden, oder ob sie den Studiengang anpassen.» Das wäre problematisch, diagnostiziert sie doch bereits einen Mangel an Geschichts­wissen in Schule und Gesellschaft. Die von der Aargauer Zeitung gestellte Frage: «Glauben Sie, dass Wilhelm Tell wirklich gelebt hat?», beantworteten 31 Prozent der Befragten mit: Ja.»

Maier beruhigt: Die Umbenennung des Fachs bedeute nicht, «dass die Kinder keinen Geschichtsunterricht mehr haben – er heisst nur nicht mehr so». Ändern werde sich, dass vermehrt Themenblöcke stattfinden: «Stadtentwicklung beispielsweise ist ein Gebiet, in dem politische Bildung, Geschichte und Geografie wunderbar ineinandergreifen.» Dazu brauche es noch immer Lehrer. Was Ziegler befürchtet, geht aber tiefer als ein Themenblock, es geht um das Selbstverständnis einer, unserer Gesellschaft: «Wie sehr unser Leben historisch grundiert und gedacht ist, das geht dann unter in der Aufmerksamkeit der Jugendlichen und damit analog auch in der Gesellschaft.»

Auch die Uni ist besorgt

Auch an der Uni ist man besorgt über die eingeschlagene Richtung: «Das grosse Problem des Lehrplans 21 ist die Abschaffung des Fachs Geschichte», so Lucas Burkart, Professor an der Uni Basel. Das Wegfallen des Begriffs «Geschichte» wiege so schwer, weil sie lehre, «Zusammenhänge in die Breite, aber auch zwischen Geschichte und Gegenwart, herstellen zu können». Kollege Martin Lengwiler, Leiter des Departments für Geschichte, fürchtet, dass sich Maturanden nicht mehr für das Studienfach Geschichte einschreiben, wenn sie in der Schule erst spät damit konfrontiert werden.

Auch hier relativiert Maier: «Die Sorgen der Universität sind unbegründet, diese Entscheidung findet in der Regel erst im Gymnasium statt. Hier wird Geschichte weiterhin als Grund­lagen- und Ergänzungsfach unterrichtet.» Aber, so Maier: «Auch die Gym­nasien müssen mit dem Lehrplan 21 nochmals über die Bücher mit ihren Lehrplänen.» Steht die Geschichte auch hier auf Messers Schneide? «Es geht vor allem auch darum, im Unterricht keine Doubletten zu produzieren.» Geschichte als Fach bleibt den Gymnasiasten also erhalten – der Grossteil der Schüler wählt aber eine Berufslehre. «Nur ein sehr elitäres Gesellschafts­system würde sagen, dass die Mehrheit der Gesellschaft nicht wichtig ist.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.04.2015, 13:56 Uhr

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