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«Heute noch weckt mich die Angst»

Von Mischa Hauswirth. Aktualisiert am 07.10.2012 15 Kommentare

Der Elsässer Georges Stotz (88) wurde zwangsrekrutiert für Hitlers Krieg im Osten. Was bleibt, sind unauslöschliche Erinnerungen an schreckliche zwei Jahre seines Lebens.

«Malgré-nous»: Georges Stotz musste als 19-Jährige gegen seinen Willen die Wehrmachtsuniform anziehen.

«Malgré-nous»: Georges Stotz musste als 19-Jährige gegen seinen Willen die Wehrmachtsuniform anziehen.
Bild: Mischa Hauswirth

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Manchmal liegt nur ein Hauch zwischen Leben und Tod, zwischen Glück und Verderben. Georges Stotz hat dies mehrmals erfahren. 70 Jahre nach Hitlers Krieg im Osten blickt Stotz auf die einzigen Fotos, die er von damals hat. Sie zeigen ihn in Uniform der Wehrmacht, lächelnd, als jungen Soldaten. «Ich wollte nie dorthin», sagt er. «Die Deutschen haben uns ­Elsässer alle zwangseingezogen.»

Von Schlettstadt aus, dem heutigen Sélestat bei Colmar, wurde der damals 19-jährige Georges nach Hamburg zur Rekrutenausbildung geschickt, wo er zum Infanterie-Pionier und Maschinengewehrschützen ausgebildet wurde. Dort erlebte er den Fliegerangriff auf Hamburg Ende Juli 1943. Georges: «Die Bomben kamen wie eine gigantische Traube vom Himmel – da verging jedem das Lachen.»

Während der sogenannten Opera­tion Gomorrha flogen 791 englische Bomber über Hamburg und warfen 350'000 Brandbomben ab. Ganze Quartiere brannten. Das Inferno ging als «Feuersturm von Hamburg» in die ­Geschichte ein. Georges, der jetzt Georg genannt wurde, musste helfen, die 30'000 Toten zu bergen, die in einer Nacht umge­kommen waren. Meist Zivilisten, Arbeiter, Frauen und Kinder. «Wir haben sie aus den Kanälen gefischt und am Ufer aufgestapelt wie Holzscheite.»

Während der Schiessübungen und der Ausbildung zum Infanterie-Pionier lernte Georges einen anderen Elsässer kennen, Charles, etwas jünger als er, ebenfalls aus der Gegend von Schlettstadt. Sie wurden Freunde. «Er bot mir im Spass an, seine Schwester mit mir zu verkuppeln, wenn ich ihm dafür eine ­Zigarette geben würde.» Sie lachten, Soldatenwitze halt. Georges ahnte nicht, dass die Schwester tatsächlich einmal seine Frau und seine grosse ­Liebe wird, Charles diesen Tag aber nicht mehr erleben würde.

Sumpf, Mücken und Granaten

Dann kam der Marschbefehl für die Ostfront. Georges wurde mit dem ­Regiment 148/Division 171 in Estland stationiert, in der Nähe des Grenzortes Narva. Da gab es nichts ausser Fichtenwäldern, Sumpf und Stechmücken. «Wir konnten die Russen von unseren Gefechtsständen und baumhüttenartigen Verschlägen aus sehen. Während die Kanonen über uns hinwegschossen, hatten die Russen die Granatwerfer ­direkt auf uns gerichtet.»

Zwischen der Stelle, wo Georges’ Truppe im Sumpf ausharrte, und dem Verpflegungsposten lag eine grosse Waldlichtung. Ein Schild warnte vor Heckenschützen. Trotzdem meldete sich Georges freiwillig für den Essensholdienst. Mit zwölf Blechgeschirren ging er los. Unverletzt erreichte er den Koch, der seinen Mut lobte und ihm als Belohnung eine zusätz­liche Portion ­wegen «Tapferkeit vor dem Feind» gab. Auf dem Rückweg ­allerdings wurde er beschossen, konnte sich aber ­unverletzt zur Truppe ­zurückretten. Er war der Einzige, der an diesem Tag ­etwas zu ­essen bekommen hatte.

Immer wieder wurden sie verlegt. Das Bataillon schrumpfte täglich, bis von den 90 Mann nur noch 18 übrig geblieben waren. «Es gab Tote um Tote.» Mehr Details will oder kann er nicht ­erzählen. Die Erinnerungen treiben ihm heute noch Tränen in die Augen. «In dem Moment ist man fast kein Mensch mehr. Man funktioniert nur noch, verdrängt, wie sehr einen alles beelendet. Ich hatte immer nur ein Ziel: Ich wollte heimkommen.»

An einem eisigen Morgen Anfang 1944 riss ein Granatsplitter seine linke Wade auf. «Mit einem Mal wurde mein ganzer Stiefel feucht und alles war rot», sagt er. «Sie schickten mich zum Hauptverbandsplatz. Dort hatten sie aber keine Zeit für mich, die Operationstische waren überfüllt, überall lagen Männer mit furchtbaren Verletzungen herum. Einige schrien entsetzlich.»

Im Lazarett bei Riga

Georges setzte sich etwas abseits und wollte sich ausruhen, als überall russische Soldaten in weisser Tarn­kleidung durch den Wald rannten und die Truppe, bei der er vorher noch gewesen war, einkesselten. Die Verwundeten interessierten die Russen nicht. Georges ist sich bewusst, dass «die ­Verwundung mich vor der russischen Gefangenschaft oder Schlimmerem ­bewahrt hat».

Kurz darauf brachte ihn die Sanitätseinheit in ein Schulhaus bei Riga, das als Lazarett diente und voller Wanzen war. Im Lazarett traf er auf einen Elsässer. «Georges, bisch düüs?», fragte dieser und gab ihm ein Paket aus der Heimat. «Das war das einzige Paket, das ich während des ganzen Krieges bekommen habe. Da war Schnaps drinnen.»

Dieser Schnaps hat ihn in eine ­prekäre Situation gebracht. Nach einem Gelage unter Verwundeten irrte er ­vollkommen betrunken in der Gegend herum und wachte in einem Haus auf ­einem Stuhl auf. In dem Zimmer, in dem er sich befand, waren eine Frau und ihr kleiner Sohn. Kaum konnte ­Georges wieder denken, rannte er davon, denn es war mehr als Glück, dass die Frau nicht Partisanen verständigt hatte, während er schnarchte.

Gasmaske rettete ihm das Leben

Die Wunde in der Wade war noch nicht richtig verheilt, da musste Georges mit einer anderen Truppe zurück in den Wald. Von vorn wurden sie mit ­Granaten und Maschinengewehren beschossen, von hinten griffen die Flieger an. «Es knallte und explodierte ständig überall im Wald.»

Nach langem Bitten und mehreren abgelehnten Gesuchen erhielt Georges endlich Fronturlaub. Als er die Heim­reise antreten wollte, drängte ihn ein Vorgesetzter dazu, die Gasmaske mit­zunehmen. «Wozu?», fragte Georges. Er erhielt keine plausible Antwort, fügte sich aber dem Befehl. Schicksal oder nicht – wenig später, auf dem Weg durch den Wald zum Bahnhof, schoss jemand auf ihn. «In der Gasmaskendose war ein grosses Loch – der Schuss hätte mich genau im Kreuz getroffen.»

Die Züge, in denen die Männer mit Fronturlaub Richtung Deutschland fuhren, hielten an der ostpreussischen Grenze. Georges beobachtete beim Stopp, wie die Tafeln mit der Angabe des Zielbahnhofes ausgetauscht wurden. Er folgte seiner Intuition und stieg aus. «Viele Elsässer sassen in den Zügen, von diesen kam keiner mehr heim.» Denn die Züge brachten die Männer nicht nach Hause, sondern in die Nähe von ­Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, wo sie aufs Schlachtfeld geschickt wurden.

Der schönste Tag im Krieg

Da Georges Wunde schlecht heilte, kam er nach dem Fronturlaub im März 1944 nach Weingarten bei Ravensburg in ein Kloster. Kaum dort, wurde er zu einem Leutnant in Rendsburg im Norden als dessen persönliche Ordonnanz geschickt. Georges weiss, wie viel Glück er allein mit dieser Zuteilung hatte. Denn die deutschen Truppen im Osten brauchten in dieser Kriegsphase dauernd Verstärkung. Bis im Mai 1945 würden ­Hunderttausende im Ostfeldzug gefallen sein. Darunter auch etliche Elsässer wie sein Rekrutenfreund Charles, der Bruder seiner späteren Frau Odile.

Der Leutnant schickte Georges zur Feldarbeit mit einem Pferd. Die Bauern dort waren vor allem Dänen, und er ­bekam mehrere Angebote, dass sie ihn verstecken würden. Georges: «Den Dänen geschah im Ersten Weltkrieg das Gleiche wie uns Elsässern – sie wurden zwangseingezogen.»

Bei den Bauern im Norden erlebte er den schönsten Tag des Krieges: Zusammen mit einem Freund fläzten sie in der Sonne, «organisierten eine Schüssel mit Schlagsahne» und assen diese mit Biskuits. Georges lacht, als er davon erzählt. Strahlt. Dann sagt er: «Heute kann man sich kaum vorstellen, was für ein Glück für uns ein freier Tag mit Schlagsahne ­bedeutet hatte.»

Im Spätsommer 1944 musste er ­zurück an die Front. Die alliierten Truppen hatten inzwischen die Grenzen Deutschlands im Osten wie im Westen erreicht. Georges bekam wieder ein ­Maschinengewehr und wurde einer Kampfgruppe zugeteilt, die von Bremen aus Richtung Elbe und dann auf der nördlichen Flussseite entlangging. Auf der einen Seite die Deutschen, auf der anderen die Amerikaner. Dauerbeschuss. Georges dachte an Flucht, doch ein Offizier machte ihm klar: «Wenn du abhaust, erschiesse ich dich.»

Von US-Panzer mitgenommen

Als der Rückzug immer schwieriger wurde, verschanzte sich Georges’ Einheit in einem Wald. Ohne Wasser. Ohne Proviant. Doch Hunger und Durst wurden nach drei Tagen übermächtig, und Georges bettelte bei einem Haus um Wasser. Genau in diesem Moment raste ein US-Panzer heran. Die GIs richteten ihre Gewehre auf Georges und forderten ihn auf, auf den Panzer zu klettern. Fünf Kilometer später stiessen sie ihn wieder hinunter. «Sie suchten Wer­wölfe», sagt Georges, «und ich war nur Elsässer.» Als Werwolftruppen wurden damals kleine Spezialkommandos bezeichnet, die ähnlich wie Partisanen in den besetzten Gebieten Deutschlands Sabotage verüben und deutsche Deserteure erschiessen sollten.

Georges’ Kampftruppe ergab sich im Herbst 1944. Bei Lüneburg kam der ­Elsässer in ein Kriegsgefangenenlager. Acht Gefangene mussten sich ein Viererzelt teilen. «Es gab kaum was zu essen. Manchmal bekamen wir etwas Corned Beef in der Büchse mit Brötchen, oder wir pflückten die wenigen Trauben, die an einer Stelle wuchsen.»

Georges hielt es nicht aus. Wollte fliehen. Als er am Zaun des Gefangenenlagers stand, brachte eine Frau zusammen mit einem Mädchen Suppe. Er fragte sie: «Haben Sie keine Zivilkleider für mich?» «Doch, mein Sohn, der kommt nie mehr, der ist in Russland gefallen.» Sie holte ihm die Kleider, er zog sie an, die anderen Häftlinge hoben den Zaun an einer Stelle hoch, und Georges kroch unten durch.

Als er davon erzählt, hält er sich die Hände vors Gesicht, atmet tief durch. «Wenn einer der englischen Aufseher sich umgedreht und das mitbekommen hätte, so hätte er mich wie einen Hasen abgeknallt.» Wieder entschieden Sekunden über Leben und Tod. Wieder stand Georges auf der richtigen Seite.

Nach der Flucht fand ein franzö­sischer Offizier Georges auf der Strasse sitzend. Und das erste Mal konnte er auf Französisch aussprechen, was er den ganzen Krieg hindurch nicht hatte ­sagen dürfen: dass er ein Zwangseingezogener sei und dass er endlich nach Hause wolle und dass er nichts für diesen verdammten Krieg könne. Nachdem die Alliierten ihn kontrolliert hatten, ob die Blutgruppe im inneren linken Oberarm tätowiert war (das Merkmal eines SS-Soldaten), brachten sie ihn in ein Lager in Rheine bei Osnabrück und dann ­weiter über Belgien und schliesslich nach Lille. Von dort wurde er zurück ins Elsass geschickt.

Die versprochene Frau

Die anfängliche Freude über die Heimkehr erhielt schon am Bahnhof von Schlettstadt einen Dämpfer. «Franzosen gingen auf mich los, weil sie mir vorwarfen, für die Deutschen gekämpft zu haben. Dabei wussten alle ganz ­genau, dass keiner von uns freiwillig ­gegangen war. Hätten wir nicht mit­gemacht, wären wir erschossen und ­unsere Familien deportiert worden.» Bis heute haben viele der Malgré-nous, wie die Zwangsrekrutierten genannt werden, den Franzosen nicht verziehen, dass ihnen eine Mitschuld am Krieg ­zugeschoben wurde.

Die Schwester seines Rekrutenfreundes Charles traf Georges zufällig bei ­einer Chilbi. Er erzählte Odile von dem Spässchen, erfuhr, dass der Junge in Russland gefallen sei. Die beiden tanzten miteinander, verliebten sich, heirateten, zogen drei Kinder gross. Heute leben sie in einem kleinen Haus in Sausheim.

Auch 70 Jahre später lassen die ­Erinnerungen Georges nicht in Ruhe. «Heute noch weckt mich manchmal die Angst.» Und dann ist er Mitten in der Nacht wieder an der Front in den sumpfigen Wäldern Estlands, bei den Stechmücken, den Granaten und den Toten, die neben ihm im Gefechtsstand lagen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.10.2012, 08:20 Uhr

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15 Kommentare

Hans Lander

07.10.2012, 11:57 Uhr
Melden 52 Empfehlung 0

Obwohl nur Otto-Normalverdiener, sage ich ich manchmal zu meiner Frau, dass wir im absoluten Luxus leben. Sie versteht dann nicht, was ich damit meine. Ich schon. Antworten


Hermann Hoffmann

07.10.2012, 12:56 Uhr
Melden 32 Empfehlung 1

Auch die meisten Deutschen wurden zwangsrekrutiert. Kriegsdienstverweigerungrecht gabs damals nicht. Die die bei der HJ ihre Gehirnwäsche erhalten haben machten meist sicher gerne mit aber später wurden auch Ältere eingezogen.
Mein Großonkel wollte auch nicht, ihm wurde aber gedroht seinen Hof zu enteignen u. seine Familie zu vertreiben. Er kam ins Strafbataillon u. später die Vermißtenmeldung.
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