Basel

Im Führerstand bin ich mein eigener Chef

Aktualisiert am 02.11.2011

Markus Wirth bildet bei login angehende Lokführerinnen und Lokführer aus

<b>Bubentraum erfüllt.</b> Der 46-jährige Markus Wirth ist Lokführer bei den SBB im Depot Basel.

Bubentraum erfüllt. Der 46-jährige Markus Wirth ist Lokführer bei den SBB im Depot Basel.
Bild: Kostas Maros

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Für Markus Wirth (46) war Lokführer ein Bubentraum. Und er hat ihn sich erfüllt. Nach einer Lehre als Maschinenmechaniker liess sich der gebürtige Emmentaler 1989 zum Lokführer weiterbilden. Seit 2007 arbeitet Wirth zu 60 Prozent als Ausbildner und Klassenlehrer in der Lokführerschule von login in Olten und zu 40 Prozent als Lokführer bei den SBB im Depot Basel. Während er in den ersten Jahren auch noch Güterzüge führte, ist er seit 2009 im Personenverkehr im Einsatz.

BaZ: Braucht man heute noch eine mechanisch-technische Lehre als Voraussetzung für die Weiterbildung zum Lokführer?
Markus Wirth: Nein. Die moderne Elektronik im Führerstand hat das überflüssig gemacht. Ein gewisses technisches Flair ist aber nicht schlecht. Das ist zwar nicht Voraussetzung, aber es ist von Nutzen.
BaZ: Gibt es eine Altersbegrenzung nach oben oder unten für den Einstieg?
Markus Wirth: Da eine abgeschlossene dreijährige Lehre oder Matura vorausgesetzt wird, fängt niemand an, der jünger ist als 20. Das Bundesamt für Verkehr schreibt keine Alterslimite nach oben vor. Aber in der Regel gilt: Ein Einstieg zwischen 20 und 40 ist ideal.
BaZ: Braucht es bestimmte Charaktereigenschaften und bestimmte körperliche Voraussetzungen?
Markus Wirth: Vor Beginn der Ausbildung gibt es eine medizinische und eine psychologische Abklärung. Neben guter Gesundheit ist ein gutes Sehund Hörvermögen Voraussetzung. Wer farbenblind ist, wird nicht aufgenommen. Beim psychologischen Test wird unter anderem Multitasking geprüft. Wenn jemand zum Beispiel so stark auf die Geschwindigkeit fokussiert, dass er ein Warnsignal übersieht oder überhört, ist er als Lokführer ungeeignet. Nur wer alle Tests besteht, erhält die Zulassung zur Ausbildung. Zu den grundlegenden Charaktereigenschaften eines guten Lokführers zähle ich Verantwortungsbewusstsein, Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit.
BaZ: Wie lange dauert die Ausbildung?
Markus Wirth: Sie dauert ein Jahr. Wer mit der Schule beginnt, hat bereits eine Vereinbarung mit einem Transportunternehmen wie zum Beispiel SBB oder BLS. Bei den SBB bilden wir derzeit deutlich mehr Lokführer im Bereich Personenverkehr aus als im Bereich Cargo. Die zwei Frauen und neun Männer, die ich aktuell in meiner Klasse habe, haben alle eine Ausbildungsvereinbarung mit SBB Personenverkehr. Das heisst, sie werden nach bestandener Abschlussprüfung auch dort arbeiten.
BaZ: Wann ist man zum ersten Mal im Führerstand?
Markus Wirth: In den ersten drei Monaten drückt man die Schulbank – von einigen Exkursionen abgesehen. Da sieht man sich einmal eine Weiche ganz genau an oder erhält erklärt, wie die Fahrleitung aufgebaut ist. Diese Basisausbildung wird mit der ersten Zertifikatsprüfung abgeschlossen. Danach erfolgt die Vertiefungsbildung. Man ist als Begleitperson zum ersten Mal im Führerstand dabei. Nach und nach lernt man dann die Triebfahrzeuge kennen. Man beginnt mit dem modernen Regionaltriebzug Flirt, weil der relativ einfach zu fahren ist. Nach neun Wochen gibt es die «Qualitätskontrolle 1». Dann folgt die Einschulung im Rangierdienst. Die Schüler dürfen zum ersten Mal selber bei der Zugsvorbereitung aktiv sein. Zum Beispiel ter Aufsicht einen Zug im Bahnhof bereitstellen. Während der ganzen Ausbildung wird allerdings auch am Simulator trainiert. So können Standardprozesse und Störungen geübt werden, und der Schritt in den «echten» Führerstand ist nicht mehr so gross.
BaZ: Die ersten Versuche im Führerstand sind immer begleitet?
Markus Wirth: Natürlich. Die eigentliche Fahrschule beginnt sogar erst ab der 19. Woche der Vertiefungsbildung, wenn sie die «Qualitätskontrolle 2» absolviert haben. Nach ersten Fahrten mit dem Flirt lernen die angehenden Lokführerinnen und Lokführer nach und nach die anderen Fahrzeuge kennen, vom NPZ – dem Vorgänger des Flirt im Regionalverkehr – über die alten Re 4/4 bis zur Lok 2000. Ab Mitte November wird die aktuelle Klasse dann zum ersten Mal im Fernverkehr eingesetzt. Dann lernen sie zum Beispiel auch den ICN fahren. Dafür braucht es zusätzliche Erfahrung. Die Schlussprüfungen beginnen ab Anfang Januar. Dieser Ausbildungsablauf, insbesondere welche Züge trainiert werden, unterscheidet sich aber je nach Klasse und ist abhängig davon, in welchem Depot die Lokführer/innen nach der Prüfung eingesetzt werden.
BaZ: Und wie sehen die Prüfungen aus?
Markus Wirth: Sie sind dreigeteilt. Zuerst die Prüfung, die durch das Bundesamt für Verkehr erfolgt. Sie ist schriftlich und mündlich. Dann die Triebfahrzeugprüfung, die einen ganzen Tag dauert. Da müssen auf allen möglichen Fahrzeugen Manipulationen vorgenommen werden. Und schliesslich die ganztägige Fahrprüfung auf den verschiedenen Fahrzeugen. Wer alles bestanden hat, ist Lokführer. Man darf bei Nichtbestehen einmal wiederholen.
BaZ: Was macht Spass an diesem Beruf?
Markus Wirth: Das ist bei Cargo und Personenverkehr etwas unterschiedlich. Im Güterverkehr ist das Führen von schweren Zügen mit bis zu 2000 Tonnen Gewicht sehr speziell. Es setzt eine andere Fahrweise als im Personenverkehr voraus. Im Cargo fährt man auch längere Strecken. Von Basel bis Buchs beispielsweise. Im Personenverkehr ist unter anderem das höhere Tempo speziell. Mit 200 km/h auf der Neubaustrecke… Und man hat mit Regional- und Fernverkehr einen interessanten Mix an Aufgaben. Als Lokführer erlebe ich auch immer Landschaften, sehe Herbstwälder, oder spezielle Winternächte. Das bekommt man trotz der Konzentration im Führerstand ja schon auch mit, und ich schätze das nach wie vor. Zudem: Als Lokführer bin ich mein eigener Chef.
BaZ: Aber Sie sind immer allein im Führerstand. Muss man Einzelgänger sein, oder ist das bloss ein Klischee?
Markus Wirth: Ich sage es immer so: Wenn man nicht alleine sein kann, ist man für diesen Beruf ungeeignet. Aber ich selber betrachte mich nicht als Einzelgänger. Nach getaner Arbeit habe ich dann einfach in der Freizeit Bedürfnis nach Gesellschaft. Ich habe Familie und Freunde und geniesse es, ein gutes Sozialleben zu haben. Ich brauche durchaus Menschen um mich herum.
BaZ: Wie kann es gelingen, mehr Frauen für den Beruf zu gewinnen?
Markus Wirth: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, wir müssen noch mehr Werbung machen mit den Frauen, die schon in unserem Beruf sind und Spass an dieser Arbeit gefunden haben. Das müssen wir in der Öffentlichkeit noch mehr hervorheben. Wir haben jetzt zwei Frauen in meiner aktuellen Klasse und bisher vier Frauen, die dem Depot Basel zugewiesen sind. Da besteht schon noch Nachholbedarf. Aber das neue Angebot, als Lokführer auch Teilzeit zu arbeiten, wird da bestimmt helfen, denn Teilzeitarbeit ist gerade bei Frauen ja sehr gesucht.

Erstellt: 01.11.2011, 13:57 Uhr

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